Elektronische Midlife Krise

John Grant über schwulen Narzissmus und seine neue Liebe

John Grants neues Album, sein drittes, heißt „Grey Tickles, Black Pressure“ – das ist die englische Übersetzungen des Isländischen Wortes für „Midlife-Crisis“ und des türkischen Begriffs für „Albträume“. Die Platte ist noch elektronischer und experimenteller als der Vorgänger, aber die Themen bleiben schwul. Auch, weil John einen neuen Partner hat.

 

Auf Deinen ersten beiden Alben hast Du Dich intensiv mit einer traumatischen Beziehung zu einem Mann auseinandergesetzt, der Deine Liebe nie so erwidert hat, wie Du sie für ihn empfunden hast. Spielt diese Beziehung auch auf dieser Platte eine Rolle?
Nicht mehr so stark wie vorher, aber schon noch. Zum Beispiel der Song „Snug Slacks“ greift die Themen Oberflächlichkeit und Narzissmus auf. „No More Tangles“ ebenfalls. Da kommen die „narcisstic queers“ sogar im Text vor.

Machst Du Dir bei solchen Zeilen gelegentlich Gedanken über ihre politische Korrektheit – von wegen Queer Bashing und so?
Nein, eigentlich nicht. Es gibt Bereiche, wo man sich zurücknehmen sollte, wo man höflich und politisch korrekt sein sollte, aber die Kunst ist dafür meiner Meinung nach nicht der richtige Ort. Ich singe über meine eigenen Erfahrungen. Es gibt nun mal eine Menge narzisstischer Leute in der schwulen Community. Andererseits ist mir auch klar, dass es viele Narzissten bei den Heteros gibt. Wenn ich in „No More Tangles“ über narzisstische Queers singe, sage ich damit eigentlich nur, dass ich generell keine Lust habe, mich mit narzisstischen Leuten zu umgeben.

Bist Du im Privatleben oft konfrontiert mit schwulen Narzissten?
Nein, nicht mehr. Ich denke, das sucht man sich irgendwann selber aus, oder? Man muss sich entscheiden, mit was für Leuten man sich umgibt. Wenn du dich dafür entscheidest mit narzisstischen Queers rumzuhängen, bitte. Dann darfst du dich aber nicht über sie beschweren. Andernfalls solltest du deinen Freundeskreis überdenken.

JGOwlsSideClear - Michael Berman

(Foto: Michael Berman)

Als wir das letzte Mal sprachen, warst Du gerade nach Island gezogen und dabei Isländisch zu lernen. Beherrschst Du die Sprache inzwischen?
Nee. Es läuft zwar ganz gut, aber es gibt noch viel zu tun. Isländisch ist eine unwahrscheinlich schwierige Sprache. Viel Grammatik, viele Fälle, sehr knifflig. Ich glaube, es dauert noch ein paar Jahre, bis ich behaupten kann, dass ich das einigermaßen fließend kann.

Ich hab ihn gefragt, ob er mit mir Kaffeetrinken gehen möchte. Er wollte. Sehr bald danach hatten wir den Salat.

Aber Island bleibt Deine Wahlheimat?
Ja, ich finde es immer noch klasse dort und ich werde noch eine Weile bleiben. Ich hab ja inzwischen auch einen Freund, der Isländer ist und eine tolle Familie dort hat.

Wie habt Ihr Euch kennengelernt?
Vor etwa zwei Jahren hatten wir so ein Fotoshooting in Reykjavik. Da war er Graphic Designer, und wir sind zufällig ins Gespräch gekommen. Die Unterhaltung war sehr angenehm. Er sah auch sehr gut aus. Also hab ich ihn gefragt, ob er mit mir Kaffeetrinken gehen möchte. Er wollte. Sehr bald danach hatten wir den Salat.

Also ist das mit der Liebe doch noch gut ausgegangen, und der Albumtitel „Grey Tickles, Black Pressure“ ist nicht wörtlich zu nehmen?
Er ist teilweise augenzwinkernd gemeint, es steckt aber auch ein ernster Kern drin. Ich bin Mitte 40. In diesem Alter fängt man schon an, sich über die eigene Sterblichkeit Gedanken zu machen. Die Herausforderung ist, seinen Frieden mit der Tatsache zu machen, dass man irgendwann sterben wird.

Obwohl es schon ein Verdienst für die Ewigkeit ist, wenn man es als Songwriter schafft, Tracey Thorn von Everything But The Girl als Gastsängerin zu gewinnen, wie es Dir für „Disappointing“ gelungen ist, oder?
Ja, das war echt super. Ich höre Traceys Musik schon seit 30 Jahren und bin Fan von ihr. Bei einem Konzert, das ich letzten Herbst in der Royal Festival Hall in London gegeben habe, hatte ich Gelegenheit, sie Backstage kennenzulernen. Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden. Dann habe ich sie irgendwann gefragt, ob sie Bock hätte, auf „Disappointing“ mitzusingen. Sie war sofort dabei. Hat mich riesig gefreut, dass das geklappt hat. Sie hat sehr viel zu tun, schreibt Bücher und ist auch sonst sehr umtriebig.

 

John Grant kommt nach Europa:

21. November, Zürich

24. November, Köln

25. November, Hamburg

26. November, Berlin

 

Titelbild: Gem Harris


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