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Frankfurt für queere Flüchtlinge

Rainbow Refugees bieten Ersthilfe für LGBTI-Flüchtlinge

Mehr als eine Million Flüchtlinge werden in diesem Jahr Deutschland erreichen, so die Prognose von Vizekanzler Sigmar Gabriel. Der SPD-Chef geht damit über die offizielle Prognose von Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) hinaus, der weiter von 800.000 Asylsuchenden ausgeht. Wie mit dem Flüchtlingsstrom umzugehen ist, darüber wird in der Union heftig gestritten. Während die Kanzlerin weiterhin die Parole „Wir schaffen das” ausgibt, sieht CSU-Chef Seehofer Deutschland vom Zuzug der Menschen „überfordert” – es fehle Maß und Ziel.

Derweil wurden allein in diesem Jahr rund 500 Angriffe auf Asylbewerberunterkünfte gezählt. Das ist die eine Seite. Die andere  ist die anhaltende Welle an Hilfsbereitschaft in der Gesellschaft. Bewegende Bilder vom Münchner Hauptbahnhof oder aus dem Berliner LaGeSo gingen um die Welt – und stehen stellvertretend für beeindruckende, landesweite Solidarität aus der Bevölkerung. So bilden sich in den Städten und Kommunen Initiativen Freiwilliger, die ihren persönlichen Beitrag leisten möchten, den Ankommenden ihren Start zu erleichtern.

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Ein solches Projekt startet in Kürze in Frankfurt am Main: Die Rainbow Refugees bieten Ersthilfe für die Gruppe von Flüchtlingen, die es doppelt hart trifft: Schwule, Lesben, Transgender – das zeigt etwa der homophobe Übergriff in Berlin vergangene Woche. MÄNNER-Autor Sebastian Lühn sprach mit Holger Volland, Mitglied der Rainbow Refugees, über ihr lobenswertes Engagement.

 

„Gerade queere Flüchtlinge haben es schwer. Zunächst geflohen aus ihrer Heimat, die sich in ein lebensbedrohliches Kriegsgebiet verwandelt hat, und nun in engen Unterkünften inmitten von vielen Menschen, deren Religion oder politisches Verständnis eine andere sexuelle Identität nicht akzeptiert.“ Die Zahl Betroffener kann natürlich nur geahnt werden, schon alleine weil die wenigsten sich aus Angst vor Stigmatisierung offen zu bekennen trauen. Bis zu 40.000 dürften es deutschlandweit sein. Einige Medien griffen individuelle Schicksale queerer Refugees auf. Von verbaler und körperlicher Gewalt war hier die Rede, von unfassbarer psychischer Belastung. Ein Höllentrip inmitten des Höllentrips.

Die Rainbow Refugees-Gruppe soll eine erste Anlaufstelle für flüchtende LGBTIs sein. Ziel sei es, so Volland, ein persönliches Netzwerk zu schaffen, um Ersthilfe bei Alltagsproblemen zu bieten. „Wir werden wöchentliche Treffen im Frankfurter Switchboard anbieten, einem geschützten, halböffentlichen Raum innerhalb der Community. Von hier aus können wir vieles gemeinsam starten: Sprachen lernen, Kultur erleben, bei Alltagsfragen helfen oder einfach nur etwas trinken und uns aus unseren Leben erzählen.“

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Holger Volland (Foto: Frankfurter Buchmesse/Alexander Heimann)

 

Wichtig ist hier, die queeren Flüchtlinge nicht in die unangenehme Situation zu bringen, sich outen zu müssen.

Die Rainbow Refugees sind eine Untergruppe des großen Frankfurter Netzwerks Refugees Welcome, das sich aus unzähligen ehrenamtlichen Freiwilligen gebildet hat. Andere Untergruppen spezialisieren sich z.B. auf allein flüchtende Frauen mit Kindern oder bieten Dolmetscherdienste an. Das Netzwerk erarbeitet gerade einen gemeinsamen Flyer, der über Soziale Netzwerke und in den Unterkünften direkt im Großraum Frankfurt und in mehreren Sprachen verteilt werden soll, um auf die verschiedenen Angebote aufmerksam zu machen. Wichtig ist hier, die queeren Flüchtlinge nicht in die unangenehme Situation zu bringen, sich outen zu müssen. Daher beinhaltet der Flyer neben LGBTI-Fragen auch Koch- und Sprachkurse.

 

„Wir wissen nicht, wie hoch der Bedarf überhaupt ist, wie viele sich zu uns trauen und wie die konkrete Hilfe dann aussehen wird. Aber wir sind bereit, mit Rat und Tat zur Seite zu stehen! Es ist allein schon wichtig, Fakten und Hintergrundwissen zu sammeln. Auf der Basis können wir noch gezielter helfen“, sagt Volland. „Ein Traum wäre es, durch unsere Arbeit Aufmerksamkeit zu generieren und den Druck auf die Politik zu erhöhen, sodass diese das Problem speziell für LGBTI-Flüchtlinge erkennt und endlich ernst nimmt!“

 

Die Gruppentreffen finden immer donnerstags von 19-21 Uhr im Switchboard, Alte Gasse 36, 60313 Frankfurt statt.

Kontakt: rainbowrefugeesffm@refugeeswelcomefrankfurt.de

Mehr zum Thema: Die Chancen auf LGBTI-Asyl (MÄNNER-Archiv)

Titelbild: De Visu / Shutterstock.com  (Das Bild zeigt Flüchtlinge auf der griechischen Insel Kos)


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