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„Fritz Bauer ist ein Held“

Lars Kraume über seinen Film „Der Staat gegen Fritz Bauer“

UPDATE (27.5.2016) „Der Staat gegen Fritz Bauer“ ist der große Gewinner der Verleihung des 66. Deutschen Filmpreises. In Berlin wurde er am Abend als „Bester Film“ ausgezeichnet. Außerdem gab es eine Lola für die beste Regie, das beste Drehbuch, den besten Nebendarsteller, das beste Szenenbild und das beste Kostümbild.

 

„Der Staat gegen Fritz Bauer“ erzählte eine unglaubliche Geschichte: Der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, Jude, schwul und Linker,  begeht Ende der 50er Jahre Landesverrat um Adolf Eichmann in Frankfurt vor Gericht zu bringen, arbeitet konspirativ mit dem Mossad und erzieht nebenbei einen jungen, schwulen Kollegen zu soviel Rückgrat, dass der am Ende zu dem stehen kann, was er ist. Das wirklich unglaubliche an der Geschichte ist aber, dass sie wahr ist. Ein Gespräch über echtes Heldentum, falsche Geschlechtsteile und warum man für einen Fritz einen Burghart braucht, mit Regisseur und Drehbauchautor Lars Kraume.

Warum wollten Sie Fritz Bauers Geschichte erzählen?
Lars Kraume:
Das Dritte Reich und der Holocaust sind sehr prägende Geschichten für unsere Kultur. Als Filmemacher will man sich irgendwann zu diesem Thema verhalten. Ich hätte nicht gern eine Geschichte mit Menschen in Uniformen des Dritten Reiches oder einen Film der in KZs spielt, drehen wollen. Weil ich das was wir machen, Menschen in Kostüm und Maske stecken und sie das dann spielen lassen, oft nah an der Ausbeutung dieses unvorstellbaren Leids finde. Das kann leicht zu so etwas wie Gewalt-Pornografie werden. Ich kannte Fritz Bauers Geschichte nicht wirklich und habe erst durch meinen Co-Autor Olivier Guez von ihm erfahren. Die Figur hat mich sehr beeindruckt und es mir gestattet, einen Film über den Holocaust zu drehen, der die Gewalt nicht ausbeutet, sondern sie im Subtext stattfinden lässt.

Burkhart Klaußner und Ronald Zehrfeld als Bauer und Angermann

Burkhart Klaußner und Ronald Zehrfeld als Bauer und Angermann

 In den allerersten Kritiken zu ihrem Film, schreiben Rezensenten nun, sie würden sich als Regisseur und Drehbuchautor mit „unwichtigen Subplots die sich mit Fritz Bauers Sexualität beschäftigen“ aufhalten. Was antworten sie denen?
Diese Menschen finden offenbar, dass Bauers Sexualität nichts mit seinen Leistungen und Errungenschaften zu tun hat. Was ich nicht verstehe. Dass Bauer in Zeiten in denen der Paragraf 175 in seiner verschärftesten Form galt, in dem Bewusstsein, unter anderem dadurch in Deutschland unter besonderer Beobachtung zu stehen, sich die Aufgabe gestellt hat, dieses Land mit seiner Vergangenheit zu konfrontieren, führte dazu, dass er gleichzeitig seine Sexualität nicht frei leben konnte, weil das seine Arbeit in Gefahr gebracht hätte. Das zeigt nicht nur die Menschlichkeit dieser sonst sehr heldenhaft gezeichneten Figur, sondern macht ihn in meinen Augen erst zu einem echten Helden. Er bringt ein Opfer, dass sich sonst niemand abverlangt hätte. Er konnte seine Sexualität ja nicht einmal, wie viele andere Männer in dieser Zeit, im Verborgenen leben.

Die Quellenlage ist in Bezug auf Bauers Sexualität nicht eindeutig.
Aber es gibt deutlich mehr Argumente dafür, dass er schwul war. Er ist im Exil von der dänischen Sittenpolizei wegen Umgangs mit männlichen Prostituierten verhaftet worden und hat diese Verhaftung auch nie bestritten, sich nie zum Opfer einer Kampagne erklärt. In Deutschland nach dem Krieg gibt es nur die Diffamierungen durch seine Gegner, aber auch die sind ja vielsagend. Für mich war seine Sexualität deswegen von so großer Bedeutung, weil sie die Außenseiterposition der Figur noch klarer macht. Als Heimkehrer, Jude, Sozialist und Schwuler in Deutschland in dieser Zeit aufzustehen und seine Meinung zu sagen, dafür brauchte es schon einen ganz besonderen Menschen.

Lilith Stangenberg als Transvestit Victoria

Lilith Stangenberg als Transvestit Victoria

Braucht es die, ja fiktive, Figur von Bauers jungem Kollegen Angermann, um über Homosexualität in der BRD der Fünfziger reden zu können?
Ich habe versucht zu recherchieren, wie der Paragraf 175 in der jungen Bundesrepublik angewandt wurde. Daraus resultiert die Geschichte um das „Valentin“-Urteil (3 Mark Strafe für männliche Prostitution A.d.R.), die ja verbürgt ist. So wie wir das darstellen, stelle ich mir den Umgang mit Homosexualität damals vor. Bauers junge Staatsanwälte wurden als seine „junge Garde“ bezeichnet, was abfällig gemeint war. Das machte im Kontext der Zeit klar, das sind keine aufstrebenden Juristen, sondern die jungen Freunde von Herrn Bauer. Diese Art es zu belächeln und zu diffamieren, benutzten Bauers Gegner ganz bewusst. Die Angermann-Figur basiert auf mehreren dieser jungen Staatsanwälte. Bauer hatte zu diesen jüngeren Juristen ein Mentorenverhältnis und wollte, weil sie im Krieg noch zu jung waren, um die Tragweite der Ereignisse zu begreifen oder sich schuldig gemacht zu haben, hier ganz klar einen Bildungsauftrag ausführen. Bauer hatte ein enges Verhältnis zu Thomas Harlan, dem Theater- und Filmregisseur. Was wir gerne gezeigt hätten, statt eine Figur zu erfinden. Das war aber erst in den 60er Jahren und hätte zeitlich nicht zu der Jagd auf Eichmann gepasst.

Ohne zu viel zu verraten: Sie haben in einer wichtigen Rolle im Film, eine Frau besetzt, wo eigentlich ein Mann hingehört. Angst, deswegen Ärger zu bekommen?
Wir brauchten für die Figur jemanden, der ganz glaubwürdig als Frau zu Gericht gehen kann und dem man das abnimmt. Dafür haben wir eine ganze Reihe junger Männer gecastet, die auf Fotos teilweise wie Scarlett Johansson aussahen, aber bei denen man auf hohen Hacken schon sah, dass sie eben keine Frauen sind. Und so war das damals nicht. Unsere Maskenbildnerin hat Fotos von Transvestiten aus der damaligen Zeit aufgetrieben, die wunderschöne Frauen sind und auch als solche durchgehen. Der Auftritt war immer perfekt. Und es war mir extrem wichtig, diese Victoria so zu zeigen. Die Männer, die unter dem 175er so gelebt haben, sind für mich die allerersten Punks und ich wollte, dass man diesen Mut und dieses Rückgrat auch sieht. Und es gibt kaum Männer, deren Körper das wirklich so zeigt. Wir haben auch Conchita Wurst gefragt, die ich toll gefunden hätte. Die wollte aber nicht ohne Bart spielen und das ging natürlich nicht. Und vielleicht ist es, wegen der zweiten Ebene die Drag ja immer hat, auch nicht ganz so wichtig, ob wir jetzt einen Jungen finden, der wie die perfekte Frau aussieht, oder eine Frau, die auch ein sehr schöner Junge sein könnte. Nachdem Cate Blanchett schon Bob Dylan gespielt hat, kann man das machen, finde ich.

Angermann (Ronald Zehrfeld) vor dem Besuch seiner ersten schwulen Bar

Angermann (Ronald Zehrfeld) vor dem Besuch seiner ersten schwulen Bar

Es gibt allerdings einen „Enthüllungsmoment“ wie in „The Crying Game“ in ihrem Film, bei dem man sehr deutlich sieht, dass die Figur männlich ist.
Dafür hat uns ein junges Model netterweise sein Geschlechtsteil geliehen. Der Rest ist CGI. (lacht) Die Illusion ist natürlich genau so angelegt: Je näher man an die Figur rankommt, desto mehr erfährt man über sie. Und wenn das so funktioniert wie in „The Crying Game“, dass Männer Victoria attraktiv finden, und dann der Moment kommt, indem sie begreifen, dass sie gerade einen Kerl sexy finden, ist das doch wunderbar und führt vielleicht auch dazu, dass sie die Anziehung zwischen Angermann und ihr besser verstehen.

Wie dankbar sind sie Burghart Klaußner für seine unglaubliche Darsteller-Leistung als Fritz Bauer?
Sagen wir mal so: Man kann das schönste Drehbuch haben, aber man hat erst einen Fritz Bauer, wenn man auch einen Burghart hat, der das so spielen kann. Ohne ihn gäbe es den Film nicht. Ich wünsche ihm alle Preise dieser Welt dafür.

Interview: Anton Fugazi/Bilder: Alamode Film

www.derstaatgegenfritzbauer.de

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