Dr. Volker Jung in Interviewsituation

„Bibel ist kein moralisches Rezeptbuch”

Kirchenpräsident Jung über Homosexualiät und vermeintlich homophobe Flüchtlinge

Hessen-Nassaus Kirchenpräsident Volker Jung hat Anfang des Monats den Ehrenpreis des Bundesverbandes der Lesben und Schwulen in der Union, LSU, für seinen Einsatz für die Rechte Homosexueller bekommen.

Herr Jung, in Ihrer Rede bei der LSU-Jahresversammlung sagten Sie, bei den Themen Flüchtlinge, Islam und Homosexualität hätten Sie häufig sowas wie Shitstorms erlebt. Verlieren Sie zwischendurch auch mal den Glauben an das Gute im Menschen?

Da war schon manches sehr Erschreckende dabei. Als Seelsorger habe ich allerdings auch, so denke ich, ein einigermaßen realistisches Menschenbild, das die guten und die abgründigen Seiten von Menschen wahrnimmt. Bisher habe ich nicht den Glauben daran verloren, dass wir Menschen von Gottes Liebe getragen sind. Das hilft mir auch, mit solchen schwierigen Erfahrungen umzugehen.

Die Bibel ist kein zeitloses ethisch-moralisches Rezeptbuch.

Es sei ein „Greuel“, wenn ein Mann einem „Manne beiwohne“. Kann man dieses Bibel-Zitat im Jahr 2015 noch ernst, sprich: wörtlich nehmen?

Die Bibel ist kein zeitloses ethisch-moralisches Rezeptbuch. Es ist wichtig, viele biblische Aussagen auch als zeitbedingt zu erkennen. Da gehört diese Stelle dazu. Insgesamt geht es darum, sich von den biblischen Texten in die Geschichte Gottes mit seiner Menschheit hineinziehen zu lassen. Und dann kann man fragen: Was ist heute zu tun? Für mich haben dann die Stellen, die zur Nächstenliebe aufrufen, ein ganz anderes Gewicht. Wenn man sich daran orientiert, geht es darum, Menschen zum Leben zu helfen und Unrecht und Diskriminierung zu verhindern.

Was sagen Sie Menschen, die davor warnen, dass die Muslime, die zu uns kommen, eher homophob eingestellt seien?

Die europäische Geschichte ist selbst alles andere als frei von Homophobie. Es war ein langer – und zugegeben – über viele Strecken ein viel zu langer und auch menschenverachtender Prozess, bis Homosexualität bei uns endlich anerkannt wurde. In vielen osteuropäischen Ländern ist sie es bis heute nicht. Ich werbe immer sehr dafür, Menschen auf einen Weg mitzunehmen und sie für ein differenziertes Bild zu gewinnen. Das ist jetzt die Aufgabe.

Ihre Amtszeit ist 2017 vorbei – dann feiert Ihre Kirche 500 Jahre Reformation und Luthers Thesen. Welche von den 95 ist Ihnen die liebste?

Meine jetzige Amtszeit hört schon Ende 2016 auf. Vielleicht gibt es aber noch eine zweite. Darüber entscheidet unsere Synode jetzt im November. Zu den Thesen: Ehrlich gesagt, ist mir nur die erste aus dem Stand wirklich präsent. Die kann ich sogar auswendig: „Da unser Herr und Meister Jesus Christus sagt: ´Tut Buße´ wollte er, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll.“ Martin Luther wendet sich damit gegen das Geschäft des Ablasswesens. Er meint, dass es zum Christsein dazu gehört, sich selbst immer wieder vor Gott zu prüfen.

In der evangelischen Kirche gibt es viele liberale Köpfe wie Sie. Wie lange glauben Sie, wird sich die katholische Kirche noch mit dem Thema Anerkennung von homosexuellen Paaren abmühen?

Ich bin evangelischer Kirchenpräsident und nicht der Papst. Im Ernst: Ich thematisiere das auch in Gesprächen mit katholischen Bischöfen ganz offen. Ich hoffe sehr, dass es auch in der katholischen Kirche bald deutliche Signale für eine wirkliche Akzeptanz homosexueller Paare gibt.

Sie haben zwei Töchter. Wie erklären Sie denen Homosexualität?

Die brauche ich ihnen nicht zu erklären. Für sie ist es eine Selbstverständlichkeit, dass Menschen sexuell ganz verschieden geprägt sein können. Im Übrigen sind die beiden mittlerweile erwachsen. Die jüngere studiert Psychologie, die ältere hat ihr Psychologie-Studium abgeschlossen.

 

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