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CSD Dresden für Flüchtlingshilfe geehrt

Wegen Homophobie im Flüchtlingslager nahm sich der Verein schwuler Flüchtlinge an

Ohne offizielles Büro, ohne feste Mitarbeiter, dafür mit ganz viel Herz nahmen sich Ronald Zenker (42) und seine Kollegen vom CSD Dresden e.V. vier junger Männer im Alter zwischen 20 und 27 Jahren an, die aus ihrem Heimatland geflohen sind. „Die Jungs fielen unter den anderen Flüchtlingen aus Syrien oder dem Irak auf. Sie tragen zum Beispiel Ohrringe“, erzählt Ronald, der Gesamtleiter und Vorstandsmitglied des CSD Dresden e.V., „Sie sind im Lager mit Steinen beworfen und verbal angegriffen worden. Und sie mussten sich immer bei den Frauen anstellen und auch auf das Damen-WC gehen.“ Um die brenzlige Situation im Lager zu entschärfen, holten sie die Jungs kurzerhand raus und organisierten ihnen Übergangsunterkünfte in einem Hostel. Seitdem betreut der CSD Dresden die vier Männer praktisch rund um die Uhr.

Für sein deutschlandweit einmaliges Projekt zur Betreuung homosexueller Flüchtlinge ist der Verein am 31. Oktober mit dem Demokratiepreis der SPD-Landtagsfraktion geehrt worden. Die insgesamt vier Preisträger- darunter auch der Verein Refugee Law Clinic Leipzig, der sich um die Rechtsberatung von Asylsuchenden kümmert – erhielten je 500 Euro für ihre weitere Arbeit.

Das Schwierigste waren die Nächte auf der Straße

Einer der Dresdner Flüchtlinge ist der 24-jährige Yosif, der zum Gespräch mit MÄNNER bereit war, aber – wie sein Mitstreiter Khaled – unerkannt bleiben wollte. Zu groß ist die Angst vor medialer Verbreitung und möglichen Repressalien in ihren Heimatländern. Yosifs Geschichte beginnt in Bagdad, wo er aufwuchs und lange lebte. 2012 wird er von einer Gruppe Krimineller entführt, die es gezielt auf Homosexuelle abgesehen hat und sie foltern. Yosif wird in einem winzigen Raum ohne Essen festgehalten. Durch einen Schlauch hat er Zugang zu Wasser. Mehrfach wird er sexuell missbraucht, getreten und bedroht. Erst nach Tagen der Misshandlung wird er gegen Lösegeld der Eltern freigelassen. „Ich wurde in ein Auto gesteckt und irgendwo hingebracht. Plötzlich befahlen sie mir auszusteigen, gaben mir etwas Geld und sagten, ich solle mit dem Taxi heimfahren“, erinnert sich Yosif. „Ich hatte große Angst, sie hätten meinen Eltern erzählt, dass ich schwul bin.“

Die Flucht in die Türkei

Doch die Befürchtung bestätigte sich nicht. „Sie hatten sie angerufen, um ihnen zu sagen, dass ich entführt wurde, weil ich Sunnit bin.“ In seinem Elternhaus angekommen, sorgten ihn die brennenden politischen und religiösen Konflikte im Land. Zwei Jahre lang wechselt Yosif nun den Wohnort, zieht von Stadt zu Stadt. „Aber die Situation war überall die gleiche. 2014 habe ich es nicht mehr ausgehalten und bin in die Türkei geflüchtet.“ Vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) nach Samsun – eine sehr konservative Stadt – verfrachtet, zog Yosif illegal nach Istanbul weiter, wo er auf Khaled und die anderen traf und mit ihnen den Plan schmiedete, nach Europa zu fliehen.

Es war finstere Nacht, mitten auf dem Meer

Khaled (27) ist Ende des letzten Jahres aus Syrien geflohen und traf in Istanbul auf die anderen. Dort arbeitete er zunächst in der Gastronomie; schließlich verkauften seine daheimgebliebenen Eltern ihr Auto, um ihm einen Schlepper von Istanbul nach Izmir bezahlen zu können. In der Stadt angelangt, trennten sich die Wege der Jungs. Khaled brach mit anderen mit einem Schlauchboot auf, wurde aber von der Polizei zurückgehalten und wieder zurückgebracht. Beim zweiten Versuch ging ihnen das Benzin nach zwei Stunden aus. „Es war finsterste Nacht, mitten auf dem Meer.“ So trieben sie einige Zeit orientierungslos durch die Dunkelheit, bis einer der Flüchtlinge zu schreien begann. „Griechen wurden auf uns aufmerksam und brachten uns aufs Festland.“ Die Regierung gab ihm zwei Tage Aufenthaltserlaubnis. Über Athen floh er weiter nach Budapest.
„Von seinem letzten Geld kaufte sich Khaled ein Zugticket nach München und hatte Glück, dass er nicht von der Bahnpolizei aufgegriffen wurde“, berichtet Ronald. Das Schwierigste waren, da sind sich Khaled und Yosif einig, die Nächte auf der Straße. Von München ging es mit dem Bus nach Berlin, wo sich Khaled der Polizei stellte und zunächst nach Chemnitz verwiesen wurde, dann nach Dresden. Hier traf er die anderen wieder.

Ich habe keine Angst mehr

Erstmal wollen sie jetzt Deutschunterricht nehmen. Sie blicken positiv in die Zukunft. „Ich bin vor dem Krieg geflohen und weil ich merkte, dass ich anders bin“, fasst Yosif seine Situation zusammen. In Deutschland haben die vier Männer die Möglichkeit, so zu leben, wie sie sind. Hier werden sie behandelt wie Menschen. Yosif telefoniert jeden Tag mit seiner Familie, die er gern ebenfalls nach Deutschland holen möchte – trotzdem gibt es Unausgesprochenes zwischen ihnen: „Ich erzähle meiner Familie von meinem jetzigen Leben, nur nicht, dass ich schwul bin. Trotz aller Umstände ist mein Leben jetzt besser als je zuvor. Ich habe keine Angst mehr.“

Diesen und weitere Texte zum Thema „Flüchtlinge Willkommen“ findest du in MÄNNER 10.2015.

Titelfoto: Ronald Zenker 


1 Kommentar

  1. Tina El

    Dass die schwulen Jungs von der Mehrheit der anderen Flüchtlinge in beschriebener Weise terrorisiert werden, legt den logischen Schluss nahe, dass diese Mehrheit homophob eingestellt ist. Da können sie der ebenfalls homophob dominierten Pegida die Hand reichen. Schöne Aussichten!


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