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Science-Fiction-Zeitreise

STARMAN feiert Premiere mit Songs von David Bowie im TIPI

Carmen Nebel ist in der Pause gegangen. Dafür sind andere Promis bis zum frenetischen Schlussapplaus geblieben, darunter Rosa von Praunheim, Gitte Haenning, Maren Kroymann, Gayle Tufts, Jay Khan und Ulla Kock am Brink. Was das aussagt über Sven Ratzkes „Starman“-Premiere im Berliner Tipi-Zelt? Vielleicht, dass sie für eingefleischte Schlagerfreunde zu rock’n’rollig war. Aber auch, dass sie gleichermaßen mainstream-tauglich und homo-szenig daherkam. Für den Rock ’n‘ Roll sorgten die Lieder von David Bowie, die als roter Faden dienten. Dem Mainstream wurde mit jeder Menge Trockeneis, glamourösen Gesten und gezielten Comedy-Frechheiten der Kopf verdreht. Was die Homo-Szene anging: Es gab eine Begegnung mit Andy Warhol, einen Ausflug ins Chelsea Hotel und Frotzeleien über die cruisenden Herren im nahe gelegenen Tiergarten. Aber der Reihe nach.

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Dramaturgisch wird das Grundmotiv des Bowie-Films „Der Mann, der vom Himmel fiel“ auf humoristisch gebürstet. Nachdem das Saallicht erloschen ist, schwebt blau strahlender Bühnennebel über die Köpfe der Zuschauer hinweg. Gleichzeitig erklingt ein Off-Stimmen-Prolog, der die Gemeinsamkeiten von Menschen und Sternen beschwört. Dann Spot an, aufflackerndes Bühnenlicht, und da steht er: Sven Ratzke, mit androgynem Make-up, knallroten Haaren und einem schwarzen Satin-Mantel mit Stehkragen. Singend und tanzend stellt er sich als „Rock’n Roll Sandman“ vor und scheint dabei gleichzeitig Reinkarnation des jungen Bowie und ganz er selbst zu sein.

David Bowie braucht keine Requisiten und Kulissen

Es ist bezeichnend, dass als Eröffnungsnummer kein Bowie-Song sondern eine Eigenkomposition gewählt wurde. Ratzke ist nicht Bowie und er will es nicht sein. Auch will er allen rockigen Tendenzen zum Trotz nicht seine Cabaret-Herkunft verleugnen. Er nutzt lediglich die androgyne Projektionsfläche des Vorbilds, um das Publikum auf seine eigene Science-Fiction-Zeitreise mitzunehmen. Die führt hinaus aus dem Tipi, hinein ins London der Sechziger, rauf auf ein schwankendes Schiff, rein ins unwirkliche Gewimmel von Coney Island und schließlich hinüber ins New York der Siebziger. Wo auf dem Dach des Chelsea Hotels Andy Warhol aufkreuzt. Der Ratzke mitnimmt in den „Underground“. Und mit ihm das Publikum. Zu diesem Zeitpunkt ist jeder im Saal – außer vielleicht Carmen Nebel – dem magischen Sog der unwirklichen Reise erlegen. Wenn vor der Pause der vielleicht größte Bowie-Hit „Space Oddity“ erklingt, sind die Zuschauer eins geworden mit dem blau strahlenden Rauch über ihren Köpfen. Der Rock’n Roll Sandman hat ganze Arbeit geleistet. Der Rest sind Traum und Klang und Sternenstaub. In der zweiten Hälfte geht es mit „Fame“ weiter. Und mit etwas persönlicheren Ratzke-Storys. Und mit „Heroes“. Und mit einem zotigeren Tonfall, wie man ihn aus den Anfangsjahren des Entertainers kennt.

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Fazit: Es ist das pure Spektakel – akustisch wie optisch, emotional wie körperlich. Ratzke rockt das Haus und seine vier Musiker liefern dafür einen satten, aber nie aufdringlichen Sound. Bei flotteren Nummern wie „Rebel Rebel“ oder „Ashes to Ashes“ möchte man am liebsten vom Stuhl aufspringen und mittanzen, bei ruhigeren Songs wie „Starman“ lehnt man sich zurück und träumt von der großen weiten Welt. Noch mehr als die Songs verzaubern allerdings die Passagen dazwischen. Ratzke ist ein großartiger Geschichtenerzähler. Er braucht keine Requisiten und Kulissen, um große Bilder in den Köpfen entstehen zu lassen. Er malt sie allein mit Worten und Gesten. Von einem Augenblick auf den anderen wechseln absurde Momente mit entwaffnender Melancholie ab, spontane Spaziergänge durch die Zuschauerreihen münden in zackigen Ein-Mann-Choreografien. So sind es weniger die gigantischen Schulterpolster und die glitzernden Absatzstiefel, die von „Starman“ in Erinnerung bleiben. Es ist die Präsenz eines Künstlers, der Retrospektive und Gegenwart aufs Wundervollste zusammenbringt. Und damit Menschen und Sterne. Sie haben was verpasst, Frau Nebel!

Weitere Termine: www.sven-ratzke.com


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