durante la Parata del Pride

„Sex hat mich gerettet”

Mario Bonfanti über Homo-Heilung im Kloster und die positive Wirkung von Sex

Don Mario, Ihre Kirche wollte Sie nach Venturini ins Kloster schicken, um Sie von Ihrer Homosexualität zu heilen. Wie kam überhaupt heraus, dass Sie schwul sind?

Als erstes möchte ich klarstellen, dass ich nie meine Homosexualität versteckt habe – doch ich habe auf dem Weg zum Priestertum auch nie laut „Ich bin schwul” herumgeschrien. Mein Werdegang begann mit 15, ich war sehr jung. Während meiner Teenie-Zeit, habe ich in mir den Kampf zwischen meinem Ruf zum Priestertum und meinem sexuellen Interesse an Männern gespürt: Ich bin in einem katholischen Umfeld aufgewachsen und „Sex” war in meiner Familie tabu, daher war ich verwirrt und hatte keine Werkzeuge um verstehen zu können, was in mir drin passierte. Daher habe ich mit Priestern und Vorgesetzten gesprochen, weil ich mich besser verstehen musste und Klarheit darüber erlangen wollte.

Meine Probleme mit der katholischen Hierarchie begannen, als ich mich auf die Seite eines schwulen Jungen stellte: Er war im gleichen Kloster wie ich und wurde erwischt, als er sich mit Homosexuellen traf. Er wurde sofort rausgeworfen, und unsere Vorgesetzten ordneten an, dass wir ihn nicht mehr treffen. Ich war über die Worte unserer Vorgesetzten sauer und entgegnete ihnen, dass ich im Evangelium nie etwas dergleichen gelesen hätte und ich ihn daher weiterhin treffen würde, weil uns Jesus beigebracht hat, dass wir uns immer um das „verlorene Schaf” kümmern sollen.

Dann begann das Mobbing im Kloster 

Sie sagten mir daraufhin: „Ok, tue das” und damit begann ein Mobbing gegen mich, das von Tag zu Tag heftiger wurde und ich als Konsequenz  das Kloster verlassen musste.

Daraufhin setzte ich meinen Weg zum Priestertum für einige Jahre aus, weil ich besser in mir spüren musste, ob der „Ruf Gottes” wirklich mein Weg war. Als ich realisierte, dass es mein Weg war, entschied ich mich, die Laufbahn zum Priestertum noch einmal zu beginnen, aber ich hatte viele Schwierigkeiten zu bewältigen.

Schließlich fand ich einen Bischof, der mich in Sardinien aufnahm und einige Jahre später wurde ich zum Priester geweiht. Als der Bischof in Rente ging und der neue Bischof mitbekam, dass ich schwul bin, bestellte er mich zum Gespräch und teilte mir mit, dass ich ins Kloster nach Venturini gehen müsse. Und als ich ihn nach dem Grund fragte und begriff, dass es an meiner Homosexualität lag und er mich hinschicken wollte, damit ich „geheilt” werde, habe ich es strikt abgelehnt.

Don Mario 2015 beim Mailänder Pride

Don Mario 2015 beim Mailänder Pride

Wissen Sie, was dort im Kloster passiert ist? 

Der Bischof setzte mich unter Druck und wollte, dass ich hingehe, aber ich blieb standhaft, worauf er sauer wurde. Somit beschloss ich, Sardinien zu verlassen und ging zurück in meine ursprüngliche Pfarrgemeinde zurück, wo ich dort den Pfarrer unterstützte. Ich habe keine Ahnung, was in Venturini passiert oder was sie dort mit schwulen Priestern machen. Aber ich vermute, dass sie „reparative Therapien” anwenden, auch wenn sie das so nie nennen würden.

Sie haben eine Karriere in der katholischen Kirche angestrebt, obwohl Sie wussten, dass Sie schwul sind. Haben Sie nicht erwartet, dass man Sie irgendwann rauswirft?

Als ich meinen katholischen Werdegang begann, war ich 15 und hatte nicht das Selbstbewusstsein, das ich heute mit 44 Jahren habe. Ich kannte nur die katholische Kirche, weil ich in einem katholischen Umfeld aufgewachsen bin. Priester zu werden war für mich der einzige Weg, um meinem „Ruf” zu folgen. Somit habe ich – und das sage ich oft, um es besser verständlich zu machen – ein „Ex” vor schwul gesetzt, auch weil ich überhaupt keine sexuellen Erfahrungen hatte. 

Während der ersten 10 Jahre zum Priestertum habe ich den Zölibat respektiert. Aber ich war nicht ich selbst, da ich meine tiefsitzende und innere Identität nicht respektiert habe. Doch als ich das begriffen habe und mich das Leben „gezwungen” hat, Sex mit einem Mann zu haben, habe ich gespürt, dass mich Gott sehr tief berührt hat. Ich sage „gezwungen”, weil ich einem Mann begegnet bin, der hingegen all meiner Erwartungen dann mein erster Freund wurde. Und daher kann ich sagen: „Sex hat mich gerettet”.

Als ich zölibatär lebte, kannte ich keine Gnade.

Als ich tatsächlich noch rein und keusch war und den Zölibat beachtet habe, erinnere ich mich, ein strenger Mensch gewesen zu sein: Ich habe oft mich und andere verurteilt und missbilligt – und das, ohne Gnade. Auf der anderen Seite: Sobald ich Sex hatte, hat sich etwas grundlegend verändert – ich wurde ein neuer Mensch: Ich fühlte mich menschlich, so wie die anderen – und nicht mehr ein Heiliger oder ein Engel. Ich wurde mitfühlend und integrierend. Sex zu haben, wurde für mich zur echten Bekehrung.

Ein deutscher Theologe, der früher für den Vatikan gearbeitet hat, schätzt, dass die Hälfte der Männer dort schwul sind. Was meinen Sie? 

Ich denke, es sind viel mehr. Aber das ist kein Problem. Ich glaube eher, dass ein LGBTI-Mensch ein Vorteil darstellt: Es gibt einige psychologische Beweise die zeigen, dass LGBTI-Menschen einen größeren Hang für Spiritualität haben. Daher ist es sehr gut, dass viel mehr als 50% der Priester schwul sind. Das sollte als großes Geschenk Gottes gewertet werden.

Das Problem ist, dass es die katholische Kirche als Nachteil und Hindernis sieht. Seit der Vatikan im Jahr 2005 ein Pamphlet zur „Berufungsklärung von Personen mit homosexuellen Tendenzen im Hinblick auf ihre Zulassung für das Priesteramt und zu den heiligen Weihen” erlassen hat, können schwule Männer nicht mehr katholische Priester werden. Das ist schrecklich und ist ein schlimmer Verlust in der katholischen Kirche.

Matthew Fox, an episkopaler Theologe, mit dem ich zusammenarbeite, sagt, dass die Homosexualität für die katholische Kirche wie der Galileo-Prozess sei. Wie vor einigen Jahrhunderten, fürchten sich Bischöfe und Päpste in den modernen Teleskop, der die Homosexualität darstellen soll, zu schauen und somit ignorieren sie, was die Psychologie über LGBTI-Menschen sagt. Sie bleiben in der buchstäblichen Interpretation der Bibel festgefahren, die da sagt, dass Gott die Menschheit aus Mann und Frau erschaffen hat. Aber in einigen Jahrhunderten wird die katholische Kirche dafür um Vergebung bitten. Aber es wird zu spät sein, so wie es jetzt dafür zu spät und auch zu einfach ist, sich in diesem Jahrhundert für die Verbrechen an die Ketzer, Hexen und Waldenser sowie an Galileo, Savonarola und vielen anderen zu entschuldigen.

Hier geht’s zum vollständigen Interview auf Englisch

Fotos: privat 


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