COLBY_DOES_NEW_YORK

Tuntensex, PEGIDA & Colby Keller

Ein Gespräch übers 10. Pornfilmfestival in Berlin

Natürlich ist und bleibt das große Thema die Flüchtlingspolitik, auch aus LGBTI-Perspektive. Und natürlich wird nebenher noch ein bisschen gestritten, wer sich denn nun am meisten für die Gleichstellung von LGBTI einsetzt. (Die SPD-Bundestagsfraktion behauptet allen Ernstes auf ihrer Homepage, Lesben und Schwule hätten ihr Sukzessivadoption und Gleichstellung im Steuerrecht zu verdanken. Derweil schickten Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter und seine beiden Stellvertreter einen „Regenbogenbrief“ an Horst Seehofer, in dem sie sich für die Ehe-für-alle und das volle Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare einsetzen.) Trotzdem gibt es in dieser Woche aber auch anderes, worüber man diskutieren – und worauf man sich freuen – kann: Pornografie! Die ist manchmal ebenfalls unverhofft politisch, etwa wenn sich Hillary Clinton in ihrer Präsidentschaftskampagne von Ex-Pornostar Gavin Waters finanziell unterstützen lässt und anschließend mit dem blonden Beau fürs Foto posiert, was US-Konservativen ein willkommener Anlass ist, aberwitzig bescheuerte Kommentarraketen loszuschießen. Hier in Deutschland dreht sich allerdings in der kommenden Woche alles ums 10. Pornfilmfestival in Berlin. MÄNNER sprach mit der selbsterklärten Polit-Tunte Patsy l’Amour laLove, die in der Jury der Dokumentarfilmsektion sitzt, über Colby Keller, Konkurrenzdruck, Behinderung und Sex, die Schwulenbewegung der 1970er Jahre – und Brent Corrigan als Drag Queen.

Jurorin Patsy l'Amour laLove. (Foto: Dragan Simicevic Visual Arts)

Jurorin Patsy l’Amour laLove. (Foto: Dragan Simicevic Visual Arts)

Sieht man als Polit-Tunte schwule Pornos anders?
Man sieht dabei in jedem Fall glamouröser aus. (lacht) Ansonsten hängt das selbstverständlich ganz von der Polit-Tunte ab: worauf sie steht, was sie vom Film erwartet. Worüber man beim schwulen Porno als Tunte stolpern muss, ist das Fehlen von Tuntigkeit in ihren Facetten – beim Ficken also, dass auch Tunten und der tuntige Schwule aktiv, passiv, dom, sub und versatile sind. Da es sich in der Realität anders als im klassischen schwulen Porno verhält, fände ich es reizvoll, das auch in den pornographischen Fantasien mehr abzubilden. Als Polit-Tunte schaue mir schwule Pornos mit der Frage an, was sie vom schwulen Alltag und der Subkultur abbilden – und wie sie wechselseitig aufeinander wirken. Gerade der Mainstream-Porno bietet sich dafür ja als Untersuchungsgegenstand hervorragend an.

Du bist Repräsentatin einer jungen Generation bewusst politischer Schwuler, Lesben und Trans*Menschen: Wie reagierst du auf die Männlichkeitsentwürfe im aktuellen Schwulenporno?
Was mich auf die Dauer nervt, ist die Wiederholung der immer gleich aussehenden schlanken, athletischen und muskulösen Körper. Also es geht mir wirklich nicht um die Körper, sondern um diese Wiederholung – so, als wäre nichts anderes möglich. Das wiederholt den Konkurrenzdruck, der unter Schwulen sowieso enorm ist und unter dem so viele leiden. Dabei hat Porno doch die Möglichkeit, auch eine andere geile Fantasie herzustellen und zu bedienen. Ich bin davon überzeugt, dass es die gibt. Das Argument, man könne als Porno-Label nur mit den immer gleichen Körpern Geld verdienen, stelle ich da ganz vehement in Frage.

Seit der Kommerzialisierung in den 1970ern war schwuler Porno immer ein fantasmatisch verzerrtes Abbild schwulen Begehrens und individueller schwuler Sehnsüchte. Das hat sich nicht verändert.

Aber das konkrete Männerbild hat sich historisch gewandelt. Was gleich bleibt, ist die Überzeichnung des ohnehin schon terroristischen Schönheitskultes unter Schwulen und die Darstellung einer schwulen Männlichkeit, die gerade noch nicht zu schwul ist. Gleichzeitig, und das ist einfach dieser widersprüchlichen Sache des Männlichkeits-Ideals geschuldet, das eh nie erreicht werden kann, sind die Rahmenhandlungen oft äußerst schwul. Besonders deutlich sieht man das bei den Cocky Boys, wo ganze schwule Liebesdramen inszeniert werden. Immer in HD – und immer mit sehr ähnlich aussehenden Körpern. Schwul, aber nicht zu unmännlich. Durch Social Media bekommt man außerdem eine breitere Inszenierung der Darsteller. Und da sieht man dann so Erfreuliches wie Brent Corrigan als Drag Queen. Darin würde ich aber höchstens den Trend sehen, dass sich schwule Pornodarsteller außerhalb ihrer Filme auch ab und zu tuntig inszenieren dürfen.

Colby Keller in Hawaii. (Foto: Instragam/colbydoesamerica)

Colby Keller in Hawaii. (Foto: Instragam/colbydoesamerica)

Immerhin sieht man in dem Film „Colby Does New York“, der auch beim Festival läuft – mit dem anwesenden Mr. Keller – zumindest recht schrille Kostüme, die von Cocky Boys getragen werden (Foto oben).
Ja, hier gibt’s eine interessante Gleichzeitigkeit: Die geleckten Cocky Boys-Körper treffen auf tuntige Mode in Neonfarben. Das wirkt recht vielversprechend. Schade nur, dass die Drag Queen, die in dem Film vorkommt, mal wieder nicht zum Ficken kommt. Wär‘ doch eine schöne Möglichkeit gewesen. Darauf werde ich Colby Keller beim Pornfilmfestival mal ansprechen. Dieser bunte Kurzfilm, der gezeigt wird, gehört zu einer größeren Reihe von ihm: „Colby Does America“, eine ganz eigene Art von Dokumentation über die USA – jedes Bundesland ein anderer Typ, mit dem er Sex hat. Und das alles finanziert über Crowdfunding.

Du sitzt in der Jury für Dokumentarfilme: Was für Themen dominieren 2015 das Programm?
Beim zehnten Jubiläum dieses Jahr wird unter anderem das Thema Behinderung und Sex behandelt – das birgt einige Schwierigkeiten, insbesondere wegen der so wenigen vorhandenen Filme dazu. Daran merkt man das Engagement und Herzblut, das durch das Pornfilmfestival fließt. Da ich mich viel mit 70er-Jahre-Pornos beschäftige, finde ich es hervorragend, dass auf dem Festival regelmäßig Retrospektiven geboten werden. Diesmal mit dem 40-jährigen der „Rocky Horror Picture Show“ und Bruce LaBruce‘ legendärem „Hustler White“. Bei den Dokus gibt es die erfreuliche Mischung, die ich am Pornfilmfestival so schätze: Es ist in meinen Augen kein Festival des alternativen Pornos, sondern ein alternatives Festival mit riesiger Porno-Bandbreite. Von Mainstream-Geschichten, wie der Doku „Seed Money“ über Porno-Mogul Chuck Holmes bis zu experimentelleren Filmen wie „Fucking in Love“.

Wieso gibt’s eigentlich so viele tolle amerikanische Dokus zur Pornogeschichte, aber nichts zur Berliner oder BRD-Pornogeschichte, z.B. Cazzo & Co.?
Einmal liegt das an der schwulen Porno-Geschichte, die einfach sehr viel in den USA stattgefunden hat. Dort wurde mit schwuler Pornographie auch der meiste Umsatz gemacht, und die meisten Produktionen kamen schon in den 1960er Jahren mit ihren Beefcake-Heften aus den Staaten. Eigentlich sollte es nur eine Frage der Zeit sein, bis sich jemand mit der Berliner Pornogeschichte und -gegenwart beschäftigt. Eine Doku über Cazzo-Begründer Jürgen Brüning ist fällig, er hat einen unglaublich spannenden Einblick in die Porno-Industrie und war an so vielen Produktionen beteiligt. Schon das Pornfilmfestival selbst müsste mal filmisch dargestellt werden. Manche haben da sicher Sorge wegen einer verfrühten Historisierung, mir als Porno-Historikerin hingegen gefiele das ungemein. (lacht)

Was interessiert denn eine junge Generation an diesen Dokus über Pornogeschichte der 70er und 80er Jahre? Muss man das im Zusammenhang mit Filmen wie „Dallas Buyers Club“, „Stonewall“ oder „The Normal Heart“ sehen: junge Menschen wollen mehr über diese Prä-AIDS-Zeit erfahren, die sie nicht selbst mitgemacht haben und teils verklären als „Goldenes Zeitalter“?
In den 70er Jahren war im Film auch außerhalb des Pornos sexuell mehr machbar, in Fernsehsendungen wurde geraucht und getrunken, Underground-Kunst war in nicht gekanntem Ausmaß angesagt. Da wirkt das deutsche Fernsehen heute auf mich wirklich sehr steril. Bei aller Biederkeit der 1970er Jahre – den Muff der Adenauer-Ära konnte man in so kurzer Zeit nur schwerlich loswerden – steht das Jahrzehnt heute meist für freien Sex und Avantgarde-Kunst. Für die schwule Pornographie war das meines Erachtens auch die wichtigste Zeit: ohne die gesetzlichen Liberalisierungen hätte es sie schlicht und ergreifend nicht geben können. Die Pornos der Epoche, genauso wie die schwulen Geschichten der 70er Jahre, zeugen von diesem Zeitgeist, in dem plötzlich alles ganz anders möglich zu sein schien.

Die Super-8-Streifen zeigen mehr Experimentierfreude und nicht die immer gleichen Abfolgen von Sexsequenzen, die man heute kennt. Das ist ein Grund für das Interesse.

Außerdem gibt es ein zunehmendes Bedürfnis, etwas über schwule Geschichte zu erfahren. Viele der Menschen, die diese Geschichte mitschrieben, leben noch, man hat einen unmittelbaren Zugang und findet Gemeinsamkeiten. Gefühlt vielleicht so etwas wie ein kulturelles und politisches Erbe.

Die 1970er Jahre Vorstellung von Freiheit: Szene aus "Seed Money". (Foto: Pornfilmfestival Berlin)

Die 1970er Jahre Vorstellung von Freiheit: Szene aus „Seed Money”. (Foto: Pornfilmfestival Berlin)

Du hast die Ausstellung „Porn That Way“ mit kuratiert. Was war dabei die größte Überraschung für dich im Umgang mit Pornografie – historisch oder heutig?
Ich beschäftige mich hauptsächlich mit schwulem Mainstream-Porno, weil für mich die Filme am Spannendsten sind, die sozusagen etwas über die Schwulen als Kollektiv zu sagen haben. Darum erhoffte ich mir, in der Ausstellungsplanung mehr über alternative schwule Pornographie zu erfahren. Und da muss man ganz ehrlich sein: sie ist kaum vorhanden. Das mag ganz unterschiedliche Gründe haben. Während lesbischer Porno schon durch seine Geschichte an und für sich eine Alternative darstellt, findet man zwar schwule Kunstfilme mit Porno-Anleihen, aber eine wirklich vergleichbare Independent-Porno-Szene existiert nicht. Das, was sich da Underground nennt, meint dann meistens tätowierte Hipster, die in denselben Abläufen und mit den gleichen Körpern ficken, wie im schwulen Mainstream-Porno, nur halt auf den ersten Blick ein wenig außergewöhnlicher daherkommen.

Hillary Clinton mit ihrem Unterstützer: Ex-Pornostar Gavin Waters. (Quelle: Facebook)

Haben Pornos eine politische Botschaft – und hat das PFF eine politische Mission, deiner Meinung nach?
Man kann alles in dieser Gesellschaft auf seine gesellschaftspolitische Dimension hin befragen. Schwuler Porno etwa entsteht untrennbar von dem, was man als Emanzipation und Zurichtung bezeichnen kann. Eine andere Frage ist, ob ein Pornofilm intentional, also vom Regisseur, mit einer politischen Botschaft versehen wurde. Und davon gibt es ja einige Beispiele. In meinen Augen geht dabei aber häufig das Pornographische am Porno verloren – ein Stück weit sollte der Porno immer auch im ganz pragmatischen Sinne ein Gebrauchsfilm sein. Ansonsten kann ich mir auch einen Kunstfilm anschauen. (lacht) Wenn ich aber einen Porno sehen möchte, dann soll es auch ein solcher sein. Gerade dieses Unmittelbare, die Verknüpfung zum Körper, den es ja auch bei Genres wie Horror und Komödie gibt, die beim Porno über das Sexuelle funktioniert, finde ich unwahrscheinlich spannend.

Für das Missionieren bin ich zu wenig christlich, Porno schafft jedoch etwas, das man durchaus als politisch begreifen kann. Er zeigt Sex auf eine offensive und meist positive Art, lässt Perversion zu und kann dazu einladen, eigene Schamgrenzen zu überwinden und neue Bereiche der eigenen Lust und Fantasie kennenzulernen.

Das Ganze dann in einen öffentlichen Rahmen zu stellen, wie es das Pornfilmfestival macht, finde ich ganz hervorragend. Hier ist es zwar nicht wie im klassischen Pornokino, wo man miteinander wichst und fickt, aber man redet zumindest miteinander – auch über zuvor möglicherweise mit Scham besetzte Wünsche. Ich habe nicht selten mit Menschen dort gemeinsam Pornos geschaut, für die das ihre erste Pornoerfahrung in der Öffentlichkeit des Kinos oder der erste Porno (in voller Länge) überhaupt war.

Homosexuelle Subkultur in Berlin: Pfingstdemonstration 1973. (Foto: Rüdiger Trautsch/Archiv Schwules Museum*)

Du schreibst gerade an deiner Doktorarbeit über die deutsche Schwulenbewegung der 1970er Jahre. Kommt da Porno irgendwo vor?
Sex insgesamt war ein wichtiges Thema für die bewegten Schwestern in den 1970er Jahre. Dabei ging es vor allem um Konkurrenzdruck in der Subkultur sowie den schwulen Männlichkeits- und Jugendkult. Es wurden auch einige wenige Screenings schwuler Pornos organisiert. Denen stand man, genauso wie der kommerziellen Subkultur, kritisch gegenüber. Es war ein erklärtes Ziel der Schwulenbewegung, einen neuen Umgang untereinander zu schaffen, der nicht bloß auf Sex und die Oberfläche des Gegenübers aus sein sollte. Das wurde durch den schwulen Porno selbstverständlich konterkariert. Die Schwestern waren aber nicht so realitätsfremd, die schwule Lust am Porno einfach zu übergehen. Man versuchte, das Begehren, die Lust und die schwule Gesellschaftskritik in Einklang zu bringen. Eine Aufgabe, die bis heute nicht erledigt ist und äußerst schwierig bleibt. Zu schnell geraten da die einen in einen sexualfeindlichen Dogmatismus, während die andere Seite jeden (scheinbaren) Tabubruch als Befreiung sehen möchte.

Poster fürs 10. Pornfilmfestival 2015.

Poster fürs 10. Pornfilmfestival 2015.

Wir leben in politisch korrekten Zeiten: Wie passt Porno mit seinem Rassismus, seiner Ausgrenzung, den Bareback-Filmen, dem Jugendwahn, der potenziellen Ausbeutung etc. da rein?
Lebten wir in politisch korrekten Zeiten, gäbe es so etwas wie PEGIDA, die Besorgten Eltern und die AfD nicht. Das sind ja lange schon keine Randerscheinungen mehr. Heute pocht man wie selten zuvor darauf, dass alle sagen können sollen, was sie sagen wollen – und sei es auch noch so ein geistiger Dünnschiss. Viel mehr noch ist es ja so, dass es heute verpönter ist, Rassismus und Ausgrenzung zu thematisieren, als einen hetzerischen Artikel über den Zusammenhang von Homosexualität und Missbrauch zu veröffentlichen – „man wird ja wohl nochmal sagen dürfen…“. In Bezug auf den Porno stecken in der Frage ja ganz unterschiedliche Bereiche drin: Bareback-Produktionen, also welche, die die Bareback-Szene abbilden oder sie inszenieren, stehen für mich erst mal für ein sinnvolles, wenn nicht für das Genre Porno notwendiges Aufgreifen eines bedeutenden Teils sexueller schwuler Subkultur.

Dazu beinhaltet Bareback noch den Aspekt der HIV-positiven Schwulen, die auch unter Schwulen nach wie vor stigmatisiert werden. Und ich glaube mit der PrEP wird die ganze Bareback-Sache nochmal großen Aufwind bekommen und die Frage des Zusammenhangs von ethischer Pornoproduktion mit Kondombenutzung muss erneut anders gestellt und beantwortet werden.

In Bezug auf den Rassismus oder den Jugendwahn, die sich in so zahlreichen schwulen Porno zweifelsohne finden lassen, sagen viele: Begehren kann nicht diskriminierend sein. Das stimmt – wer mit einer moralischen Bewertung an Sexualität herantritt, hat schon zu Beginn den falschen Schritt gemacht. Der Porno ist aber ein Medium, auf dessen dargestellten Repräsentanzen man ja Einfluss haben kann. Und da denke ich, wie ich schon vorher zu den immer gleichen Körperformen gesagt habe, dass man durchaus etwas verändern könnte und das auch tun sollte – ohne dabei das Geile am Porno einzubüßen.

Jurorin Patsy l'Amour laLove. (Foto: Dragan Simicevic Visual Arts)

Jurorin Patsy l’Amour laLove. (Foto: Dragan Simicevic Visual Arts)

Das Festival findet vom 21. bis 25. Oktober im Kreuzberger Kino Moviemento statt. Mehr Infos und das volle Programm finden sich hier.

Titelbild: Szene aus „Colby Does New York” mit Colby Keller und den Cocky Boys.


0 Kommentare



Likes & Shares

Durch die fortgesetzte Nutzung der Website erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. mehr Info

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close