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Auf der Suche nach Studio54

So feiert New York

Letztendlich ist die Hoffnung doch nicht gestorben – ganz im Gegenteil erlebt sie geradezu einen zweiten Frühling. Es ist 3 Uhr morgens und auf der kleinen Tanzfläche in der New Yorker Lower East Side fahren einem die Bässe des Elektro-Funk in die Glieder.  Es wird getanzt, geflirtet, geküsst, auf der Tanzfläche sogar geraucht – in den USA mit ihrem strengen Rauchverbot ist das schon fast ein subversiver Akt.

Wilde Partys, Orgien, Exzesse

Dabei hatte ich die Hoffnung auf gutes, wildes Nachtleben schon fast verloren. Zugegeben, meine Erwartungen waren hoch. New York, das war für mich „the city that never sleeps“, wie Frank Sinatra sang. Die Stadt, deren ausschweifendes Nachtleben in Filmen wie „Studio54“ für die Ewigkeit festgehalten wurde (als das Original im Jahr 1986 endgültig geschlossen wurde, bereitete ich mich noch auf die Grundschule vor). Kurz: wilde Partys, Orgien, Exzesse – wenn schon nicht im Pool, dann doch knapp hinter der Tanzfläche. Mindestens so ausgelassen also, wie man es aus Clubs in Berlin, Wien oder Zürich kennt – und noch etwas ausgelassener.

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Im Spielfilm „Studio54“ fühlt sich Ryan Philippe Disco

Erste Station auf der Entdeckungsreise: das West Village, in dem das Herz der Schwulenbewegung schlägt, in dem die Stonewall Riots ihren Ausgang nahmen. Und tatsächlich steht hier und im benachbarten Chelsea einer ausgiebigen Kneipentour nichts im Wege. Im Marie’s Crisis bildet ein Piano das Zentrum der Kellerbar. Wenn der Pianist zu amerikanischen Klassikern ansetzt, singt das Publikum, das alle Texte auswenig kennt, lauthals mit, vom Banker im Anzug bis zum Studenten in Sneakers und Tanktop. In der GBar, nicht weit entfernt, läuft Elektropop aus den Charts. Die Wände sind dekoriert mit Fotos junger Männer, die gerne ihren Waschbrettbauch präsentieren – genau wie die Barkeeper. Schön ist es hier, gut für einen Drink, aber nicht unbedingt für die wilde Party, die ich im Kopf hatte.

Im Untergeschoss spürt man die Decke wackeln, weil oben so viele Leute tanzen.

Kein Wunder, sagen die Barbesucher, die Partyszene ist doch längst weitergezogen, Richtung Norden, nach Hell’s Kitchen. Und tatsächlich: Gefeiert wird hier, ausgelassen sogar. Im Therapy ist es um kurz vor Mitternacht extrem voll. Pop und Chartsmusik wummern aus den Boxen; die Crowd, überwiegend in ihren Zwanzigern, tanzt mit voller Energie – im Untergeschoss spürt man die Decke wackeln, weil oben so viele Leute tanzen. „Die Gegend ist in den letzten fünf bis zehn Jahren bei New Yorkern, die ausgehen wollen, immer beliebter geworden“, sagt Paul Leasure, Manager des Therapy. Neue Bars und Restaurants haben aufgemacht und auch die Stadtverwaltung investiert in die Gegend. Die Sicherheit auf den Straßen, sagt Paul, habe sich deshalb verbessert; als Teil einer Untergrund-Kultur würde er das Therapy allerdings nicht sehen.

Manhattan ist ein großer Freizeitpark geworden

Eine Einschätzung, der Hunter O’Hanian wohl bedauernd zustimmen würde. „Manhattan ist ein großer Freizeitpark geworden“, sagt der Direktor des Leslie + Lohman Museum of Gay and Lesbian Art. „Ein großer Teil des Nachtlebens wurde sauberer, Künstler sind aus Manhattan weggezogen, oft nach Queens, vor allem aber nach Brooklyn.“ Brooklyn, auf diesen Stadtteil verweist auch Chris Frederick, Organisator des New York City Pride. „Hell‘s Kitchen und Chelsea wurden familienorientierter, verlassene Gewerbeimmobilien gibt es kaum noch.“ Dadurch und durch die steigenden Mieten werde es immer schwerer, in Manhattan Clubs zu eröffnen. „Außerdem geht der Trend gerade zu privaten Partys“, sagt er. Wer Clubs aufmachen will, entscheidet sich eher für Brooklyn als für Manhattan.

Brooklyn Pride 2015 (Foto: Tobias Sauer)

Brooklyn Pride 2015 (Foto: Tobias Sauer)

Tatsächlich liegen die schwulen Clubs in Brooklyn ziemlich im Trend. Das queere Love Gun in Williamsburg zum Beispiel. An den populären Tagen, Samstag, Montag und Mittwoch, legen die DJs alles von Electro über Dance bis zu den aktuellen Charthits auf. Die Wände zeigen ihre rauhen Backsteine, die Gäste sind stylisch gekleidet: entweder ganz in schwarz, oder in ärmellosen Hemden, die mit bunten Quadraten, Rauten und Kreisen bedruckt sind, vielleicht auch gleich in Latzhosen mit Mustern, die keine Angst vor zu viel Farbe haben. Nicht nur schwule Jungs sind hier zu Gast, auch einige Lesben lassen es sich gutgehen. Tatsächlich ist die Stimmung viel alternativer als in Hell’s Kitchen.

Feiern kann man auch ohne Studio54 ganz wunderbar

Nach ein paar Bier, schönen Gesprächen und einer guten Zeit auf der Tanzfläche fahre ich zurück ins Hotel, nicht ohne am East River den Blick auf Manhattan zu genießen: Die Stadt leuchtet. Links führt die Williamsburg Bridge über den Fluss, dahinter ragt das neue World Trade Center in die Höhe. Rechts sind die vielen niedrigen Backsteinbauten der Lower East Side zu sehen, noch weiter rechts ein wahres Lichtermeer von Midtown, aus dem das Empire State Building und das Chrysler Building herausragen. Die Wellen plätschern, der Wind streicht noch angenehm warm über die Haut. Man hört das Rattern der U-Bahn, die über die Brücke nach Manhattan fährt.
Dies ist keine europäische Metropole, denke ich. Dies ist New York. Und reisen wir nicht eigentlich, um neue Orte so zu erkunden, wie sie sind? Wäre es nicht besser, sich auf diese Stadt mit offenem Geist einzulassen, statt nur die eigenen Vorurteile bestätigt bekommen zu wollen, statt nur vorgefasste Muster zu suchen? Warum also suche ich genau den einen Typ Party, den ich vor allem aus einem Hollywood-Film kenne? Denn auch ohne Studio54-Atmosphäre: Feiern kann man in New York ganz offensichtlich wunderbar.
Und trotzdem: Als mir am nächsten Tag jemand von dieser anderen Party in der Lower East Side erzählt, organisiert von einer Kanadierin, die sich Lady Fag nennt, bin ich wie elektrisiert. Und wie es da war, steht im vollständigen Artikel in MÄNNER 11.2015.

Foto: Shutterstock


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