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Brief aus Paris

Zwei schwule Männer am Tag nach den Terroranschlägen

Wir wollten wissen, wie die Situation in Paris ist. Also haben wir zwei Deutsche, die gerade da sind, gebeten, uns zu erzählen, was sie in der Nacht und am Tag nach den Terroranschlägen erlebt haben:

Dirk ist  44 Jahre alt, PR Consultant und  lebt seit 11 Jahren in Paris. Er erzählt:  „Ich war zum Zeitpunkt des Geschehens auf einer Veranstaltung ganz in der Nähe. Dort bin ich dann bis drei Uhr geblieben. Dann hab mich ganz vorsichtig zu Fuss, vorbei am Bataclan, dem Ort der größten Attacke, das  50 Meter von meiner Wohnung entfernt liegt, nach Hause bewegt. Die Stimmung auf den Strassen war panisch. Ähnlich wie nach den Anschlägen im Januar.
Ich habe mich erstmal darüber geärgert, dass es kein freies Taxi gab und ich ungeschützt laufen musste. Wie ich später hörte, hatten viele Taxifahrer ihre Uhren und deswegen auch ihr Licht ausgestellt und haben Menschen kostenlos heim gefahren, damit sie sicher sind. Auf dem Weg habe ich in die vielen aufgeregten, betroffenen Gesichter der mir entgegenkommenden Passanten geschaut, die mir erst das Ausmass der Geschehnisse vor Augen geführt haben. Dann waren da die vielen Mails und SMSe, die ich schnell auf dem Weg beantworten wollte. Währenddessen habe ich über die Wahrscheinlichkeit nachgedacht, dass auch mir was passiert und war doch sehr besorgt. Die Stimmung, gerade in der Nähe des Bataclans, war beängstigend. Überall bewaffnete Sicherheitskräfte und  Absperrungen. Viele aufgeregte Leute auf den Strassen. Als ich heil zu Hause angekommen war, es war nach vier, sass meine Mitbewohnerin noch am Tisch. Sie wartete auf mich und auf News eines Freundes, der am Abend im Bataclan war. Ihr Besuch hat sich in der Nacht nicht mehr raus getraut und ist geblieben. Ich weiß von meinen engen Freunden, dass es ihnen gut geht. Habe mich noch in der Nacht vergewissert dass alle heile zu Hause sind. Obwohl ich gerade alleine bin, vermisse ich gerade keine Freunde in der Nähe. Es berührt mich, wie groß die Anteilnahme von überall her ist.“

Mischa ist Fotograf, 38, der Leiter der Fotobuch-Abteilung des Bruno Gmünder Verlags und war gestern auf einer Foto-Messe in Paris. „Ich bin abends nach Hause gelaufen, durch das 8. Arrondissement, den vielleicht schönsten Teil von Paris. Es war auch ein schöner Tag gewesen, sonnig, warm, entspannt. Heute ist es ja eher kalt. Ich erinnere mich, dass ich mir gewünscht habe, mein brasilianischer Freund wäre bei mir und wir könnten das teilen. Jetzt bin ich froh, dass er nicht da war. Ich bin ins Hotel gegangen und habe die Neuigkeiten dort aus dem Fernsehen erfahren. Da war es spät, sie haben lange nichts gesagt oder eingeblendet. Die Nacht über konnte man die Polizei-Hubschrauber über der Stadt hören. Ein Kollege schlief in einem Hotel in der Nähe des Bataclans, aber es geht ihm gut. Ich habe kurz darüber nachgedacht, raus zu gehen und zu fotografieren, aber es dann gelassen. In so einer akuten Situation brauchst du niemanden, der da rumspringt und Fotos macht. Heute Morgen war die Situation im Hotel eigentlich fast normal. Die Concierge sagte, „Was soll man machen.“ Ich bin den ganzen Vormittag herumgelaufen und habe Fotos mit meinem Handy gemacht. Ich war gestresst und brauchte was zu tun, um nicht auszurasten. Alle sind leise und behutsam, Menschen flüstern miteinander. Aber so richtig niedergedrückt ist die Stimmung auch nicht. Die großen Geschäfte sind auf, die Gastwirte stellten ihre Tische vor die Cafes und die Pariser setzten sich und tranken ihren Kaffee mit Milch. Die lassen sich nicht so schnell kleinkriegen, glaube ich, auch von sowas nicht. Mein Freund rief irgendwann an, und wusste nicht so richtig Bescheid. Ich habe ihn dann aufgeklärt. Er sagte: „Bei uns gab es gestern Nacht auch eine Schießerei. Zehn Tote, ein Blutbad.“ Das hat mich, so schrecklich wie es ist, irgendwie geerdet. Überall waren Männer in Militäruniformen unterwegs, die wichtigsten Gebäude werden bewacht. Auf dem Weg zum Flughafen sah ich aus dem Bus, wie sich unter einer großen Anzeigentafel an der Seine, auf der aufblinkte, was wegen der Terroranschläge alles geschlossen ist, ein junges Paar lange küsste. Das war schön. Am Flughafen ist es voll, alle wollen weg aus Paris, es ist chaotisch. Ich verstehe nicht genau warum, müsste ich nicht zurück, ich würde bleiben. Das Schlimmste ist doch schon passiert. Und die Stadt ist noch da.“

Aufgezeichnet von Kriss Rudolph und Paul Schulz

Bild: Shutterstock/Andrey Yurlov


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