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Club der toten Pornodarsteller

Gleich zwei Todesfälle hintereinander: Zac Stevens und Dimitri Kane

Da sind sie wieder in gehäufter Form zur Vorweihnachtszeit: Meldungen von schwulen Pornodarstellern, die tot aufgefunden werden und bei denen man sich fragt, wieso derart junge, sportliche, attraktive, begehrenswerte Männer sterben? Mord, Selbstmord, Drogen? Aktuell waren es zwei Fälle innerhalb knapp einer Woche: Erst der 25-jährige Zac Stevens, bekannt aus Filmen des Studios Helix, dann der 20-jährige Dimitri Kane, bekannt über Men.com, Pride Studios und ManRoyale. Im April hatte sich der 18-jährige Christopher Luke McAteer vom Pornloabel „Corbin Fisher” aus Las Vegas das Leben genommen – er soll unter Depressionen gelitten haben.

Der Pornodarsteller Dimitri Kane, der in Florida tot aufgefunden wurde. (Foto: Privat)

Der Pornodarsteller Dimitri Kane, der in Florida tot aufgefunden wurde. (Foto: Privat)

Dass wir von solchen Todesfällen so viel mitbekommen, liegt natürlich daran, dass die Meldungen sich über Soziale Netzwerke schneller verbreiten als je zuvor und dass Medien ungehemmter berichten. Schließlich ist Pornografie inzwischen Alltagskultur, weswegen Pornodarsteller in vielen Fällen ebenfalls als Alltagshelden betrachtet werden. Ganz besonders im Zuge der Reality-Porn-Bewegung, wo jeder als Darsteller mitmachen kann. Was viele auch tun. Notfalls laden sie selbst ihre Home-Made-Videos irgendwo hoch. Das gilt nicht nur für schwule Männer, aber ganz besonders für diese. Es ist auch ein relativ neues Phänomen, dass im Internet private Filme kursieren, in denen schwule Pornodarsteller mit ihren Eltern sprechen und diese erklären, wie unterstützend sie sich in Bezug auf die Karriere ihrer Kinder verhalten. In Zeiten von Casting und Talent Shows, die den schnellen Ruhm und viel Medienaufmerksamkeit versprechen, ist Porno eine Möglichkeit unter vielen geworden, bekannt zu werden. Und viele Männer nutzen sie als vermeintliches Karrieresprungbrett – das sie in eine große Reality Show hinein katapultiert. So der Plan, der selten aufgeht.

Zac Stevens (r.) mit seinem Helix-Studio-Kollegen Tyler Hill. (Foto: Twitter/@TylerHillXXX)

Zac Stevens (r.) mit seinem Helix-Studio-Kollegen Tyler Hill. (Foto: Twitter/@TylerHillXXX)

Noch in den 70er und 80er Jahren, als der erste große Pornoboom losging, war das anders. Da waren die berühmten Darsteller, die wir heute als Ikonen feiern – von Jack Wrangler bis Al Parker und Leo Ford – allesamt soziale Außenseiter. Man sah sie nicht, wie heutige Pornogrößen, mit Vertretern aus der Mode- und Musikwelt auf Jachten im Mittelmeer Urlaub machen, worüber dann die BILD-Zeitung berichtet. Man sah sie schon gar nicht in TV-Shows. Im Gegenteil: Porno war ein unmittelbarer Karrierekiller. Porno war etwas für Assoziale. Mit denen man vielleicht Sex haben wollte, aber die man nicht mit nach Hause brachte und als Boyfriends vorstellte. Als ich das Buch „Porn: From Andy Warhol To X-Tube“ schrieb und die Biografien vieler Vintage-Pornodarsteller recherchierte, erschrak ich, wie viele von ihnen unter seltsamsten Umständen starben: die allermeisten an AIDS, dicht gefolgt von Drogenmissbrauch, aber auch erstaunlich viele Unfälle mit dem Motorrad oder beim Putzen von Jagdgewehren. Zu den allermeisten Namen war allerdings keine Info zu finden; diese Männer verschwanden im Nichts. Kontakte und weitere Informationen zu ihren wahren Identitäten waren lange nur über die Pornostudios selbst zu bekommen, die üblicherweise abblockten. Heute kommunizieren „Stars“ selbst mit ihren Fans und bauen ihre „Marke“ und damit ihren Marktwert auf. Man muss sich nur anschauen, wie viele Follower Jordan Fox oder Hans Berlin auf Facebook haben.

Deshalb sind moderne Pornodarsteller auf nie zuvor gekannte Weise in unserem Leben präsent, weil wir täglich von ihnen als „Freunden“ in sozialen Netzwerken lesen können. Durch diese gefühlte Nähe sind Todesfälle wie die von Zac Stevens in San Diego und Dimitri Kane in Florida heute so auffallend. Und unmittelbar schockierend.

Früher wären sie einfach sang und klanglos von der Bildfläche verschwunden, im wahrsten Sinn des Wortes. Da hätte keine Zeitung drüber berichtet und da hätte man keine 200 Links zu Hintergrundgeschichten bei Facebook gefunden. Von den vielen Beileidsbekundungen von Kollegen ganz zu schweigen, die anrührende private Fotos aus Instragram und Twitter gepostet haben, u.a. das Titelbild hier, wo man CockyBoy Liam Riley sieht (2.v.l.) zusammen mit Zac Stevens und Twink-Kollegen, die sich in RIP-Postings ergehen.

Die Regisseurin Mr. Pam. (Foto: Facebook/mrPam Gaypornmama)

Die Regisseurin Mr. Pam. (Foto: Facebook/mrPam Gaypornmama)

Aber das erklärt noch nicht, warum sich so viele junge Männer umbringen: denn die häufigsten Todesursachen sind Selbstmord und zu vielen Drogen. Die Pornoregisseurin Mr. Pam (Naked Sword) erklärte mir das einmal so: junge Männer arbeiten heute hart an ihrem Körper, sie wollen ihn der Welt zeigen und bewundert werden, sie drehen Pornofilme, sie werden über Nacht bekannt, genießen die Aufmerksamkeit, das Gefühl, der neue It-Boy zu sein. Dann kommt das böse Erwachen, wenn die Pornobranche sie schon nach drei oder vier Filmen als „alte Eisen“ einstuft und sie nach einem Jahr keine Engagements mehr bekommen. Sie denken dann, es liege an ihrem Körper, der nicht mehr begehrenswert sei, und fangen an, sich mit Steroiden noch mehr Muskeln anzutrainieren, bis sie zu erschreckenden Panzerschränken werden. So haben sie vielleicht noch eine zweite Karriere als hypermaskuline Superhengste. Und wenn das auch nicht mehr funktioniert, wenn die nicht enden wollende Flut von neuen Darstellern sie beiseiteschiebt, auch im Escort-Geschäft, dann verstehen viele die Welt nicht mehr. Sie kommen mit der Situation nicht klar, dass die Zyklen der Pornoindustrie sie schneller und schneller ausspucken. Nur die wenigsten haben einen Plan B, der ihnen ein anderes Leben nach der Pornokarriere ermöglicht. Und nur die allerwenigsten Pornostudios helfen Darstellern, eine effektvolle Exit-Strategie zu erarbeiten. BelAmi tut das, die CockyBoys auch und ganz gezielt …. Aber in den meisten Fällen sind Pornodarsteller auf sich gestellt. Und die Konkurrenz ist knallhart. Schließlich will ja jeder der nächste It-Boy sein. Für Mitgefühl ist da oft wenig Zeit. Oder nur kurz Zeit. RIP, posten, liken, fertig.

Zac Stevens (r.) mit seinem Helix-Studio-Kollegen Evan Parker. (Foto: Twitter/@EvanParkerXXX)

Zac Stevens (r.) mit seinem Helix-Studio-Kollegen Evan Parker. (Foto: Twitter/@EvanParkerXXX)

Andere gehen gleich ins Business mit der Vorstellung, dass ihr Leben sowieso bald zu Ende sein werde. Übers 30. Lebensjahr denken sie nicht hinaus. Wer die Doku „The Island“ über Treasure Island Media gesehen hat, wird sich vermutlich an die diversen Statements von Darstellern dort erinnern, die erklärten, wieso sie Drogen wie Crystal & Co. gebrauchen und Bareback ficken, ohne Sorge um die Zukunft oder den Verfall ihres Körpers.

Einer in „The Island“ sagt klipp und klar: „Nächstes Jahr bin ich sowieso tot.“

Im Fall von Dimitri Kane berichtete Str8UpGayPorn.com, dass ein Freund der Familie glaube, Kane sei an einer Überdosis gestorben. Der gleiche Freund berichtete auch, dass Kanes Familie in New Jersey von dessen Pornokarriere wusste und diese voll unterstützt habe. Die genaue Todesurache von Zac Stevens wiederum ist noch ungeklärt. „Er wirkte in seinem Job sehr glücklich“, erzählte der Fotograf Antonio Rodriguez unlängst in einem Interview. „Aber jeder, der die Pornoindustrie kennt, weiß, dass da viel Dunkles hinter den Fassaden lauert. Dem Publikum zeigt man ein zufriedenes, glückliches und freundliches Gesicht, aber hinter den Kulissen ist man eine einsame oder deprimierte Person, die kaum Freunde hat.“ Rodriguez erklärt die gehäuften Todesfälle gegenüber dem Portal „Gaystream“ so: „Einige haben sich aus Verzweiflung an sich und aus Angst vor ihrer Zukunft das Leben genommen. Andere haben sich nicht mit dem natürlichen Alterungsprozess zu recht gefunden, viele denken, dass mit 30 das Leben zu Ende ist – und machen Schluss, solange sie noch jung und schön sind. Einige haben sich aus Selbsthass das Leben genommen. Andere sind am exzessiven Drogenkonsum gestorben oder haben sich wegen finanzieller Probleme (keine Engagements mehr) selbst getötet. Auch die Enttäuschung über einen Job, der nicht nur reiner Spaß ist, oder ein positives HIV-Testergebnis waren Motive dafür, dem Leben freiwillig ein Ende zu machen. Ich würde sogar sagen, das positive HIV-Ergebnis ist noch immer Suizid-Motiv Nummer eins.“

Da das Internet nie vergisst, kursieren Filme der toten Stars weiterhin. Das führt dazu, dass man nach der Todesmeldung Sexfilme mit diesen Männern nach wie vor sehen kann – und sich fragen muss, ob es moralisch vertretbar sei, sich darauf jetzt noch einen runterzuholen?

Eine klare Antwort kann es nicht geben, denn es ist nicht auszuschließen, dass etliche tote Stars sich freuen würden, so strahlend und attraktiv in Erinnerung zu bleiben. Als eine Form von Unsterblichkeit.

DVD-Cover mit Roman Ragazzi. (Foto: Raging Stallion Studios)

Was ist aber mit Fällen wie Dror Barak aka Roman Ragazzi? Der war Mitarbeiter der israelischen Botschaft und nahm sich das Leben, nachdem ihn jemand bei seinem Arbeitgeber als Pornodarsteller meldete, er seinen Job verlor, sich vor der Familie outen musste und später mit dem neuen Leben als simpler (and sehr sexy) Fitnesstrainer nicht zurecht kam? Ragazzis Filme wurden nach und nach aus dem Netz gelöscht, möglicherweise auf Wunsch seiner Familie. Aber ab und zu findet man sie dennoch. Und wird mit dem tragisch zu nennenden Schicksal von Dror Barak konfrontiert. Oder dem des hühnenhaften Ungarn Arpad Miklos, der sich mit 45 Jahren das Leben nahm, weil er als Escort/Pornodarsteller in New York mit dem Älterwerden nicht klar kam und Schluss machte. Offizielle Todesursache: Depression.

Mag sein, dass wir heute über Porno in Talkshows sprechen, im Museum Ausstellungen sehen können, damit einen kurzen Moment des Ruhms erhaschen und eine Einladung auf die Jacht von Elton John oder Marc Jacobs bekommen. Ein anstrengender Job mit harter Konkurrenz und wenig sozialer Absicherung bleibt es dennoch. Die Schattenseiten des Geschäfts werden viel zu selten behandelt, weil viele Verantwortliche in der Branche denken, zerstörte Illusionen würden Kunden vertreiben. Aber so unmündig und eindimensional ist die schwule Kundschaft sicher nicht, oder?

Der Tod von Zac Stevens und Dimitri Kane wäre jedenfalls ein guter Anlass, diesen großen Themenkomplex umfassender zu diskutieren. Was damit beginnen könnte, dass man sich als Konsument von Pornos überhaupt bewusst wird, dass hinter der geilen Fassade echte Menschen mit echten Problemen stecken. Das macht sie nicht weniger sexy. Aber es macht sie zu vollwertigen Mitgliedern unseren Gay Community, deren Schwierigkeiten wir zur Kenntnis nehmen sollten.

Denn sie gehen uns alle etwas an. Nicht nur, wenn wir mal wieder im Pornhub-Universum vorbeschauen und uns an illegal hochgeladenen Filmen von Helix, Men.com, Pride Studios oder ManRoyale erfreuen.

Titelbild: Twitter/@liamrileycb


33 Kommentare

  1. Alexander Flemming

    Die Branche ist einfach nur hart und eiskalt du wirst als Darsteller wie ein Stück Vieh behandelt und muss dich in eine Schublade pressen lassen in die du nicht reinpasst damit sie möglichst viel Geld aus den Leuten herauspressen können entweder steigt man rechtzeitig aus oder man geht dran kaputt alles in allem ist es eine kalte gewissenlose Branche

  2. Mirco Antonewitsch

    Das erschreckt mich jeden Tag in der gay Szene in Hamburg wieviel Drogen konsumiert werden,koks gee cristal usw ich bin da total dagegen da werde ich immer sofort sauer jedes 2 Wort ist bei Gayromeo hast du Chems ! Das machen Pornostars (der ein oder andere sicher auch).

  3. Alexander Flemming

    Du hattest Glück und ich denke mir auch mal dass du zu denjenigen gehörst die seine Drehpartner auch ordentlich behandeln und da ich schon immer ein großer Fan von dir war könnte ich jetzt über dich auch nichts schlechtes sagen aber dennoch gibt es eine Menge schwarze Schafe in der Branche ich habe mich auch nie wie ein Stück Vieh behandeln lassen deswegen und aus anderen Gründen habe ich Reißleine gezogen und bin ausgestiegen weil es mich genervt hat in eine Schublade gesteckt zu werden in die ich nicht reinpasst da ich damals mit dem Gedanken an die Sache rangegangen bin nur Filme zu machen die ich gut finde und dann ganz schnell die harte Realität kennengelernt habe die da heißt Dreh oder wir finden jemand anderen für den Job

  4. Sebastian Kreth

    Vielleicht sollten Produzenten und Porno Konsumenten mal mehr den Menschen hinter dem Job sehen und nicht nur immer auf die Hülle schauen. Bei so viel Druck, Bad Blood, den evtl. falschen Freunden und Missgunst in der Gay Welt können manche einfach ohne Drogen/Alk, anscheinend es nicht anders ertragen. Ist bestimmt nicht ohne in dem Job. Und das wegsehen&nicht erkennen von Problemen und nicht helfen wollen ist ja gang und gebe geworden in der heutigen Zeit. Leider :/ .

  5. Sebastian Schött

    Normale Männer haben einen normalen Körperbau und einen normalen Trainingsgrad – ich rede von Prinzessin Anabolika und Konsorten – nenn mir einen Porno wo Männer mitspielen welche nicht irgendwelche Dinge nehmen um sich aufzupumpen

  6. Mathias Zillig

    Tim M Kruger:
    Natürlich sollte man nicht verallgemeinern. Auf keinen Fall, dennoch darf und sollte man die Umstände mit einbeziehen.

    Ich empfand den Artikel nicht als brantmarkend für die Studios. Im Gegenteil, es wurde sogar über die Exit-Möglichkeiten gesprochen. Als Todesursache Nummer Eins wurde auch HIV/AIDS genannt.

    Nicht jeder Mensch bestitzt eine starke Persönlichkeit und ein starkes Umfeld. Ich erinnere mich an den Jungen der sich letztes Jahr erschossen hat, starke familiäre Differenzen bezüglich Religion. Der Nachruf der Familie war auf erniedrigende Art und Weise eine religiös korrekt ausgedrückt..

    Natürlich wird in jeder Branche gestorben, nur das die Pornoindustrie nunmal im Fokus der Öffentlichkeit stehen kann. Anders als beim Buchhalter.

    Drogen und Selbstmord wird ja nicht nur der Pornoindustrie nachgesagt, vielmehr den meissten Unterhaltungsindustrien.

    Was ich viel schlimmer finde ist, wie negativ dieser Bericht kommentiert wird, dass macht mich nachdenklich.

  7. Dirk Döring

    Immer wenn man Kritik an die Pornoindustrie übt, dann fängt ihr „Darsteller” an, mit dem Daumen auf andere zu zeigen. Ist das so eine Standardantwort die ihr eingehämmert bekommt ? Hier geht es nun mal nicht um andere Branchen, sonder um die Pornoindustrie Punkt Und die ist Kriminell, Menschenverachtend und Homophob. Das sind doch Tatsachen. Was ist denn mit diesen Typen der jetzt wegen Erpressung im Gefängnis sitzt. Oder was ist denn mit dem Fall ” Manhunt” dieser Stricherseite. Oder was ist mit den ganzen Gayporndarstellern die offen Homophob sind oder auch den Studios dessen Chefs dir in Chats sagen, auf der frage warum es so wenige wirklich schwule Darsteller in der Gaypornindustrie gibt, dass sie keine schwulen mögen. Das sind alles Tatsachen. Da muss man sich nicht die Anderen ansehen ! Die Pornoindustrie wird so schlecht dargestellt, weil sie so schlecht ist !


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