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„Coming Out“ in Kiew

Matthias Freihof beim 45. Kyiv International Film Festival Molodist

Der Schauspieler Matthias Freihof, der den Lehrer Philipp in der DEFA-Produktion „Coming-out“ (DDR, 1989) spielt, war kürzlich  Jury-Mitglied beim Filmfestival in Kiew – dort wird auch seit einigen Jahren in einer LGBTI-Sektion der Sunny Bunny verliehen, nach dem Vorbild des Teddy Awards. Für MÄNNER berichtet er hier von seinen Erfahrungen.

 

Eine „Jugendtourist“-Reise mit Klassenkameraden führte mich 1978 zum ersten Mal nach Kiew. Außer der schier endlosen Zugfahrt von Berlin über Minsk nach Kiew sind mir nicht viele Erinnerungen an meine damalige Reise geblieben.

Nun, nach fast 40 Jahren, bekam ich die Anfrage, ob ich beim 45. Kyiv International Film Festival Molodist (ukrainisch für „Jugend“) Mitglied der Internationalen Jury sein möchte. Natürlich fühlt man sich immer sehr geschmeichelt, wenn man in die Jury eines Film Festivals berufen wird. In diesem Fall waren meine ersten Gedanken: Krieg in der Ostukraine, Tote auf dem Maydan und eine extrem homophobe Öffentlichkeit, die von der Orthodoxen Kirche angeführt wird. Aber meine Neugier hat gesiegt!

Eröffnung des SUNNY BUNNY Programms mit Coming Out

M. Freihof (links) bei der Eröffnung des Sunny-Bunny-Programms mit „Coming Out“

Auf dem größten und wichtigsten Filmfestival Osteuropas erlebte ich eine der intensivsten Wochen meines Lebens. 52 Studenten-, Kurz- und Spielfilme in einer Woche, unzählige, Horizont erweiternde Begegnungen und Gespräche mit Filmemachern und Festivalbesuchern aus der ganzen Welt, sehr großzügige und herzliche Gastgeber und eine bunte, lebendige und herbstlich strahlende Stadt, in der ich mich nie unsicher fühlte. Natürlich prägen der Krieg im Osten des Landes und die sich täglich verschärfenden Auseinandersetzungen mit Russland den Alltag. Vor jedem Screening wurde dem ukrainischen Filmemacher Oleg Sentsov gedacht und seine sofortige Freilassung gefordert. Die Russen haben ihn während der Annexion der Krim gekidnappt, verschleppt und ihn nun in Russland als „Terrorist“ zu 20 Jahren Zuchthaus „verurteilt“. Die Ukrainer sind stolz und euphorisch, aber die Angst schwingt immer mit, denn die Demokratie ist jung und zerbrechlich, und der ehemalige Freund und Nachbar Russland zunehmend unberechenbarer und grausamer.

In Novosibirsk hatte ich zum ersten Mal in meinem Leben Bodyguards an meiner Seite.

Eine Besonderheit des Kiewer Festivals interessierte mich aber ganz speziell. Seit 2001 gibt es die Sektion „Sunny Bunny“. Nach dem Vorbild des „TEDDY-Awards“ der Berlinale werden dort Filme mit LGBTI Inhalten in einer eigenen Sektion gezeigt und ausgezeichnet.

IMG_4406 Der SUNNY BUNNY reporter.to

Foto: repor.to

Erste Erfahrungen mit öffentlichen Vorführungen von LGBTI Filmen auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion konnte ich 2010 in Sankt Petersburg und 2011 in Novosibirsk beim BOK O BOK Festival (Side By Side) sammeln. Die Organisatorinnen hatten mich gebeten dort unseren Film „Coming Out“ zu präsentieren. Nach zahlreichen Verboten, Störungen und Schikanen, denen dieses Festival in den Vorjahren ausgeliefert war, verlief mein damaliger Aufenthalt in Sankt Petersburg ruhig, da das Goethe-Institut, British Council und das Schwedische Kulturinstitut ihre schützende Hand über dieses Festival und seine Organisatorinnen hielten. In Novosibirsk hatte ich dann zum ersten Mal in meinem Leben Bodyguards an meiner Seite, da ein selbsternannter „Anwalt der Russisch Orthodoxen Kirche“ in einem Schreiben zu meinen Händen an das dortige Goethe-Institut drohte, alles zu tun, um zu verhindern, „dass ich die Sodomie nach Sibirien bringe“. Die Faust saß zwar im Magen, aber auch hier verlief glücklicherweise alles ruhig.

Auch der „Sunny Bunny“ musste leider dunkle Zeiten erleben. Im letzten Jahr gab es auf das Kino Zhovten einen homophob motivierten Brandanschlag während einer Filmvorführung. Niemand kam zu Schaden, aber das Kino brannte völlig aus.

1380448_809834292417424_6229708928500514596_nFoto repor.to yurenev  vom Kino ZHOVTEN nach dem Brandanschlag 2014

Foto: repor.to/yurenev

Zwei Tage später stürmten einige Männer in Tarnanzügen eine Vorführung im Panoramakino und vertrieben die Zuschauer mit homophoben Sprechchören und Gewaltandrohungen. Auch hier kam glücklicherweise niemand zu Schaden. Das alte Kino wurde wieder aufgebaut und vor ein paar Monaten wieder eröffnet.

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Matthias Freihof in „Coming Out“ (DEFA, 1989)

Zur diesjährigen Eröffnung des „Sunny Bunny“ durfte ich ein weiteres Mal „Coming Out“ präsentieren. Das Kino war gut gefüllt, die Atmosphäre gelöst, und im Anschluss an die Vorführung gab es ein langes interessantes und unterhaltsames Publikumsgespräch. Eine Frage aus dem Publikum fand ich besonders überraschend und bis dato einmalig: „Von welcher Marke waren Ihre Jeans, die Sie damals im Film trugen?“

Am späten Abend zogen dann alle noch zur Eröffnungsparty in die “Love Lounge“, eine Art Skybar unter dem Dach eines modernen Business-Centers mit großer Außenterrasse, ganz in weiß, stylish und gefüllt mit einer sehr bunten Gesellschaft in bester Champagnerlaune! An den folgenden Tagen gab es ein sehr reges Interesse an allen „Sunny Bunny“-Filmen, und alle Vorführungen verliefen ohne jegliche Störung.

Matthias Freihof (Mitte) bei der Preisverleihung mit Guppy Drink und Zhu Zhu

Matthias Freihof (Mitte) bei der Preisverleihung mit Guppy Drink und Zhu Zhu

Am vorletzten Tag des Festivals war ich am späten Abend zur Verleihung des „Sunny Bunny“ in den angesagten Club Mezzanine eingeladen. Der Club, in einem alten Fabrikgelände am Stadtrand gelegen, erinnerte mich sehr an den „abgerockten Charme“ vieler Berliner Party-Locations der 90er und 2000er Jahre. Der italienische Film „Vergine Giurate“ von Laura Bispuri wurde in diesem Jahr mit dem „Häschen“ geehrt. Das freute mich besonders für die Hauptdarstellerin Alba Rohrwacher, die ich seit unseren gemeinsamen Dreharbeiten für Doris Dörries Film „Glück“ sehr verehre. Nach der Preisverleihung wurde bis in den frühen Morgen ausgiebig gefeiert und getanzt.

Ich gebe zu: Eine Urlaubsreise hätte mich nie nach Kiew geführt. Ich bin aber sehr dankbar für diese ereignisreiche Woche, die mir dort geschenkt wurde. Dieses Gefühl von Aufbruchstimmung, Optimismus, Herzlichkeit und Solidarität werde ich so schnell nicht vergessen und ich weiß einmal mehr, dass nichts von all dem, was wir hier in Deutschland an Sicherheiten und Freiräumen haben, selbstverständlich ist!

Ich freue mich darauf, neu gewonnene Freude auf der nächsten Berlinale wieder sehen und begrüßen zu dürfen! Dem ukrainischen Land und seinen queeren Schwestern und Brüdern wünsche ich von ganzem Herzen alle Kraft und Unterstützung, dass sie sich gegen den menschenverachtenden „russischen Weg“ in eine gefährliche, mittelalterlich religiöse und „zaristische“ Diktatur erfolgreich zur Wehr setzen können!

Titelfoto: Matthias Freihof in „Coming Out“


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