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Das Spiel als Stressdusche

Schwuler Sex und das Einnehmen bestimmter Rollen gehören seit jeher zusammen

von Dennis Stephan & Christian Lütjens

Ob mit sich selbst oder anderen, mit Körperteilen oder Spielfiguren, vor der Mattscheibe oder im Schlafzimmer – der Mensch hat einen Hang zum Spielen. Das beginnt schon im Kleinkindalter und endet mit Bingo im Altenheim. Aber warum spielen wir eigentlich? Zum Vergnügen, zur Entspannung oder aus Freude an der Sache …. Kurz gesagt: Weil es Spaß macht. Psychologen gehen noch weiter. Sie sagen, spielerischen Tätigkeiten nachzugehen, fungiere als Stressdusche – Anspannung landet einfach im imaginären Abfluss. Das gilt auch für Sexspiele.

Schwuler Sex und das Einnehmen bestimmter Rollen gehören seit jeher zusammen. Die Art der Rolle setzt sich dabei aus zwei Aspekten zusammen: der Selbstsicht und der Art und Weise, wie man von potenziellen Sexpartnern gesehen werden will. Beides muss nicht unbedingt deckungsgleich sein. Es tarnen sich haufenweise intellektuelle Bücherwürmer per Trainingshosen, Sneakers und Käppis als Getto-Prolls, um die echten Exemplare dieser Gattung in die Kiste zu kriegen, und es legen sich ohne Ende Youngster per Dreitagebart, Muskeltraining und Leder-Outfits ein „reiferes“ Image zu, um von den Vollblutkerlen, auf die sie stehen, wahrgenommen zu werden.

Da wird im Gym geschwitzt, bis die Statur den Ausmaßen eines Muskelmackers entspricht, es werden Tausende von Euro in Leder- oder Sport-Outfits investiert, um bei Fetischpartys mitmischen zu können, es werden Diäten durchlitten, um auch mit Mitte 30 einen jugendlich schlanken Körper zu tragen.

Klingt nach Klischeehuberei? Stimmt. Aber um Klischees drehen sich nun mal weite Teile der schwulen Sexualität. Grob kann man sagen: Während sich vorm Coming-out viele Homos an den Tunten-Klischees ihrer heterosexuellen Mitmenschen abarbeiten, stehen sie danach vor der Herausforderung, den Prototypen in der Homoszene eine Version von sich selbst entgegenzusetzen, die zwar zu ihrer Persönlichkeit, aber auch ins Beuteraster möglichst vieler Sexpartner passt. Das bedeutet: Überhöhen oder Untertreiben der eigenen Männlichkeit. Da wird im Gym geschwitzt, bis die Statur den Ausmaßen eines Muskelmackers entspricht, es werden Tausende von Euro in Leder- oder Sport-Outfits investiert, um bei Fetischpartys mitmischen zu können, es werden Diäten durchlitten, um auch mit Mitte 30 einen jugendlich schlanken Körper zu tragen und so weiter.

Das schwule Fantasien-Arsenal ist überaus reich gefüllt mit Rollenidealen

All das, um die Objekte der Begierde dorthin zu bekommen, wo man sie haben will: in der stetig länger werdenden Liste von Fickbekanntschaften – die gleichzeitig als Selbstbestätigung und als Ansporn zur Perfektionierung erfolgserprobter Posen dient.
Je nach Typ und Reflexionsvermögen verschmelzen Rollenideal und Persönlichkeit mit der Zeit zu einem stimmigen Ganzen. Oder aber es bildet sich eine Jekyll-und-Hyde-Existenz heraus, deren Kick wesentlich auch dem programmatischen Übertritt von der Alltagsfigur in die Sex-Identität besteht. Beides hat seinen Reiz. Weil in der ersten Variante das Ich mit dem Ideal verschmilzt und in der zweiten unterschiedliche Facetten der eigenen Persönlichkeit ausgelebt werden, was besonders am Beispiel von Normalos nachvollziehbar ist, die sich für wilde Abende zu martialischen Lederkerls hochrüsten.
In beiden Fällen führt das Einrichten in einer Rolle zu der Selbstsicherheit, die man braucht, um mit der nächsten zu experimentieren. An diesem Punkt wird’s interessant. Denn das schwule Fantasien-Arsenal ist überaus reich gefüllt mit Rollenidealen.

Meister und Sklave

Wo Gleichberechtigung aufhört, fängt das Reich von Meister und Sklave an. Der Rest sind Sadismus, Devotion und klare Absprachen. Gerade bei Fesselspielen ist es ganz wichtig, vorher „Stop“- und „Go“-Codes zu vereinbaren!

Good Cop, Bad Cop

Für die einen sind sie Freund und Helfer, für die anderen Helden und Stecher. Wenn du dich zur zweiten Kategorie zählst, bist du mit Polizisten-Sex gut beraten. Uniformfetischismus geht hier mit Sadomasopraktiken einher.

Bürohengst-Action

Wenn ein Kerl Schlips und Kragen die Stange hält, kann er sicher sein, dass der nächste Ständer nicht weit ist. Für „Bürohengste“ reicht oft schon das Anlegen der Uniform (nichts anderes ist ein Anzug-Outfit), um Lust zu erzeugen.

Mehr Spielereien stehen in MÄNNER 12.2015

Titelfoto: Shutterstock


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