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„Du musst einer von ISIS sein“

Islamfeindlichkeit unter Schwulen nach Paris

Mindestens 132 Menschen haben am vergangenen Freitag in Paris ihr Leben verloren. Die islamistischen Anschläge haben weltweite Solidarität und Mitgefühl ausgelöst. Doch gleichzeitig steigt die Angst vor weiteren Anschlägen.

Muslime leiden besonders unter der Gewalt, welche die Attentäter im Namen ihrer Religion verübt haben. Unter dem Hashtag #NotInMyName distanzieren sie sich ausdrücklich von den Tätern. Dass die Gleichung Muslime ist gleich radikale Islamisten nicht aufgeht, schienen aber nicht alle verstanden zu haben.

„Nimm die terroristische Schrift von deinem verdammten Profil.“ So lautete die erste Nachricht, die Anthony Magallánez auf der schwulen Dating-App Grindr bekommen hat. „Entschuldigung?“, fragte er zurecht verwirrt nach.

Wie ein Songtext missverstanden wird

„Du musst einer von den ISIS-Scheißkerlen sein, wenn du denkst, dass es okay ist, diesen Hurka-Durka-Scheiß nach gestern zu schreiben“, antwortete er einem Tag nach den Anschlägen in Paris. Hurka-Durka bezieht sich auf den Film „Team America: World Police“, in dem die aggressive Außenpolitik Amerikas nach den Anschlägen des 11. Septembers karikiert wird.

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Der Grund für die Hassnachricht ist schnell gefunden: Anthony hat in seinem Profil die Zeile „Ich liebe dich im Winter“ in arabischen Zeichen stehen. Das ist ein Zitat aus dem Lied „Al Thaniah“ des libanesischen Sängers Fairouz.

Dementsprechend antwortete der 22-jährige Student aus Phoenix (Arizona) seinem Chatpartner: „Das ist der Songtext eines Künstlers aus einem Land, dessen Hauptstadt erst vor einigen Tagen bombardiert wurde. Mach dich schlau.“

„Wie kannst du gleichzeitig schwul und Muslim sein?”

Doch mit logischen Erklärungen kommt Anthony nicht weiter. „Du passt besser auf dich auf. Ich trete dir so heftig in den Arsch, dass du zurück in den Irak fliegst, wenn ich dich jemals in echt sehe“, bekommt er als Antwort.

„Ich bin Libanese, aber danke, dass du deine Dummheit bestätigst“, entgegnet der Student. Was sein Gegenüber daraufhin antwortet, wollen wir gar nicht erst übersetzen.

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Solche Nachrichten machen Anthony nervös. Er findet, dass die Islamfeindlichkeit zugenommen hat, vor allem nach den Anschlägen von Paris. „Ich habe oft Rassismus und Diskriminierungen in der schwulen Community erlebt“, erzählt er MÄNNER. Am öftesten hört er die Frage: „Wie kannst du gleichzeitig schwul und Muslim sein? Das ist unmöglich. Du wirst gesteinigt oder von einem Gebäude geworfen!“

Anthony ist bewusst zum Islam konvertiert

„Das finde ich dann eher amüsant. Mehr Schwule als Muslime haben mir bisher gesagt, dass ich gesteinigt werde“, sagt er. Der 22-Jährige sieht darin immer größer werdende rassistische und frauenfeindliche Tendenzen unter Schwulen.

Das ist der Songtext eines Künstlers aus einem Land, dessen Hauptstadt erst vor einigen Tagen bombardiert wurde. Mach dich schlau.

Für ihn ist das besonders schmerzlich, weil er sich im Sommer 2012 bewusst für den Islam als Religion entschieden hat. Anthony hat mexikanisch-libanesisch-französische Wurzeln, ist aber in den USA geboren und aufgewachsen. Er kann sich am ehesten als Latino identifizieren. Der Student wurde katholisch erzogen. „Die katholische Kirche hat aber nicht die Fragen beantwortet, die ich gesucht habe“, erklärt er. Also hat er mit dem Buddhismus, Judentum, Paganismus und Zarathustrismus experimentiert, bis er sich für den Islam entschieden hat. Er hat sich ein Jahr intensiv mit der Religion auseinandergesetzt, bis er konvertiert ist.

Den Text im Profil hat Anthony nicht gelöscht

„Ich habe nicht viel Homophobie von Muslimen erlebt“, berichtet er. „Ich kann die Vorfälle an einer Hand abzählen und hätte noch Finger frei.“ Wenn er jedoch rassistische und islamfeindliche Kommentare zählen müsste, „bräuchte ich mehrere Hände und Füße.“

Unter Muslimen, vor allem denen in seinem Alter, wurde er bisher nicht nur akzeptiert, sondern als Konvertit und Schwuler angenommen. „Für diese Gastfreundlichkeit bin ich sehr dankbar.“

Den arabischen Songtext in seinem Profil hat Anthony nicht gelöscht. „Ich werde nichts wegen einer intoleranten Person ändern“, erklärt er. „Sie verdienen es nicht, dass ich mich ihretwegen aufscheuchen lasse.“

Fotos: privat/Screenshot


4 Kommentare

  1. Olaf Schniggenfittig

    Wir sind überhaupt nicht gegen islamische Schwule, sind gegen „Alles über einen Kamm scheren”; wir Denken, es ist wie in jeder Gesellschaft, das es eben
    solche,nochmal irgendwie anders solche und wieder=
    rum ebenfalls nochmal irgendwie solche Menschen
    gibt!Hauptsache man unterscheidet zwischen gut und
    böse!➡Grüsse


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