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„Ich fühle mich wie Präsident Obama“

Roland Emmerich verteidigt seine Version von "Stonewall"

Gestern war die höflich beklatschte Premiere in Berlin: „Stonewall“ ist endlich in Deutschland angekommen. Wir haben Regisseur und Drehbuchautor Roland Emmerich, einen Tag bevor der Film auch überall sonst in die deutschen Kinos kommt, zum Interview getroffen und ihn gebeten, uns zu erklären, was beim Filmstart in den USA schiefgelaufen ist.

Herr Emmerich, warum wollten Sie „Stonewall“ unbedingt machen?
Wollte ich gar nicht. Aber vor drei Jahren kamen zwei Freunde zu mir und fragten mich, ob ich nicht einen Film über Stonewall machen wollte. Am Anfang habe ich gesagt, „Ich weiß nicht, ob ich der richtige Regisseur für den Film bin.“ Fand es aber schon wichtig, dass die Geschichte auf der großen Leinwand erzählt wird. Habe also angefangen, zu recherchieren. Dabei hat sich eine Zuspitzung quasi von selbst ergeben: 40 Prozent aller Kids die in den USA auf der Straße leben sind auch 2015 LGBTIQ. Weil ihre meist „christlichen“ Eltern, sie Zuhause rausschmeißen. Eine monströse Zahl. Und das waren schon damals diejenigen, die die Riot vor dem Stonewall Inn angestoßen haben. Also wollte ich es aus ihrer Sicht erzählen. Und damit konnten wir bei keinem Studio auch nur einen Fuß in die Tür kriegen. Das hat mich geärgert und dazu gebracht zu sagen, „Dann mach ich es eben doch selbst.“

War das der einzige Grund, warum es schwierig war?
Es gibt in der Geschichte, so wie ich sie erzählen wollte, einfach keine Rolle für einen großen Star, den man dann für einen Oscar nominieren kann. Und sowas ist Studios bei kleineren, riskanteren Filmen wichtig. Und große Stars wollen ja auch interessante Projekte machen, neben dem, was sie in Blockbustern so spielen müssen. Und da ist Harvey Milk, zum Beispiel, natürlich etwas Tolles. „Milk“ hätte es ohne Sean Penn nie gegeben. Er hat einen großartigen Job gemacht, aber es brauchte ihn auch, um den Film machen zu können.

" STONEWALL " Photo by Philippe Bosse

Jonny Beauchamp und Jeremy Irvine in STONEWALL
Photo by Philippe Bosse

Homophobie hatte also nichts damit zu tun, dass Sie es mit „Stonewall“ schwer hatten?
Überhaupt nicht. Das ist eine rein geschäftliche Entscheidung. Ich habe gerade das Sequel zu „Independence Day “ abgedreht. Und zwei der Hauptfiguren sind ein schwules Paar. Was nie jemand in den Gesprächen über den Film auch nur erwähnt hat. Aber der Film verkauft sich über Action und nicht über die Story.

Warum glauben Sie, ist „Stonewall“ in den USA so kritisiert worden? Die Community hat draufgehauen, die Kritiker haben draufgehauen und ein finanzieller Flop war er auch.
Das hat alles schon mit dem Trailer angefangen. Der Film hatte keine wirkliche Chance, für sich alleine zu stehen, sondern war sofort in der Mitte einer Debatte über alle möglichen Themen. Es ist mir auch zum ersten Mal so gegangen, dass in den Internetportalen wie Rotten Tomatos die Publikumsmeinungen eigentlich sehr gut waren, aber die Kritikermeinungen durch die Bank katastrophal. Und wir haben den Film ja vorher getestet. Und die Tests waren sehr gut. Und auch die Veteranen die bei Stonewall dabei waren, fanden ihn gut, als wir ihnen den Film vor dem Kinostart gezeigt haben. Und haben das auch öffentlich gesagt. Trotzdem entstand in der Öffentlichkeit irgendwie die Meinung, die Stonewall-Riots wären von schwarzen Transgendern begonnen worden und wir würden das nicht anerkennen. Was faktisch einfach falsch ist. Wir haben genau recherchiert. Wenn jemand da die Fahne hochhalten kann, sind es die Lesben. Die Riots begannen, weil sich eine Lesbe gegen ihre Verhaftung gewährt und die Straßenkids dazu aufgefordert hat, nicht rumzustehen, sondern ihr zu helfen. Was wir auch zeigen. Irgendeine 18-Jährige Transgender hat nach dem Trailer im Internet geschrieben, dass wäre falsch und wir würden sie diskriminieren. Und dann sind alle dem gefolgt, wie die Lemminge.

Ist das der Moment, wo man sich wünscht, es gäbe das Internet nicht?
Allerdings. Ich habe mich ein bisschen gefühlt wie Präsident Obama. Der will auch nur Gutes für die Menschen, aber trotzdem glauben laut Umfragen von Fox News 75 Prozent aller Amerikaner, er wäre heimlich Muslim. Und dagegen ist mit Fakten nicht anzustinken. Es ist so oft gesagt, verlinkt und geteilt worden, dass es sich verselbstständigt hat. Was nur im Internet möglich ist.

Vladimir Alexis in STONEWALL Photo by Philippe Bosse

Vladimir Alexis in STONEWALL
Photo by Philippe Bosse

Warum glauben Sie, passiert Ihnen das und Gus van Sant passiert es nicht? „Milk“ hat auch nur weiße Hauptfiguren und trotzdem hat sich niemand beschwert.
„Milk“ war eine andere Zeit und eine sehr spezifische Geschichte. Dustin Lance Black, der Drehbuchautor von „Milk“, hat eine frühe Fassung von „Stonewall“ gesehen und zu mir gesagt, „Dafür wirst du so auf den Sack bekommen.“ Als ich wissen wollte warum, hat er mir erklärt, ich würde unterschätzen, wie sehr sich bestimmte Teile unserer Community gegenseitig hassen.

Zum Beispiel?
Die Lesben hassen die weißen, wohlhabenden Schwulen, Schwule machen sich über Lesben lustig und schwarze Transgender hassen alle. Es gibt so viel Abneigungen gegen- und untereinander. Es gibt einen Dokumentarfilm über Vito Russo, den vielleicht wichtigsten schwulen Filmkritiker aller Zeiten, der auch den dritten Stonewall March in New York zeigt. Wo es viel Ärger gab, weil die weißen Schwulen alle Transgender und Drags ausschließen wollten, weil die „unserem Bild nach außen als Community nur abträglich sind“, wie sie sagten. Was natürlich Unsinn ist. Es gab darüber auf der Bühne im Central Park einen Riesenstreit, vor Zehntausenden von Leuten. Und irgendwann kommt Vito auf die Bühne und sagt, „Kinder, wir sind eine Community. Und nur so werden wir Erfolg haben.“ Und das haben immer noch nicht alle verstanden, glaube ich. Aber, Filme haben ein langes Leben. „Blade Runner“ war auch ein Flop bei Kritikern und Publikum, als er rauskam. Und 30 Jahre später ist er regelmäßig auf Listen der „10 besten Filme aller Zeiten“ zu finden. Wir werden sehen, wie es „Stonewall“ in 30 Jahren geht.

Foto: Shutterstock/Evgeny Eremeev

Die Männer Kritik zum Film:
Noch vor einem Jahr freuten sich alle, dass „Independence Day“-Regisseur Roland Emmerich den ersten großen Stonewall-Spielfilm auf die Leinwand bringen würde. Doch dann kamen der Trailer, die Whitewashing-Debatte und der desaströse Start in den US-Kinos, wo der Film am ersten Wochenende keine 150.000 Dollar einspielte. Wenn „Stonewall“ nun im November in deutsche Kinos kommt, sei gesagt: Es ist kein wirklich guter Film, aber er ist auch nicht so schlimm wie viele behaupten. Klar, für das Thema ist er viel zu glatt und unpolitisch, obendrein seltsam künstlich, wie ein Musical ohne Musik. Trotzdem gibt es neben der Hauptfigur, dem weißen Provinzbuben Danny, durchaus Platz für nicht-weiße und nicht-schwule Figuren. Vor allem aber sieht man verschiedene homosexuelle Lebensentwürfe und Standpunkte. Außerdem ist „Stonewall“ ein interessantes Experiment, zu dem Hollywood noch vor wenigen Jahren nicht bereit gewesen wäre: ein durchweg schwuler Film, erzählt mit Emmerichs überraschungsfreien Mainstream-Mechanismen, maue Dialoge inklusive, nur dass der in Sonnenlicht getauchte Held, der über sich selbst hinauswächst, diesmal nicht gegen Aliens, sondern gegen Homophobie und Polizeigewalt kämpft! (heid)

Mehr zum STONEWALL-Film und den echten Stonewall-Riots jetzt in unserer aktuellen Ausgabe


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