kl shutterstock_172599368

Im Land der ungezähmten Männer

Unterwegs in Frankreich

von Thomas Petersen und Dennis Stephan

 

In Suze la Rousse in der Region Rhône-Alpes befindet sich die Université du Vin. Beheimatet im imposanten Renaissanceschloss büffeln junge angehende Önologen und beschäftigen sich mit allen Fragen des Kelterns, von Bioanbau bis Wirtschaftlichkeit. Zeit für einen Abstecher per E-Bike in die Umgebung. Was für eine Landschaft: Weinberge wechseln sich mit riesigen Lavendelfeldern ab, die bis zum Horizont kräftig lila leuchten.
Weinprobe in La Baume-de-Transit. Hier befindet sich das Gut Domaine Saint Luc, das sich neben dem Weinanbau auch auf Touristen eingestellt hat. In mehreren Zimmern und Bungalows kann man abseits vom Trubel wirklich entspannen. Am besten bei einem Glas Cuvée Emiliane Rouge, der hier in den Eichenfässern reift. Der Inhaber hat zu einem Picknick geladen. Neben sieben verschiedenen Weinen, die es zu probieren gilt, fährt seine Gattin mal eben fünf Gänge auf. Wenn das ein Picknick ist, fragt man sich, was hier bei einer Hochzeit verzehrt (und getrunken) wird.

Grignan and château - Drôme Provençale

Lila Lavendelfelder (Foto: M. Rougy)

Ein lohnender Abstecher ist die traditionelle Biscuiterie de Provence in Saint-Maurice-sur-Eygues, in der süßes und salziges Gebäck hergestellt wird. Mit allen erdenklichen Aromen der Region verfeinert, lockt es mit dem Geschmack von Lavendel, Oliven, Mandeln, Käse und etlichem mehr. Ein Familienbetrieb, der seine Produkte bis ins Berliner KaDeWe liefert. Sehr zu empfehlen.

Camembert, Cidre und Calvados

Vom Südosten Frankreichs in den Norden, ins Land der ungezähmten Männer – zumindest war es einmal so, als die ersten zotteligen Wikinger, die Normannen, in die Normandie einfielen und sich niederließen. Heute trifft man die blutrünstigen Barbaren allenfalls noch in einschlägigen Sadomaso-Kellern. Oder in den Karikaturen des Zeichners Sylvain Guichard, der 2010 beschloss, aus den Klischees rund um seine Heimatregion die Humor-Marke Heula zu machen. Auf Postkarten, Geschirr, Kleidung und anderen Souvenirs verarbeitete er seitdem die landestypischen Bauernmenschen, die wechselhaft gestimmte Witterung und die normannische Kuh. In der Normandie ist man verdammt stolz auf seine Molkerei – nun nicht schelmisch werden, gemeint sind tatsächlich Milchprodukte. Die typischen, „gourmannischen“ Köstlichkeiten bilden ein Alliterationstrio: Camembert, Cidre und Calvados. Und da schließt sich dann der Kreis, denn ein Wikinger-Gen steckt den Normannen noch immer im Blut: die Trinkfestigkeit.

Genderqueer und unbeugsam war bekanntlich auch Jeanne d’Arc

Wer ein Faible für Historie und klassische Architektur hat, der wird es dort lieben. Das charmante mittelalterliche Städtchen Rouen kann mit 2000 Jahren Geschichte glänzen. Rustikales Fachwerk, gotische Gotteshäuser, altstädtische Wochenmärkte. In Rouen tanzt die Architektur, alles ist geneigt, rotiert, gebeugt, mit keiner Wasserwaage messbar. Genderqueer und unbeugsam war bekanntlich auch Jeanne d’Arc – die „Jungfrau von Orléans“. Weil sie sich weigerte, die Männerhosen, die sie in der Schlacht um das von den Engländern besetzte Frankreich trug, gegen Frauenkleider einzutauschen und vehement darauf pochte, von Gott selbst gesandt worden zu sein, machte die politisch orientierte Inquisition kurzen Prozess und ließ sie auf dem ehemaligen Marktplatz als Ketzerin verbrennen. Die Jungfrau selbst blieb bei ihren Überzeugungen, selbst als die Flammen sie verzehrten. 25 Jahre später wurde das Urteil vom Papst widerrufen und Johanna heilig gesprochen. Beugen oder nicht beugen, das ist hier die Frage: Rouen gilt nicht nur als die Stadt der 100 Kirchtürme, sondern auch als die schwule City der Normandie.

kl shutterstock_294223103

Foto: Shutterstock

Die Region kann man sehr wohl als schwulenfreundlich bezeichnen, auch wenn man zugeben muss, dass die Gay Vibes nicht gerade am Überschäumen sind. Szenetreffpunkte sind die Bars in der Rue Saint-Etienne, nahe der Seine. Mein Tipp für romantische Dandys: Macht es Euch bei sonnigem Wetter vor dem Antico Caffé an der Place Barthélémy bequem. Hier kann man lecker Kerle dabei beobachten, wie sie bei Spätsommersonne zu einer Tasse Espresso und einer Zigarette das gemütliche Leben genießen.

Freier Umgang mit dem nackten Körper in der Normandie nicht die Regel

Obwohl man mit den Franzosen landläufig ein sehr sinnliches, erotisches Völkchen, ja sogar eine ziemlich intensive Sexpraktik verbindet, ist ein freier Umgang mit dem nackten Körper in der Normandie nicht die Regel. Im Spa-Bereich des Schwimm- und Sportzentrums Les Bains des Docks bleibt der Bade-Schlüppi an – „aus Hygienegründen“, ja, ja, is’ klar. Selbst in den Umkleidekabinen wird man schief angesehen, wenn man sich unter der Dusche freimacht. So heißt es stattdessen mit der Seife umständlich in  der Badehosen rumwühlen.

Die Normannen tranken aus Tongefäßen, die an die Schädeldecken der Feinde erinnerten – barbarisch gut!

Verlässt man das Département Seine-Maritime Richtung Westen, gelangt man in die Gegend Calvados – bekannt für ihre weitläufigen Apfelplantagen. Wo die deutsche Oma nur Mus und Kompott im Kopf hat, haben die Normannen bereits früh erkannt, welche wunderbaren Getränke sich aus dem rotbäckigen Wirtschaftsobst gären lassen: der Apfelbrandwein „Calvados“ (nur echt mit einem Alkoholgehalt von mindestens 40 Volumenprozent!), der Apfelschaumwein „Cidre“ und der Absacker „Pommeau“. Lass Dir nicht einreden, dass man Calvados und Co. ausschließlich aus dünnwandigen Schwenkern genießen muss. Die Köstlichkeiten waren früher einfache bäuerliche Getränke, die vor dem ersten Nippen nicht 23 gegen und zweimal im Uhrzeigersinn gedreht und beschnuppert wurden. Die Normannen tranken aus Tongefäßen, die an die Schädeldecken der Feinde erinnerten – barbarisch gut! In der Stadt Caen verbrüdern sich studentischer Esprit und geschichtsschwangere Vergangenheit. Durch die aufgeschlossene, frische Klientel fällt das Leben in Caen leicht. Alljährlich findet der Gay Pride dort statt. Wer Bock auf Cruising hat, sucht die Bar L’Apollon auf und geht auf die Pirsch. Eher nicht so der Szenegänger? Kannst aber trotzdem ganz gut mit Eiern? Wie wäre es dann vielleicht mit einem Kochkurs in der P’tit Chef Academy? In einem Herrenhaus des 16. Jahrhunderts gelegen, zeigt Dir Chefkoch Johnnatan Gallais, wie einfach die einheimische Küche eigentlich ist – und wie Du Eier richtig pochierst. Mein Tipp: Ganz zärtlich sein und immer schön in Bewegung bleiben. Kennt man ja.

Noch mehr Reisetipps für Frankreich findest Du in MÄNNER 11.2015!

Titelbild: Shutterstock


0 Kommentare



Likes & Shares

Durch die fortgesetzte Nutzung der Website erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. mehr Info

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close