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„Nicht nur eine kleine Liebeserklärung“

Guido Westerwelle stellte Sonntag Mittag im Berliner Ensemble sein Buch "Zwischen zwei Leben" vor

Dunja Hayali sieht leicht übernächtigt aus. Guido Westerwelle lächelt. Beides hat miteinander zu tun. Denn Hayali hat bis spät in die Nacht gelesen, weil sie wohl erst am Tag vorher zugesagt hat, Westerwelles Buchvorstellung zu moderieren. Die fand Sonntag Morgen im Berliner Ensemble am Schiffbauer Damm statt. Und war nicht öffentlich. Kleine Bühne, in dem mittelgroßen Raum im zweiten Stock des Hauses, in dem auch das neue „Literarische Quartett“ aufgezeichnet wird. Nur viele Freunde sind geladen, ein paar Pressevertreter und fünf Fernsehkameras. Für jemanden der mal der Außenminister von Deutschland war eine intime Situation.

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Selfie mit Ehemann MIchael Mronz bei stürmischem Wetter im ersten Winter nach der Stammzellentransplantation auf Mallorca (Foto: privat)

Und trotzdem sind sie alle da: Silvana Koch Mehrin, Dirk Niebel nebst Gattin, die halbe Führungsriege der FDP. Sogar Christian Lindner, der Vorsitzende der Liberalen, ist gekommen. Er sitzt am Gang. Was dazu führt, dass ihm Westerwelle beim Reinkommen, zur Begrüßung, kurz mit der rechten Hand über die linke Schulter streichen kann. Eine Geste, die beiläufig wirkt, aber, bezieht man ein, dass das Publikum am Ende der Veranstaltung darauf hingewiesen wird, man möge den ehemaligen Außenminister, während er sein Buch für einen signiert, bitte weder umarmen noch anfassen, das erlaube seine Gesundheit noch nicht, etwas zutiefst Vertrautes und Vertrauensvolles hat. Der aktuelle und der ehemalige Kopf der Liberalen in Deutschland mögen sich wohl. Was schon eine Nachricht wäre. Aber nicht der Grund ist, warum alle hier sind.

Man hat gute Tage. Und man hat weniger gute. Vor einem Jahr hätte ich den Zustand, in dem ich mich jetzt befinde, herbeigesehnt.

Der heißt „Zwischen zwei Leben – Von Liebe, Tod und Zuversicht“ und ist ein wirklich gutes Buch. Weil Guido Westerwelle und sein Co-Autor Dominik Wichmann, der als Dritter auch mit auf der Bühne sitzt, darin etwas schaffen, was Politiker-Biografien normalerweise nicht machen: Sie packen einen am Schlafittchen und nehmen einen mit in die letzten anderthalb Jahre des Lebens ihres Protagonisten. Mit allen Höhen, aber vor allem mit allen Tiefen. Das liegt daran, dass Wichmann, der mal Chefredakteur des Magazins der Süddeutschen Zeitung war, wirklich zuhören, sich einfühlen und vor allem: schreiben kann. Und daran, dass Westerwelle wohl im Angesicht der Möglichkeit seines eigenen Todes keine Angst hatte, sich ganz zu öffnen. „Zwischen zwei Leben“ beginnt mit einer Diagnose: Im Frühsommer 2014 erfährt Guido Westerwelle, dass etwas nicht stimmt. Das Knie tut wegen eines eingerissenen Miniskuses mehr weh als sonst, eine Operation ist notwendig, ein großes Blutbild wird erstellt. Dessen merkwürdige Resultate sind ein erster Hinweis auf die wenig später eintreffende, endgültige Diagnose: akute myeloische Leukämie. Das heißt Chemotherapie, sofort, innerhalb weniger Tage, denn sonst könnte es schon zu spät sein. Damit beginnen viele Monate Behandlung, von den ersten Maßnahmen bis zur lebensrettenden Stammzellenspende, die dazu führen, dass es Guido Westerwelle jetzt besser geht. Ganz gesund ist er allerdings noch nicht. Von Hayali dazu befragt, verfällt Westerwelle ins weniger persönliche „man“, er versucht mit Abstand über sich selbst zu sprechen: „Man hat gute Tage. Und man hat weniger gute. Vor einem Jahr hätte ich den Zustand, in dem ich mich jetzt befinde, herbeigesehnt.“ Selbstmitleid mag er nicht. Mitleid auch nicht. Er fand es „schön, dass meine Ärzte von Anfang an ehrlich mit mir waren. 10 Prozent Überlebenschance. Das wurde dann später auch sehr viel besser.“ Aber erstmal war er dankbar, dass ihm reiner Wein eingeschenkt wurde. Es sieht sehr tapfer aus, wie er da sitzt und das sagt. Man hat Respekt und wünscht ihm alles Gute, egal ob man politisch mit ihm übereinstimmt oder nicht.

Wenige Tage vor der Stammzelltransplantation auf der KMT-Station der Uniklinik Köln (Foto: privat)

Wenige Tage vor der Stammzelltransplantation auf der KMT-Station der Uniklinik Köln (Foto: privat)

Was auch, so sagt Westerwelle, eine der schönsten Erfahrungen der letzten zwei Jahre war: „Der Zuspruch war enorm. Auch von Menschen von denen man das nicht erwartet hätte. Politischen Gegnern. Einfach Menschen, die einen auf der Straße ansprechen.“ Er berichtet von einem spontanen Anruf von Hillary Clinton im Krankenhaus, die in Berlin zu Besuch war und „wohl beschloss, den rufen wir jetzt mal an. Von sowas zehrt man dann lange. Nicht weil sie eine mächtige Frau ist. Sondern weil sie überhaupt daran gedacht hat, anzurufen.“ Davon, dass endlich der passende Stammzellenspender gefunden ist, erfährt er, während er mit Angela Merkel bei seinem Lieblings-Italiener in Köln beim Essen sitzt. Seine Freundin, die Kanzlerin sagt: „Na, das ist doch eine gute Sache.“ Protestanten freuen sich so, sehr. Westerwelle weiß das, schließlich ist er auch einer. Spontane Gefühlsausbrüche sind was für Katholiken. Besonders in Köln.

Lassen Sie das sofort sein. Liebeserklärungen an meinen Mann sind meine Aufgabe.

Umso schöner: „Zwischen zwei Leben“ ist auch, mit viel Gefühl, eine „kleine Liebeserklärung an Michael Mronz“, sagt Hayali. Woraufhin Westerwelle sie sofort unterbricht: „Nicht nur eine kleine, hoffe ich. Und warum sollte ich die nicht machen. Warum nicht? Kann ich doch. Und will ich auch.“ Das Buch ist Mronz „dem Mann meiner zwei Leben“ gewidmet. Für schwule Leser ist das Schönste an „Zwischen zwei Leben“, wie unverstellt und selbstverständlich hier von – zugegeben – unerwarteter Seite, über eine, wohl große, Liebe erzählt wird, die eine extreme Belastungsprobe bestehen muss und diese mit Bravour meistert. Mronz sitzt während der gesamten Veranstaltung in der ersten Reihe vor der Bühne und lächelt dann und wann. Zum Beispiel wenn Dominik Wichmann von einer Email an Westerwelle erzählt, in der er, mitten in der Nacht, schrieb „Ich habe gerade eine wirklich schöne Liebeserklärung an Ihren Mann geschrieben.“ Woraufhin Westerwelle binnen Minuten antwortete „Lassen Sie das sofort sein. Liebeserklärungen an meinen Mann sind meine Aufgabe.“ Auch Wichmann und Westerwelle lachen, während Hayali wissen will, wie das eigentlich geht, sich als heterosexueller Co-Autor innerhalb weniger Wochen (Arbeitsbeginn war Anfang Juni 2015), so in die Gefühls- und Gedankenwelt eines schwulen Mannes hineinversetzen, dass man glaubwürdig aus seiner Perspektive schreiben kann? „Durch Selbstverständlichkeit. Das war eines unserer Anliegen in dem Buch: zu zeigen, dass sich hier zwar zwei Männer lieben. Das spielt aber alles keine Rolle mehr, wenn es hart auf hart kommt. Liebe muss dann Liebe sein. Krebs kümmert sich nicht um Homosexualität“. Oder, wie Westerwelle in dieser Woche dem Spiegel erklärt hat: „Wir führen keine Ehe zweiter Klasse.“ Auch um das zu erfahren, sollte dieses Buch jeder in Deutschland lesen.

 

Cover

Guido Westerwelle, mit Dominik Wichmann
Zwischen zwei Leben – Von Liebe, Tod und Zuversicht
Hoffmann und Campe
240 Seiten
20 Euro

Unter anderem hier erhältlich

 


19 Kommentare

  1. Herbert Dudichum

    ok… wir haben über dich gelästert, uns das Maul zerrissen und so manches Mal warst du einfach nur peinlich.

    Damals konnte ja keiner ahnen, was für Figuren dereinst als „Politiker“ gelten.

    Nix für Ungut…. R.I.P.

  2. Mike Georg

    Ihr seit alle so clever, das ihr es nicht versteht. Sogar seine Politiker Freunde und andere Statements sprechen nur vom Mann oder Partner nur die dummen uniformierten von Ehemann. Wer also dumm oder Idiot ist seht ihr selber an euren Kommentaren. Immer was zu meckern. Obwohl ich Recht habe. Macht euch einen schönen Sonntag.

  3. Mike Georg

    Thomas Vogt Dann versusch doch mal deinen Freund o. Partner zu heiraten, dann siehste wer der IDIOT ist. Schau nur in den Spiegel, dann haste die Antwort.


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