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Postkoloniale LGBTI-Arbeit in Afrika

Veranstaltung der Hirschfeld-Eddy-Stiftung sucht nach Antworten und wirft viele Fragen auf

Vom Timing hätte die Veranstaltung nicht aktueller sein können: Während auf Malta der EU-Afrika-Sondergipfel stattfand, an dem Vertreter von 28 EU-Ländern teilnahmen, inklusive Bundeskanzlerin Merkel, um Fluchtursachen wie armutsbedingte Migration nach Europa zu bekämpfen, lud die Hirschfeld-Eddy-Stiftung ins Afrika-Haus in Berlin-Moabit. Thema: „Wie ist eine postkoloniale Arbeit für LGBTI möglich?“ Es gab einige recht verstörende Erkenntnisse. Dass nämlich Homophobie unter Afrikanern kein Phänomen ist, das weit weg stattfindet, sondern auch hier bei uns vor der eigenen Haustür.

Um das zu illustrieren, genügte ein Blick in den gut gefüllten Veranstaltungsraum des Afrika-Hauses. Dort saßen vor allem weiße Menschen, als Referenten und Zuhörer. Ausnahmen waren lediglich Oumar Diallo, Gründer und Leiter des Afrika-Hauses, und ein Zuhörer aus Potsdam. Die anderen 1.000 Menschen auf der Mailingliste des Vereins waren nicht gekommen. Diallo erklärte, dass die starke Homophobie, die einst die Kolonialherren nach Afrika gebracht haben und die heute noch den Kontinent bestimmt, innerhalb der christlichen und muslimischen Gemeinschaften, bestimme auch die Denkweise der meisten Afrikaner in Berlin. Sie gehen in Kirchen und Moscheen, um hier Gemeinschaft zu erleben, und sehen Homosexualität nicht als „afrikanisches“ Thema, das sie etwas angeht. Im freundlichsten Fall. Weniger freundlich formuliert: Sie wollen damit nichts zu tun haben. D.h. die Integration dieser Menschen in die deutsche Gesellschaft hat nicht bewirkt, dass ihre Homophobie nennenswert abgebaut wurde von Seiten der deutschen religiösen Institutionen. Die Frage, ob es Aufgabe hiesiger LGBTI-Organisationen wäre, daran vielleicht zuerst etwas zu ändern, wurde bei dem Event nicht besprochen.

Foto: Shutterstock

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Stattdessen gab Dr. Rita Schäfer zu Beginn einen spannenden historischen Überblick. Sie betonte, dass fast alle afrikanischen Länder in der vorkolonialen Zeit gleichgeschlechtliches Verhalten kannten, dafür Wörter in ihren Sprachen hatten und solches Verhalten in ihre Familienstrukturen integrieren konnten. „Es gab eine große Toleranz gegenüber gleichgeschlechtlichem Begehren“, sagte Schäfer. Sie ist Autoren der internationalen Politikanalyse „Wie mit Homophobie Politik gemacht wird“ („Menschenrechte und Verfolgung von LSBTI-Aktivist_innen in Afrika“). Sie unterstrich, dass „Homosexualität“ sehr wohl „afrikanisch“ sei und „kein Import von imperialen Kräften“. Die haben über ihre Missionare dafür Homophobie importiert und rassistische Vorstellungen, die den Kontinent bis heute bestimmen. Die Kolonialherren und ihre Nachfolger stilisierten Homosexualität zur Bedrohung fürs Regime – und selbst in den Fällen, wo moderne Gesetzgebung liberal und fortschrittlich ist in Bezug auf LGBTI, wie etwa in Südafrika, werden Gesetze von Polizei und Militär nicht angewandt.

Dass auch Deutsche eine Kolonialgeschichte haben, die teils verheerende Auswirkungen in Afrika hatte, ist den meisten Menschen nicht bewusst.

Verglichen damit, wie umfassend die NS-Vergangenheit und andere Aspekte der deutschen Geschichte aufgearbeitet sind, ist es erstaunlich, wie wenig zur Kolonialmacht Deutschland geforscht wird. Eine Entschuldigung für die deutsche Mitschuld am Völkermord in Namibia, an den Herero und Nama zu Beginn des 20. Jahrhunderts, kam nur nach langem Drängen aus dem Bundesministerium für Entwicklung. Nicht vom Außenminister. „Wenn man dazu schon nichts hört, wie viel schwieriger ist es, eine Entschuldigung zur historischen Förderung von Homophobie zu bekommen“, sagten die weiteren Teilnehmerinnen der Podiumsdiskussion, Uta Schwenke vom LSVD und Naana Lorbeer von Queer Amnesty. Da läuft die Aufarbeitung der eigenen Geschichte und Verantwortung in Ländern wie Großbritannien und den Niederlanden deutlich intensiver. Für die deutsche Regierung sind LGBTI-Aspekte im Zusammenhang mit Afrika ein Randthema. Die Gelder, die an entsprechende Projekte fließen, sind „sehr, sehr, sehr wenig“.

Verblüffend war, dass zwar nach „postkolonialer Arbeit für LGBTI“ gefragt werden sollte, von den Damen auf dem Podium sowie Sarah Kohrt als Vertreterin der Hirschfeld-Eddy-Stiftung jedoch ausschließlich Projekte für (lesbische) Frauen vorgestellt wurden. Gleichwohl Rita Schäfer eingangs betonte, dass es historisch vor allem um homosexuelles Verhalten von Männern ging, besonders in Arbeitermilieus (z.B. Gold- oder Diamantenminen) oder beim Militär. Schwule kamen in der Diskussion dennoch nicht vor. Und die anderen Buchstabengruppen (Trans, Bi, Inter) wurden nicht einmal in einem Nebensatz erwähnt. Meiner Meinung nach sollte man mit dem Begriff „LGBTI“ in solchen Fälle vorsichtiger umgeben. Denn er suggeriert Inklusivität, die dann schmerzlich fehlt. Gegenüber MÄNNER erklärt Kohrt später: „Es war die erste Veranstaltung von mehreren, die die Frage stellen wollen, ob und wie eine postkolonial orientierte Arbeit für LGBTI möglich ist. Gestern ging diese Frage an die deutschen Projektpartnerinnen. Die folgenden Veranstaltungen werden eine andere Perspektive haben. Projektpartner_innen aus einzelnen afrikanischen Ländern werden selbst diskutieren. Außerdem Stimmen aus der Diaspora in Deutschland.“

Cover des Buchs "The Pink Swastika", wie es bei Amazon angeboten wird.

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Zur Sprache kam dafür das Problem des „Neokolonialismus“, wo evangelikale Kirchen aus den USA mit viel Geld Missionare nach Afrika schicken, um ihre extrem homophobe Ideologie neuerlich zu verbreiten. Erwähnt wurde hier u.a. der US-Politiker Scott Douglas Lively, der das Buch „The Pink Swastika“ veröffentlichte, worin Homosexuelle als „wahre Erfinder des Nazismus und Hauptschuldige der Nazi-Gräuel“ bezeichnet werden. Solches Gedankengut kommt über derartige Publikationen und Verbreitung durch US-Missionare nach Afrika. Mit entsprechenden Folgen für die Gesetzgebung, zum Beispiel in Uganda, wo die Präsidentengattin inzwischen Mitglied solch einer Kirche geworden ist.

Offensichtlich gäbe es im Zusammenhang mit LGBTI in Afrika noch sehr viel zu untersuchen, auch was die Situation hier in Deutschland betrifft. Die Hirschfeld-Eddy-Stiftung hat schon angekündigt, dass es weitere Veranstaltungen geben wird, auch mit Fokus auf nicht-lesbische Projekte. Zusammenarbeit mit anderen internationalen LGBTI-Organisationen gibt es bislang kaum, und eine große Gefahr für LGBTI-Organisationen hierzulande ist, dass sie die Szene in Afrika nicht wirklich kennen. Folge: Sie sprechen immer wieder die gleichen bekannten Persönlichkeiten und Institutionen an, statt vor Ort zu erfahren, dass es weit mehr Aktivisten gibt, die Unterstützung brauchen könnten. Wie gesagt, es gibt noch viel zu tun. Auch deshalb, weil Naana Lorbeer daran erinnerte, dass etliche Aktivisten in Afrika zu den deutschen Helfern sagen: „Das ist ja schön, dass ihr euch hier bei uns so vehement für mehr Gleichberechtigung engagiert, aber ihr habt sie ja noch nicht mal in eurem eigenen Land!“

Titelbild: Weiße und Schwarze arbeiten zusammen in einer Werkstatt in Südafrika (Monkey Busineyy Images/Shutterstock.com)


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