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Türkei: Leichteres Verweigern bei Armee

Keine expliziten schwulen Fotos mehr nötig

Nur drei Personengruppen können der Wehrpflicht in der Türkei entkommen: Kranke, Menschen mit Behinderung und Schwule. Ansonsten müssen alle männlichen Staatsbürger den „Vaterlandsdienst“ zwölf Monate lang ableisten. Einen Ersatzdienst gibt es nicht.

Doch es war bisher nicht leicht, der Armee zu erklären, dass man schwul ist. Denn das öffentliche Bekenntnis zur Homosexualität kann in der Türkei Folgen fürs ganze Leben haben, etwa wenn es um die Jobsuche geht. Dort erleben schwule Männer noch immer massive Nachteile, vor allem im öffentlichen Dienst.

Nur der passive Partner gilt als schwul

Als wäre das nicht schlimm genug, mussten die jungen Männer bisher auch noch belegen, dass sie schwul sind. Dazu gehörten etwa medizinische Untersuchungen, aber auch eindeutige Foto- und Videoaufnahmen. Allerdings gilt in der Türkei nur der passive Partner als schwul. Männer, welche die aktive Rolle übernehmen, werden dort nicht als homosexuell angesehen. Aktiver Sex gilt vielmehr als Kompensation dafür, dass es nicht genug willige Frauen geben. Denn die müssen bis zur Ehe jungfräulich bleiben.

Diese vielfach diskutierte und umstrittene Regelung hat das türkische Militär nun abgeschafft. Ab sofort gilt einzig die mündliche Aussage des Verweigerers.

Outet sich ein Soldat jedoch nicht, muss er zu dieser Entscheidung stehen. Denn gleichgeschlechtliche Liebe ist ein Grund, aus der Armee auszuscheiden. Immerhin galt Homosexualität gemäß Armee-Vorschrift bis 2013 noch als „psychosexuelle Erkrankung“.

Homosexualität: Auch in der Bundeswehr bis 1979 ein Grund zur Ausmusterung

Diese Definition wurde abgemildert zu „sexuelle Identität und Verhaltensstörung“, was immerhin anerkennt, dass Homosexualität als Identität und nicht als Krankheit zu verstehen ist. Ein Kündigungsgrund bleibt es trotzdem. So gilt ab sofort der „Frag nicht, sag nichts“-Grundsatz.

Demnach soll das Militär von offizieller Seite nicht nach der sexuellen Orientierung fragen, im Gegenzug erzählt auch kein schwuler Soldat davon. Diese Praxis galt in den US-amerikanischen Streitkräften noch bis September 2011. Und auch in Deutschland war Homosexualität bis 1979 ein Ausmusterungsgrund.

Dilemma: Homosexualität ein Jahr verstecken oder sich öffentlich outen?

Für die türkische Armee gilt Homosexualität demnach als „Verhalten, das Anpassungsprobleme in der militärischen Umgebung beeinträchtigt oder beeinträchtigen könnte.“ Dem stimmt auch die überwiegende Mehrheit der Soldaten zu: In einer Umfrage aus dem Sommer 2015 sprachen sich 96,3 Prozent von 1300 befragten Offizieren dagegen aus, dass Schwule in der Armee dienen dürfen.

„Schwul in der Türkei zu sein ist schwierig, aber für einen Schwulen im Wehrdienstalter ist es die Hölle“, beschreibt Ahmet K. die Situation gegenüber dem Onlinemagazin Al-Monitor. Der 27-jährige hat seine Wehrpflicht im vergangenen Jahr abgeschlossen, um sich nicht öffentlich outen zu müssen. Er hat seine gleichgeschlechtlichen Gefühle lieber zwölf Monate lang verschwiegen.

Foto: photo story / Shutterstock.com

 


4 Kommentare

  1. Johannes Barber

    War ja bei uns bis vor einigen Jahren noch das gleiche. Man musste versuchen, zu beweisen, dass man für den Wehrdienst ungeeignet war und auf Zivildienst hoffen. Oder darauf, ausgemustert zu werden. In Südkorea ist Militär immer noch Pflicht – hat also wirklich nichts mit dem Evolutionsstand eines Menschen zu tun.


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