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„Unser schwules Paar ist am normalsten“

NDR-Familienkomödie über die ganz normalen Schwierigkeiten im Homo-Alltag

von Harald Grube

Eine deutsche TV-Komödie über ein schwules Muttersöhnchen und seinen arabischstämmigen Freund, die  unbedingt heiraten wollen. Der eine leidet unter der jüdischen Übermutter, der andere unter seinem homophoben Vater. Kann das gutgehen, ist das lustig? Der NDR ist davon jedenfalls fest überzeugt. „Familie verpflichtet“ heißt der Streifen, den der Sender jetzt in Hannover gedreht hat – laut Eigenwerbung eine „Culture-Clash-Familienkomödie“.

Familienbande

Der jüdischstämmige Kunstgalerist David (38) lebt mit seinem Partner Khaled (29) glücklich und zufrieden in der niedersächsischen Landeshauptstadt. So gern würden sich beide öffentlich das Ja-Wort geben. Aber ständig kommt etwas dazwischen. Als David Khaled gerade einen Heiratsantrag machen will, platzt plötzlich dessen alleinerziehender Vater Aledrissi Senior herein. Dann will Davids dominante und leicht übergriffige Mutter Lea (60) auf einmal in ihrer Wohnung für immer mit ihrem Sohn und einzigem Kind zusammenleben. Unvermittelt steht die hochschwangere Sarah (19) vor der Tür und behauptet, dass David der Vater ist. Der lehnt aber die Anerkennung der Vaterschaft ebenso ab wie eine Adoption. Das enttäuscht den kinderverrückten Khaled zutiefst. Davids Mutter verspricht nun, seine finanziellen Probleme zu lösen, wenn er das Kind anerkennt. Gleichzeitig droht ein lokaler Nahost-Konflikt, weil Mutter Lea als neue Geschäftsführerin der Jüdischen Gemeinde Hannovers den Mietvertrag für das Restaurant von Aledrissi Senior kündigt. Der wiederum glaubt durch ein Missverständnis, dass er nun selbst bald Großvater wird. Schließlich treffen Khaled und David eine Entscheidung: Sie wollen nun die Adoption und sich dafür auch outen. Aber beide sind nicht ehrlich zueinander. David will das Kind in Wahrheit immer noch nicht adoptieren, während Khaleds Behauptung, er hätte sich vor seinem Vater zu seinem Schwulsein bekannt, gar nicht stimmt.

Unsere Geschichte steht in der Tradition der Screwball-Komödien: hohes Tempo, schnelle Dialoge, viele Überraschungen und Verwirrungen.

Das Drama nimmt mit immer mehr Geheimnissen und Verwicklungen seinen Lauf, bis schließlich „alle Beteiligten gewaltig über ihren Schatten springen müssen, um wieder zueinander zu finden und mit dem neu geborenen Baby doch noch eine glückliche Familie zu werden“, wie die Presseinfo verspricht.

Skurrile heterosexuelle Nebenfiguren 

„Unsere Geschichte steht in der Tradition der Screwball-Komödien: hohes Tempo, schnelle Dialoge, viele Überraschungen und Verwirrungen“, sagt Regisseur Hanno Olderdissen (39) , der mit „Familie verpflichtet“ seinen ersten abendfüllenden Film abliefert. Aber ist das Thema nicht zu ernst, um es als Komödie zu verbraten? „Ich finde, gerade mit diesem Genre können wir ein großes Publikum für dieses sensible Thema erreichen“, begründet Olderdissen: „Das Private ist hier ganz klar auch politisch.“ Das sieht auch die zuständige NDR-Redakteurin Daniela Mussgiller so: „Die Liebe zwischen David und Khaled ist selbstverständlich und universell, sie wird nie infrage gestellt.“ Und der Regisseur ergänzt: „Unser schwules Paar ist noch am normalsten und vernünftigsten von allen – in einem Pool von ziemlich vielen skurillen heterosexuellen Nebenfiguren. Die komischen Entwicklungen entstehen daher nicht, weil unsere Hauptfiguren schwul sind.“ Und warum spielt das Ganze ausgerechnet in Hannover? „Die Stadt hat eine gewisse Anonymität, ist aber dennoch klein genug beispielsweise für die zufälligen Begegnungen von Leuten“, meint Regisseur Olderdissen: „Die sind in Hannover plausibler als in Hamburg oder Berlin.“ Dem stimmt David-Darsteller Max von Pufendorf (39) zu: „Wenn die Stadt in unserer Geschichte zu groß wäre, dann wäre es viel einfacher, ein Doppelleben zu führen. Aber in einem Ort wie Hannover gibt es halt immer wieder Möglichkeiten, erwischt zu werden.“

Homosexualität: Mitten im Leben

Für Omar El-Aseidi (34), der den Khaled spielt, ist seine Rolle etwas ganz Besonderes.„Ich habe schon ein bisschen geschluckt, als ich das Drehbuch gelesen habe“, gibt  er zu: „Wie werden meine Eltern reagieren, was passiert dann, wenn ich in die Moschee gehe? Ich bin sehr gespannt, wie die islamische Welt auf meine Rolle reagiert.“ Zum Üben ist er mit seinem Vater die arabischen Sätze des Films durchgegangen: „Ich wusste ja gar nicht, was schwul auf arabisch heißt“. Worum es in der Komödie genau geht, weiß der Papa noch nicht: „Aber ich denke, er wird allmählich damit klarkommen. Genauso wie mit seinem damaligen Schock, dass ich überhaupt Schauspieler geworden bin.“

Hannover, Dreharbeiten des NDR-Films "Familie verpflichtet", Weinbar "Barolo & Friends", Stolzestraße 40, Fotos: Rainer Droese

Hannover, Dreharbeiten des NDR-Films „Familie verpflichtet“, Weinbar „Barolo & Friends“, Stolzestraße 40, Fotos: Rainer Droese

Von Pufendorf sieht seinen David vor allem als Coming-of-Age-Figur: „Das ist ein Junge, der noch nicht erwachsen geworden ist. Er will sich von seiner Mutter emanzipieren und sich irgendwann im Leben wiederfinden. Daran arbeitet sich mein Charakter auf sehr hysterische Weise ab.“Auch bekannte Namen konnten für die Komödie verpflichtet werden. Maren Kroymann (65) spielt Davids Mutter Lea: „Ich habe mich über meine Figur weggeschmissen. Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass es in einem Schwulenfilm eine so tolle Frauenrolle gibt. Das Thema Homosexualität ist in unserem Film genau da, wo es hingehört: mitten im wahren Leben. Und da kriegen alle ihr Fett weg.“ Der bekannte Hamburger Theatermacher Corny Littmann (62) spielt in einer kleinen Nebenrolle den Kunstliebhaber und -mäzen Herrn Maier: „Dabei bin ich gar kein Museumsgänger und kein Galeriebesucher.“ Ihn hat das Drehbuch überzeugt: „Das ist eine sehr witzig gemachte Komödie, die für einen Fernsehfilm sehr ungewöhnlich ist. Denn normalerweise sind das immer Problemfilme, wenn es um das Thema schwule Deutsche und Araber geht.“ Die Kritik, dass in Komödien oft nur über Schwule gelacht wird und nicht mit ihnen, lässt Littmann in diesem Fall nicht gelten: „Man lacht hier eher über die extremen Figuren wie die jüdische Mutter und den arabischen Vater – aber nicht über die Protagonisten. Und Khaled ist sowieso die sympathischste Person des ganzen Films.“

Nachwuchsförderung 

Der TV-Film „Familie verpflichtet“ ist im Rahmen der Nachwuchsreihe „Nordlichter“ entstanden. Damit unterstützen der NDR, die Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein und die nordmedia – Film- und Mediengesellschaft Niedersachsen/Bremen gemeinsam Erstlingswerke. „Gefördert werden Talente aus der Region, die moderne und eigenwillige norddeutsche Genre-Geschichten erzählen“, heißt es in der Presseinfo: „In den ersten beiden Jahren werden Komödien unterstützt. Danach sollen jährlich jeweils andere Genres gefördert werden.“ Die Produzenten von „Familie verpflichtet“ sind Knut Jäger und Sebastian Weyland von der Heimathafen Film & Media GmbH in Hamburg. Für sie ist es der erste abendfüllende Film, aber nicht ihr erstes Werk mit schwulem Inhalt. So produzierten sie 2013 den Kurzfilm „Pride“, in dem ein pensionierter General und liebevoller Großvater, ein Patriarch mit festen moralischen Überzeugungen, feststellen muss, dass sein Enkel schwul ist.

 

Familie verpflichtet:

5. November, 22 Uhr, NDR-Fernsehen

Fotos: NDR


10 Kommentare

  1. LingEber Ben

    Also in der Männer fiel die Vorbesprechung etwas kritiscH aus. Ich fand den Film unterhaltsam, auch wenn das ein oder andere Klischee bedient werden musste. Schön, das der NDR es im Programm hat, was auch dafür spricht, dass Schwule nicht nur tuntige, Lustige Nebenrollen sein müssen. Ein guter feelgood Movie mit toller Besetzung. Gerne mehr davon.


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