Screenshot (12)

Bart hat schon manche Fresse gerettet!

Die neue Doku von Gerald Backhaus untersucht den haarigen Fetisch von Bärten und Bären

Interview mit dem Tierfilmer Gerald Backhaus über seinen Dokumentarfilm „Bärenmänner: Auf der Suche nach dem Bär im Mann“. Der 55-minütige Streifen geht am 19. Dezember 2015 im Schwulen Museum* Berlin in Doppelpremiere, im gleichen Moment, wo im Neuen Museum die Ausstellung „Bart – Zwischen Natur und Rasur“ mit bewusst gesetztem schwulem Schwerpunkt läuft.

Tierfilmer Gerald Backhaus. (Foto: Privat)

Tierfilmer Gerald Backhaus. (Foto: Privat)

Wie bist Du ausgerechnet aufs Thema Bären und Bärte gekommen?
Über meine beiden Bärenkomödienfilme: „Ursus berlinensis – Die Bären von Berlin“ und dann „Ursus 2: Die Bären sind zurück“. Da habe ich als Tierfilmer menschliche Verhaltensweisen aufs Korn genommen anhand von verschiedener Phänotypen wie Prenzl-Bär, Wedding-Bär und Marzahn-Bär. Da ging es auch um Behaarung: Brusthaar und Bart, ja oder nein, gestutzt oder nicht? Bei Vorführungen der beiden Kurzfilme habe ich wiederholt von Zuschauern gehört: „Super Film, aber bei dem Titel habe ich eigentlich was anderes erwartet.“ Nämlich eine Doku über schwule Bären!

Die hast Du jetzt mit „Bärenmänner“ nachgeliefert?
Genau. (lacht) In dem Film sind wir auf der Suche nach dem Bär im Mann, allerdings nicht nur im schwulen Mann. Wir haben über einen Zeitraum von drei Jahren in Berlin, Köln und Dresden gedreht und zeigen sehr unterschiedliche Männer, die sich als „Bären“ sehen.

Einer der Mitwirkenden aus "Bärenmänner". (Screenshot)

Einer der Mitwirkenden aus „Bärenmänner”. (Screenshot)

Bist Du bei „Bärenmänner“ wieder als Tierfilmer oder als schwuler Mann unterwegs?
Tierfilmer definitiv nicht. (lacht) Den schwulen Mann kann ich nicht ganz weglassen. Aber ich versuche, ziemlich neutral als Beobachter ranzugehen. Es ist ja eine Dokumentation.

Was hat Dich als „neutraler Beobachter“ am meisten überrascht an der schwulen Bärenszene?
Wie Bärenmänner ticken. Einerseits sind sie total anders als klischeehafte schwule Diven: bei ihnen ist alles betont ruhig, entspannt, lässig, locker, gemütlich.

Andererseits gibt’s in der Bärenszene natürlich auch Diven, die genauso anstrengend sind, wie die klassische überdrehte Tunte – nur in einem anderen äußerlichen Gewand.

In "Bärenmänner" wird gezeigt, wie ein Bart ein Gesicht verändern kann. (Screenshot)

In „Bärenmänner” wird gezeigt, wie ein Bart ein Gesicht verändern kann. (Screenshot)

Ist das Bären-Outfit eine Form von Verkleidung?
Das ist eine Frage, der ich im Film nachgehe: Verkleidung vs. Fetisch. Wenn jemand beispielsweise einen Gummi-Fetisch hat, geht er ganz normal im Businessanzug ins Büro und keiner bekommt vom Fetisch etwas mit. Aber ein Bär ist nun mal wie er ist: der hat einen Bart und oft auch eine entsprechende körperliche Statur. Das kann er nicht einfach ablegen, um unerkannt zu bleiben. Das heißt, er muss sich immer öffentlich zu seinem Fetisch bekennen.

Gerhard Goder: Conchita Wurst auf der Mondsichel, 2014. Skulptur, Holz, geschnitzt, geleimt. © Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen / Ute Franz-Scarciglia

Gerhard Goder: Conchita Wurst auf der Mondsichel, 2014. Skulptur, Holz, geschnitzt, geleimt. © Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen / Ute Franz-Scarciglia. Aus der Ausstellung „Bart – zwischen Natur und Rasur”.

In Deinem Film kommen überraschenderweise auch Frauen als Expertinnen zu Wort, u.a. Laura Méritt, feministische Aktivistin, Lachforscherin und Vorkämpferin der PorYes-Bewegung.
Wenn man als Dokumentarfilmer oder Reporter unterwegs ist, ist es oft am Spannendsten, wenn man eine Welt betritt, die einem nicht selbst vertraut ist. Da stellt man oft die besseren Fragen und versucht etwas zu beleuchten, was für diejenigen, die in dieser Welt leben, ganz normal oder alltäglich ist und was sie dadurch übersehen und unkommentiert lassen. Das war mein Beweggrund, eine Frau als Interviewpartnerin dabei haben zu wollen: Laura ist eine Frau, die sich sehr intensiv mit Sexualität befasst, natürlich in erster Linie mit weiblicher Sexualität – aber das schließt ja männliche Sexualität nicht aus. Ich hatte Laura vorher im Radio bei Interviews gehört und fand sie supersympathisch. Allein schon, wie sie lacht … Sie war von meiner Anfrage überrascht, brachte dann aber sehr spannende Sachen zu Männern und Bärten zur Sprache. Was genau, will ich hier nicht verraten. Man soll sich ja den Film anschauen!

Madame Delait dans son salon. Imprimeries Reunies de Nancy, 1920. Postkarte, Karton, Fotodruck. © Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen / Michael Mohr

Madame Delait dans son salon. Imprimeries Reunies de Nancy, 1920. Postkarte, Karton, Fotodruck. © Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen / Michael Mohr. Aus der Ausstellung „Bart – zwischen Natur und Rasur”.

Im Kontext der Bären spielt der Bart eine zentrale Rolle in Deinem Film. Du zeigst auch viele verschiedene Bartformen, historische und zeitgenössische. Der Barttrend wurde mehrmals für beendet erklärt, kommt aber immer wieder neu zurück, zuletzt unter dem Schlagwort „Lumbersexual” (was es noch alles für Männertypen gibt (MÄNNER-Archiv).
Ich hatte zwischendurch tatsächlich die Sorge, dass der Barttrend vorbei sein könnte, bevor der Film rauskommt. Aber diese Sorge hat sich als unbegründet erwiesen. Bärte gehen nach wie vor gut. (lacht)

Es gibt ja immer Early Adapter, die zuallererst den Super-SUV haben – und am Ende fährt jemand ganz anderes damit rum. Ein bisschen ist das auch beim Bart so, wenn die ersten Trendsetter sich schon wieder glatt rasieren.

Obwohl das noch nicht zu beobachten ist. Wenn man durch Trendbezirke wie Williamsburg in New York oder Berlin-Neukölln geht, dann gibt’s Bärte ohne Ende. Somit ist die Bartmode nicht vorbei und wird sicher noch einige Jahre anhalten. Behaart zu sein ist heute wieder völlig normal und für Männer eine akzeptierte Option von vielen.

Bärenmänner fotografiert von JP Santamaria. Aus dem Buch „Beards: An Unshaved History”. Ebenfalls zu sehen in der Ausstellung „Bart – zwischen Natur und Rasur”.

Im Neuen Museum startet eine Woche vor deiner Filmpremiere eine Bartausstellung, in der ein großartiges Bärenbild von JP Santamaria hängen wird. Sind Bärte und Bären als Trendphänomen jetzt museumsreif?
Auf jeden Fall. (lacht) Sie sind ja auch ein historisches Phänomen. Wenn man alte Gemälde anschaut, dann drängt sich die Frage auf: Wieso trugen Männer über die Jahrhunderte so viele verschiedene Bartformen? Wer durfte Bart tragen, wer nicht? Dazu gibt’s viel zu sagen. Und das junge Kuratorenteam des Neuen Museum stellt viele spannende Fragen an 5.000 Jahre Bartgeschichte. Wir zeigen den Film im Schwulen Museum* in Kooperation mit dem Neuen Museum. Und vielleicht wird es noch eine weitere Vorführung bei denen auf der Museumsinsel geben.

Gunter Rambow: Ego, 1969. Siebdruck, Gänsefedern. Privatbesitz Gunter Rambow. © Gunter Rambow

Gunter Rambow: Ego, 1969. Siebdruck, Gänsefedern. Privatbesitz Gunter Rambow. © Gunter Rambow. Aus der Ausstellung „Bart – zwischen Natur und Rasur”.

Im Kontext der „Homosexualität_en“-Ausstellung im Deutschen Historischen Museum haben viele geklagt: Vorher waren Schwule Repräsentanten vom Underground, Trendsetter, schräge, ja sogar revolutionäre Außenseiter. Wenn sie jetzt im DHM mit einer Ausstellung gefeiert werden, dann werden sie Mainstream und verlieren ihren Underground-Status. Trifft das auch auf Bärte zu, wenn die Hipster- und JP-Santamaria-Bärte im Neuen Museum neben all den historischen Bärten der Antike hängen?
Das sehe ich nicht als Gefahr. Erst mal muss man sich von dem Gedanken lösen, dass alle Schwulen hipp sind und sein wollen. Auch nicht alle Bartträger sind hipp. Jüngst berichtete ein Szenemagazin darüber, dass viele Männer mit einem Hipster-Bart ihr „kolossales Persönlichkeitsmanko“ kaschieren wollten. Meist funktioniert das auch ganz gut. (lacht)

Ohne jemanden diskriminieren zu wollen, gibt es prozentual genauso viele schwule Spießer wie in der Gesamtbevölkerung.

In meinem Film sagt ein Interviewpartner: „Ein Bart hat schon manche Fresse gerettet!” (lacht) Dass das Neue Museum in der Ausstellung auch den schwulen Aspekt von Bärten und Bären anspricht, finde ich super.

Gründer der "Unshaved"-Partyreihe in Berlin. Szene aus "Bärenmänner". (Screenshot)

Ingo Gust, Gründer der „Unshaved”-Partyreihe in Berlin. Szene aus „Bärenmänner”. (Screenshot)

Einer deiner Protagonisten im Film hat eine neue Berliner Bärenveranstaltung ins Leben gerufen.
Die heißt „Unshaved“ und findet im St. Georg in der Ritterstraße in Kreuzberg statt. Der nächste Termin ist der 12. Dezember. Danach ist erst wieder im Februar eine Party. Man trifft da auch Frauen, die sich rein geschmuggelt haben, weil sie Bartmänner so toll finden. Die werden sehr freundlich aufgenommen, weil das Organisationsteam rund um Ingo Gust – einer der Protagonisten aus meinem Film – niemanden ausgrenzen möchte. Jeder ist willkommen. Ingo kommt übrigens zusammen mit Laura Méritt zur Diskussionsrunde im Anschluss an die Filmvorführung ins Schwule Museum*.

Aufgrund des großen Interesses gibt es zwei Vorführungen im Schwulen Museum* am 19. Dezember, um 15 Uhr und 17 Uhr. Anschließend um 18 Uhr Podiumsdiskussion mit dem Regisseur Gerald Backhaus, Ingo Gust und Laura Méritt


7 Kommentare

  1. Jobst Mahrenholz

    Für mich sind sie wie Uniformen. Irgendwie sehen alle gleich damit aus. Gesichtskonturen gehen verloren. Zudem kratzen sie. Natürlich ist es Geschmackssache und das Modediktat wird zur Zeit verblüffend streng befolgt. Ich selbst habe Bärte noch nie gemocht. Sie machen alt und unattraktiv. Aber das ist natürlich nur meine eigene Sicht.


Schreibe einen neuen Kommentar



Likes & Shares

Durch die fortgesetzte Nutzung der Website erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. mehr Info

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close