„Er ist nicht homophob“

Putin-Kenner Hubert Seipel über den russischen Präsidenten

Wladimir Putin. Ein gefürchteter, berechnender Staatsmann, voller Kalkül und doch unberechenbar. Ein Aggressor, nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht. Das hat zuletzt sein Verhalten in Syrien, davor auf der Krim bewiesen. Er hat sein Volk unter Kontrolle und unterdrückt LGBTI-Menschen.

Kaum ein westlicher Journalist kennt den russischen Präsidenten besser als Hubert Seipel. Er hat ihn monatelang begleitet und schließlich eine Biografie über ihn geschrieben. Und er spricht mit der politischen Online-Sendung „Jung und Naiv“ darüber, ob Wladimir Putin homophob ist.

Die gesamte russische Nation ist homophob

„Er glaube ich nicht, aber Russland ist ziemlich homophob“, antwortet er Thilo Jung in einem kurzen Teaser. Moment, Wladimir Putin soll nicht schwulenfeindlich sein? Der Präsident, der im Juni 2013 ein Gesetz unterschrieben hat, das jede positive Erwähnung von Homosexualität verbietet?

Seipel fährt fort: Vielmehr sind ist es das gesamte russische Volk, „70 bis 80 Prozent“, die homophob seien. Damit liegt er ganz richtig, was verschiedene Umfragen beweisen. 2010 waren 84 Prozent gegen die Einführung einer gleichgeschlechtlichen Ehe. Ein Drittel der Russen denkt, dass Homosexualität eine Krankheit ist, die man behandeln muss.

„Das müssen die Russen selber auskämpfen“

Doch wie kommt es, dass eine ganze Nation so schwulenfeindlich ist? „Das hat damit etwas zu tun, dass Homosexualität in den letzten Jahrzehnten sehr viel mit Gulag zu tun hatte“, erklärt Seipel. Das Kürzel Gulag steht für das Netz der Arbeitslager in der ehemaligen Sowjetunion. Schwule und Lesben werden „also mit Gewalt und Kriminalität“  verknüpft.

Ich kenne durchaus Schwule in halbwegs hohen Regierungsämtern.

Erstaunlich ist, wie offen Hubert Seipel offenbar mit dem russischen Präsidenten sprechen konnte. So hat er ihn gefragt, was er von der Resolution des Europarates hält. Die war eine Reaktion auf das „Anti-Homo-Propaganda“-Gesetz. „Das muss diese Gesellschaft selber ausfechten und entscheiden“, gibt er die Worte von Putin wieder. Man könne keine außenpolitische Forderung aufstellen. „Das geht euch nichts an. Das müssen die Russen selber auskämpfen und austragen.“

Forderungen von außen würden nichts bringen, behauptet Seipel

Seipel zieht dann den Vergleich, dass auch in Deutschland der Paragraf 175 erst 1994 vollständig aus dem Strafgesetzbuch verschwand. Der stellte in seiner letzten Fassung schwule Handlungen von über mit unter 18-Jährigen unter Strafe. „Das müssen die noch machen“, sagt der Journalist Seipel dazu.

Die von außen diktierte Änderung helfe den Schwulen im Land auch nicht, glaubt er: „Weil du es innerhalb der eigenen Gesellschaft, der eigenen Straße, des eigenen Dorfes erkämpfen musst.“ Wenn in Berlin jemand sagt, man müsse in Russland etwas ändern, „glaube ich nicht, dass das wahnsinnig viel bewirkt.“

Schwule in russischen Regierungskreisen

Der Satz, mit dem Seipel Putin zitiert, „wir werden das entscheiden müssen innerhalb unserer Gesellschaft“ klingt doch recht zynisch. Wie sollen Lesben und Schwule für ihre Rechte kämpfen, wenn sie ihre sexuelle Orientierung nicht einmal positiv darstellen dürfen? Wie soll ein gesellschaftlicher Wandel stattfinden, wenn die Gegenseite mundtot gemacht wird?

„Ich habe nichts gegen Herrn Westerwelle“, soll Putin gesagt haben. Was für ein Lippenbekenntnis. Ein ziemlich interessantes Detail verrät Seipel am Ende dann aber noch: „Ich kenne durchaus Schwule in halbwegs hohen Regierungsämtern.“

Das vollständige Interview von Jung & Naiv und Hubert Seipel erscheint im Laufe des Freitags auf YouTube.

Titelbild: Frederic Legrand – COMEO / Shutterstock.com


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