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Sie waren dann mal weg

Auf und davon: Wenn Männer lospilgern

Hape Kerkeling landete 2006 einen Bestseller mit „Ich bin dann mal weg“. Devid Striesow (Foto) übernahm in der Verfilmung die Rolle des ausgebrannten Entertainers, der für sich beschließt, einen der berüchtigtesten Selbstfindungspfade der Welt einzuschlagen – den Jakobsweg. Seit über tausend Jahren begeben sich Menschen – man geht aktuell von 150.000 Pilgern jährlich aus – auf die Suche nach Heilung, Glaube und nach sich selbst auf den Weg zum Grab des Apostels Jakobus in der spanischen Stadt Santiago de Compostela. Ausgehend vom individuellen Startpunkt ergeben sich daraus unendlich viele Jakobswege. Wir haben mit drei Männern gesprochen, die ebenfalls gepilgert sind: Was waren ihre Motive und: Haben sie gefunden, wonach sie suchten?

Zwei Wochen lang war Daniel (40) auf dem Caminho Português unterwegs. Vorher musste er lange überlegen, ob er seine Reise völlig frei von Social Media antreten sollte.  Nach seiner Krebserkrankung im Jahr 2014 nahm er sich vor, in Zukunft einige Dinge anders zu machen. „Überspitzt gesagt war Urlaub unter Vier-Sterne-Niveau für mich früher nicht denkbar. Mein ganzes Leben lang habe ich über Dinge wie Pilgerei gewettert, hab es belächelt und abgeblockt“. Sachen gepackt und los – bei 30 Grad im Schatten, bergauf, bergab. In den ersten zwei Stunden spielte Daniel mit dem Gedanken umzudrehen, schob Panik, er würde nicht rechtzeitig vorm Dunkelwerden das Ziel erreichen. Ganz klassisch bettete er sich Nacht für Nacht in Schlafsälen zur Ruhe: „Es hört sich immer super idyllisch an, dass alle Pilger zusammen in mehrstöckigen Betten schlafen, aber eigentlich ist es furchtbar: Du wachst morgens auf, bist fix und alle und die nächsten zwanzig Kilometer liegen vor dir. So ein Einzelzimmer sieht zwar aus wie eine Knastzelle, ist aber plötzlich Luxus.“

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Und, stand am Ende seiner Reise die große Erleuchtung? „Man merkt, die ganze Reise ist eine besondere Sache, selbst wenn man nicht gläubig ist. Du gehst teilweise auf alten Römerstraßen – über dieselben Steine sind schon Legionen vor Dir gelaufen. Letztes Jahr hatte ich noch Krebs und heute kann ich hier sitzen. Ich glaube, dass man wirklich mental freier wird.“

Man muss nicht den Jakobsweg gehen, um danach irgendeine negative Angewohnheit abgelegt zu haben. Es ist nicht schlimm, dass man sich danach doch nicht das Rauchen abgewöhnt.

„Alle kommen zu sich selber, wieso sollten sie also nicht trotzdem weiterrauchen? Es zeigt, dass wir alle nur Menschen sind.“

Lauter religiöse, schwulenfeindliche Fundamentalisten?

Auch Jörg Steinert (33) ist gepilgert. „Mein größter Horror war, lauter religiöse, schwulenfeindliche Fundamentalisten zu treffen“, erzählt der Geschäftsführer und Pressesprecher des Lesben- und Schwulenverbands Berlin-Brandenburg, LSVD. Wie es tatsächlich war und noch mehr Geschichten von schwulen Pilgern findest Du in MÄNNER 12.2015.

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Titelfoto: Ich bin dann mal weg, Warner Bros. /Fotos: privat 

 


7 Kommentare

  1. Daniel Hammarskjöld

    Ich bin zweimal den camino francés gepilgert und kann bestätigen, dass die menschen auf dem weg, egal ob religiös oder nicht, egal aus welchem teil der erde, viel herzlicher, offener, neugieriger und toleranter sind, als ein großteil der menschen hier in deutschland 😉 eine pilgerreise nach santiago ist immer ein tolles erlebnis und sei allen ans herz gelegt, die offen für neue erfahrungen sind 🙂

  2. Kris Sorgvrye

    Ebenfalls den Camino gegangen. Fast 4 Wochen, allein.. und daher offen für viele spannende, inspirierende und erstaunliche Begegnungen mit außergewöhnlichen Menschen aus aller Welt! Eine wirklich besondere Erfahrung, die ich nicht missen möchte!


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