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Im Staatsradio gegen Homo-Dämonen beten

Die Gewinnerin des Alternativen Nobelpreises erzählt Berliner Schülern von der LGBTI-Situation in Uganda

Im Oktober wurde verkündet, wer die diesjährigen Gewinner des „Alternativen Nobelpreises“ sind, der offiziell Right Livelihood Award heißt und mit je 106.000 Euro dotiert ist. Er zeichnet Menschen aus, die „unmögliche Ideen verwirklichen“ und sich für „Umwelt, Menschenrechte und Frieden“ einsetzen. Eine von vier Preisträgern ist die ugandische LGBTI-Aktivistin Kasha Jacqueline Nabagesera. Sie wurde von der Right-Livelihood-Award-Stiftung nach der offiziellen Preisübergabe am 30. November im schwedischen Reichstag auf Tour durch Europa geschickt, um überall von ihrer Arbeit zu erzählen. Nach knapp einer Woche „on the road“ ist Nabagesera zum Abschluss heute in Berlin bei einer Schule in Mitte zu Besuch gewesen, um sich den Fragen von Schülern und Schülerinnen zu stellen. Die wollten vor allem wissen, wieso ausgerechnet in Uganda solch ein radikalisierter und politisierter Hass auf Homosexuelle grassiert. Und wie Nabagesera die Zukunft für ihr Land sieht?

Kasha Jacqueline Nabagesera auf dem Schulhof der Evangelischen Schule in der Wallstraße, Berlin-Mitte. (Foto: Robert M)

Kasha Jacqueline Nabagesera auf dem Schulhof der Evangelischen Schule in der Wallstraße, Berlin-Mitte. (Foto: Robert M)

Die Antwort auf die Warum-Frage ist für die meisten Erwachsenen, die sich halbwegs mit LGBTI-Politik auskennen, natürlich nicht neu. Die Frage aus dem Mund gleich mehrerer Teenager zu hören, die sie verständnislos immer wieder neu formulierten, war dennoch bewegend. Nabagesera war eingeladen, um in der riesigen Aula der Evangelischen Privatschule in der Wallstraße zu sprechen, vor zirka 200 Schülern, vor allem aus den Oberstufen, aber auch mit etlichen 12-Jährigen darunter. Nabagesera sagte gleich zu Beginn der englischsprachigen Veranstaltung, wie sehr sie sich freue, in einer Schule sprechen zu dürfen. Denn: In Uganda wäre das unmöglich. Sie würde dort sofort wegen „Homopropaganda“ und der „Rekrutierung von Jugendlichen für den homosexuellen Lebensstil“ verhaftet werden.

Ihre Berliner Zuhörer waren eine auffallen disziplinierte und offensichtlich interessiert-tolerante Gruppe, d.h. Nabagesera war nicht in einer Problemschule mit radikalisierten muslimischen Jugendlichen, wie man sie teilweise in Kreuzberg und Neukölln findet. Dort wäre Nabageseras „Call for Action“ und Aufruf zur moralischen Unterstützung der LGBTI-Bewegung in Uganda vermutlich weniger leise-zustimmend aufgenommen worden wie in der Evangelischen Schule, wo sie Teil des Programms „Menschen mit Botschaften“ ist und wo ein Erziehungsziel ist, ein Unrechtsbewusstsein zu erzeugen und früh Verantwortung zu übernehmen.

Die 1980 geborene Nabagesera kämpft seit gut 16 Jahren dafür, die Geschichten von Homo-, Bi-, Trans- und Intersexuellen in ihrer Heimat sichtbar zu machen, damit der „Hexenjagd“ in den offiziellen Medien etwas entgegengesetzt wird.

Und damit die wahren Geschichten von echten Menschen erzählt werden, nicht die unfassbare homophobe Propaganda, die man in dem Land sonst liest und hört. Nabagesera gab einige Beispiele, die aufhorchen ließen: Im Staatsradio werden offiziell Mittagsgebete übertragen, in denen Gott angerufen wird, das Land doch bitte von den Dämonen zu befreien, die zu Homosexualität führen. Auch der Präsident, Yoweri Museveni, ruft manchmal zu fünfstündigen „Schweigeminuten“ auf, um für die armen Homosexuellen und die Befreiung des Landes von diesem Laster zu beten. Auch Nabagesera musste sich als Teenager immer wieder anhören, sie habe Dämonen in sich. Heute sagt sie: Unser größtes Problem ist die Unwissenheit von Menschen, sie ist die Folge von Ausbildung und Religion. Die Kirchen predigen, dass man viele Kinder haben solle – weswegen Homosexualität als Gefahr gesehen wird, die genau dieses Ideal unterwandert. Man kennt ähnliche Argumentationen aus Russland.

Im Hintergrund sieht man, wie im Haus von Nabagesera Aufnahmen für den neuen LGBTI-Fernsehsender Ugandas gemacht werden. (Foto: Robert M)

Im Hintergrund sieht man, wie im Haus von Nabagesera Aufnahmen für den neuen LGBTI-Fernsehsender Ugandas gemacht werden. (Foto: Robert M)

Nabagesera verwies auf Scott Lively, von der US-amerikanischen Organisation American Family Association. Er und andere evangelikale Christen aus Amerika suchten sich ein armes afrikanisches Land, in das sie ihre homophobe Gesinnung exportieren konnten, nachdem ihnen deren Verkündung in den USA weitgehend verboten wurde. Lively ging 2007 nach Russland, Moldawien und dann nach Uganda. Mit den bekannten Folgen. Er unterstützt mit vielen US-Dollar den Kampf, die Todesstrafe für Homosexuelle in Uganda einzuführen, in dem die evangelikalen Gruppen über Charity Organisationen das Land infiltrierten und vielerorts Schulen und Krankenhäuser aufbauten, über die sie ihre Botschaften verbreiten können. Erst kürzlich ist es gelungen, in den USA selbst ein Gesetzt durchzusetzen, nach dem Menschen wie Lively für ihre im Ausland verübten Taten von Ausländern in den USA angeklagt werden können. Ein US-Gericht hat bereits entschieden, dass die Verfolgung von LGBTI-Menschen ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit sei, auch in Uganda.

Cover des Magazins "Bombastic" aus Uganda.

Cover des Magazins „Bombastic“ aus Uganda.

Um gegen solche Verbrechen und die damit verbundenen Falschmeldungen anzugehen, hat Kasha Jacqueline Nabagesera das Hochglanzmagaztin „Bombastic“ gegründet, das zur Zeitung „Kuchu Times“ gehört. Dank der Unterstützung vieler ausländischer Gruppen – inklusive der Deutschen Bundesregierung – gab es inzwischen eine zweite Ausgabe, die überall im Land gratis verteilt wird. Nabagesera erzählte, dass die Zeitschrift auch in Kirchen ausgelegt wurde, weswegen es Klagen wegen unerlaubten Betretens des Kirchengrundstücks gab. Aber trotz der überwältigenden Fülle an Hass-Mails und Morddrohungen kamen auch positive Rückmeldungen von Eltern und Familien, die sich bedankten, dass sie jetzt ihre Kinder und Verwandten besser verstehen. 2.000.000 Mal wurde das Magazin von der „Bombastic“-Homepage heruntergeladen. Und weil in Ländern wie Uganda Onlinekommunikation sowieso besser funktioniert, arbeitet Nabagesera mit ihrem Team jetzt intensiv an der Webpräsenz und an einem eigenen TV-Kanal; egal wie amateurhaft der momentan noch ist. Gefilmt wird in ihrem Haus, weil man da – wegen ihres Promi-Status als Alternative-Nobelpreisgewinnerin – halbwegs sicher vor der Polizei ist.

Das war auch eine Schülerfragen: Wie sicher ist Nabagesera nach der Preisverleihung? Sie erklärte, dass die hohe internationale Sichtbarkeit für sie gut sei, denn ihre neue Bekanntheit würde Regierungsvertreter abhalten, sie zu verhaften oder zu verprügeln.

Denn das würde sofort Schlagzeilen in internationalen Medien verursachen. Insgesamt sei sie optimistisch für die Zukunft. Uganda sei eines der „schönsten Länder der Welt mit einem idealen Klima“. Und die LGBTI-Bewegung – egal wie zersplittert sie ist – geht vorwärts. Auch deshalb, weil immer mehr Heteros erkennen, dass es hier um grundsätzliche Menschenrechte geht, von denen alle profitieren. Weswegen viele „straight allies“ die LGBTI-Bewegung in Uganda auf allen Ebenen unterstützen.

Nabagesera zusammen mit Englischlehrer Marco Riedel, der die Diskussionsrunde moderierte. (Foto: Robert M)

Morgen fliegt Nabagesera zurück nach Uganda. Dort wird sie nicht mehr einfach so auf der Straße rumlaufen können wie in Berlin, erzählte sie. In Uganda fährt sie nur mit dem Taxi von einem Ort zum anderen und am besten in Begleitung von Freunden. Denn sonst kann es ganz schnell passieren, dass man ihre Leiche in einem Graben wiederfindet. Besonders die Montagmorgende seien schrecklich für sie, weil sie dann viele Nachrichten bekommen von Freunden und Bekannten, sie am Wochenende irgendwo schwer zusammengeschlagen wurden. Deshalb hat sie vorm Besuch in der Evangelischen Kirche auch nicht in ihr Emailfach geschaut, damit sie keine Schreckensmeldungen von der Begegnung mit den Schülern abgelenken. Dass sie so viele Schüler und junge Menschen kennenlernen durfte auf ihrer Europatour und so viel positives Feedback bekommen habe, gebe ihr viel Kraft, positiv gestimmt weiterzumachen im Kampf für mehr Freiheit – in Uganda und anderswo.

Beim privaten Gespräch im Anschluss an die Veranstaltung erzählte Nabagesera noch, dass es grotesk sei, dass man in Uganda einen „Anti-Pornographic Act“ habe, der homosexuelle Pornografie verbietete:

Zwei Männer wurden wegen dieses Gesetzes verhaftet, weil sie die TV-Serie „Sex and the City“ geschaut hatten, zusammen!

Angeblich gebe es in Uganda ja sowieso keine Homosexuellen, und trotzdem hat das Land statisch gesehen die meisten Onlinenutzer der Welt, die sich „gay porn“ im Internet anschauen. Dicht gefolgt von Kenia!

Wer sich über die Lage in Uganda informieren will und Geschichten von Menschen dort hören und sehen will, kann das auf der Webseite des „Bombastic“-Magazins tun.

 


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