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Bildung ist kein Garant für Toleranz

2. MÄNNER-Runde im BKA-Theater

Wenn MÄNNER-Chefredakteur Kriss Rudolph zur Männerrunde trommelt, dann sind nicht nur die Themen groß, sondern auch die Biere und so mancher Podiumsgast

 

Gisela Sommer ist nicht nur eine Riesin in petrolblauen Peggy Bundy-Leggins, Kiezbingo-Moderatorin und Glaspumpsträgerin, sondern seit April 2015 auch stolzer Vater. Mit einem befreundeten lesbischen Paar hat die Drag Queen mittels Bechermethode ein Kind gezeugt (siehe MÄNNER 9.2015). Ob der kleine Yunus bei seiner Einschulung in fünf Jahren auf durchweg offene Lehrer trifft, die in der Lage sind, Kindern die Realität sexueller und menschlicher Vielfalt näher zu bringen, hängt stark von Einzelpersonen und ihrem Einsatz ab. Der schwule FDP-Politiker Michael Kauch, der 2013 mit seinem Partner und zwei Frauen eine Familie gegründet hat, berichtet aus Nordrheinwestfalen, dass sich dort Lehramtstudenten in ihrer Ausbildung nicht mit LGBTI-Themen befassen müssen, wenn sie das nicht wollen.

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v.l. Gisela Sommer, Michael Kauch, Marcel de Groot

 

Mit Humor hält es der Frankfurter Theaterpädagoge Malte Anders (siehe Titelbild). Sein Schulbank-Kabarett „Homologie“ will er nutzen, um Jugendliche für das Thema zu sensibilisieren. „Gleich und doch anders – sind wir doch irgendwie alle?!“ Sein 50-minütiges Programm, das Ende Januar Premiere feiert, bietet Schülern die Möglichkeit, sich aus einer ersten Distanz in einem lockeren Rahmen dem Thema anzunähern. Problem: Antidiskriminierungsprojekte wie „Homologie“ werden kaum von heterosexuellen Lehren organisiert, sondern von homosexuellen. Genau diese sind aber noch immer rar im Kollegium, weiß Detlef Mücke. Der schwule Lehrer, seit acht Jahren in Pension, intervenierte, als 1974 einem Lehrerkollegen als Folge seines Coming-outs gekündigt wurde. Damals warf der Bildungsplan noch Homosexualität mit Pädophilie und sexueller Gewalt in einen Topf. Als sich etwas später Gerüchte verbreiteten, Mücke könne schwul sein, setzte er auf Offenheit. „Redet bitte mit Euren Eltern“, riet er seinen Schülern vor einer bevorstehenden Klassenfahrt. Mücke hatte einen guten Stand bei den Eltern – niemand hatte ein Problem damit, dass der schwule Lehrer die Schüler begleitete. Transparenz, vor allem in der Lehrerschaft, sei das A und O, sagt Mücke, der für sein Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde. Die Schüler brauchen Identifikationsfiguren, auch homo- und transsexuelle. „Ich hätte vor 30 Jahren nie gedacht, dass Deutschland heute einmal so offen mit Schwulen umgehen würde.“

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v.l. Kriss Rudolph, Malte Anders, Detlef Mücke

Marcel de Groot glaubt, dass zwar viele Lehrer über das Thema sprechen wollen, aber schlicht überfordert sind. Der Geschäftsführer der Schwulenberatung Berlin nimmt seit Mitte der 90er immer wieder mit seinem Partner Pflegekinder auf – das war damals noch keineswegs so verbreitet, wie es das heute in großen Städten ist. Man traute Männern damals nicht einmal zu, windeln wechseln zu können. Aber: „Im Schulalltag spiegelt sich noch immer die heterosexuelle Weltanschauung wieder“, so de Groot. „Sexuelle Vielfalt wird höchstens im Biounterricht thematisiert.“ Obwohl das Land Berlin 2009 die Initiative „Berlin tritt ein für Selbstbestimmung und Akzeptanz sexueller Vielfalt” beschloss, strotzen Unterrichtsmaterialen noch immer vor Heteronormativität. Daran ändern leider auch die quietschbunten Medienkoffer für „Familie, Lebensweisen und sexuelle Vielfalt“ nichts, die in Kitas und Schulen zum Einsatz kommen und von besorgten Eltern – besorgniserregend, wie Detlef Mücke lieber sagt – gefürchtet werden.

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Keine Dildos, nur Bücher: Berliner Medienkoffer

Dildos und Vaginalkugeln, wie die „Journalistin“ Birgit Kelle gerne verbreitet, gibt es darin natürlich nicht. Dafür jede Menge Bücher und ein Brettspiel. „Ziel ist es, dass Kinder schon im jungen Alter untereinander diskutieren – darüber, dass eines einen Vater und eine Mutter und ein anderes zwei Väter hat“, fordert Mücke. Bildung allein ist übrigens kein Garant für Toleranz – das wurde beim Podiumsgespräch deutlich. Mehrere Teilnehmer berichteten, dass bei ihren Besuchen an Hauptschulen die Schüler direkter, aber auch offener mit dem Thema umgehen, während Mittelschichtskinder an Realschulen und Gymnasien sich gehemmter, gezierter zeigten.

 

Wenn es darum geht kulturellen Tradition zu wahren oder sich für Menschenrechte einzusetzen, sollten letztere immer den Sieg davon tragen.

Selbst muslimische Kinder sind, erzählte Mücke, im Gespräch über LGBTI-Themen erstaunlich neugierig. Jeder muss hier seine Vorurteile hinterfragen. Überhaupt: Es sei wichtig, nicht von vornherein von Kindern und Jugendlichen Vorurteilsfreiheit zu fordern; man müsse vielmehr ihren bestehenden Vorurteilen begegnen und sie gezielt aufzulösen. Religionsfreiheit sei zwar wichtig, „wenn es aber darum geht kulturellen Tradition zu wahren oder sich für Menschenrechte einzusetzen, sollten letztere immer den Sieg davon tragen.“

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Als Vorbild hierfür kann auch der 19-jährige Nasser El-Ahmad gesehen werden. Der libanesische LGBTI-Aktivist aus Berlin hatte das Voting der MÄNNER-Leser zum Mann 2015 für sich entschieden. Er wurde im Rahmen der Veranstaltung geehrt – die Laudatio hielt die Berliner Senatorin für Integration, Dilek Kolat (SPD).

 Fotos: Sven Serkis


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