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Entdecken Heteromänner den Butt Plug?

Der Gedanke an Gerätschaft im Hintern löste bei Heteros ja bislang eher Unbehagen aus. Doch das scheint sich jetzt zu ändern

Während der Vibrator im Haushalt der meisten Frauen zur Grundausstattung gehört, zusammen mit Smartphone und Staubsauger, sind Heteromänner traditionell eher zurückhaltend, wenn’s darum geht Sexspielzeuge zu benutzen, um sich zum Höhepunkt zu katapultieren. Der Gedanke an Fleshjacks, Butt Plugs, Vakuumpumpen und dergleichen mehr löste bei den meisten bislang eher Unbehagen aus. Doch das scheint sich jetzt zu ändern – und die Heteros folgen mehr und mehr dem Beispiel der Homos.

Eine britische Studie aus dem Jahr 2014 belegte, dass Frauen deutlich häufiger Sex Toys benutzen als Männer (52 Prozent vs. 39 Prozent), während Homos sie öfter einsetzen als Heteros (66 Prozent vs. 44 Prozent). Besonders Heterokerle haben jedoch Angst vor Sexspielzeugen; oder sind einfach zu schüchtern, sich in Umfragen zu solchen Vorlieben zu bekennen. Das Magazin „Dazed“ widmete dem Phänomen jüngst einen Themenschwerpunkt. In ihrem Artikel wird die Geschichte des 25-jährige Joseph erzählt, der sich schon als Teenager für Spielzeugen interessierte, aber erst Anfang 20 mutig genug war, sich ein Prostatamassagegerät zu kaufen. Joseph fiel auf, dass es für seine Freundinnen ein Leichtes war, miteinander unkompliziert über Sexspielzeuge zu sprechen und Erfahrungen auszutauschen. Während er selbst das mit seinen Jungs nicht konnte. Sie gerieten in Panik als schwul gebrandmarkt zu werden, würden sie zugeben, ihre Prostata zu stimulieren. „Dieses Missverständnis bezüglich Analstimulation und Genuss von Analstimulation ist lächerlich“, wird Joseph von „Dazed“ zitiert. „Dennoch ist es eine sehr reale Angst, deswegen ausgelacht und verspottet zu werden.“

Einer der Gründe, warum Sex Toys für Männer so stark mit Schwulen assoziiert werden, sind die Firmen, die sie herstellen.

In „Dazed“ kommt die Ex-Domina Nicho Hodgson zu Wort. Sie meint, schwule Männer hatten als marginalisierte Gruppe (historisch gesehen) mehr Freiheiten, um mit ihrer Sexualität zu experimentieren, jenseits bürgerlicher Normen. Und sie taten das, ausgiebig. Die Folge: Viele Sex Toys wurden über Jahrzehnte direkt im experimentierfreudigen schwulen Marktsegment beworben und in schwulen Sexshops verkauft. Das hat Heteromänner verschreckt. „Sie denken, man würde ihnen eine schwule Neigung zuschreiben, wenn sie sowas ausprobieren würden“, meint Hodgson. „Außerdem gibt es dieses hartnäckige Gerücht in unserer Gesellschaft, dass echte Kerle keine Hilfen brauchen. Wenn sie nicht allein zum Höhepunkt kommen können, muss mit ihnen sexuell etwas nicht stimmen.“

Doch unsere Gesellschaft befindet sich im Wandel, was die Unterteilung in Männer und Frauen angeht, was Homos und Heteros betrifft, aber auch was Sexspielzeug und Angst vorm Schwulsein betrifft. Jedenfalls sind Sex Toys für Männer neuerdings der Renner; die Verkaufszahlen gingen 2015 steil nach oben. „Der Markt explodiert und ist extrem innovativ. Viele Spielzeuge sind inzwischen genderneutral. Dadurch fühlen sich Männer sicherer und testen das Angebot.“ Im Zweifelsfall können sie sich immer rausreden mit dem Argument, sie hätten es für ihre Freundin gekauft. „Dazu kommt, dass der große Boom vor allem im Internethandel zu bemerken ist. Heteromänner müssen nicht mehr in irgendwelche schäbigen Sex Shops gehen, die traditionell eher von schwulem Publikum frequentiert wurden“, meint Hodgson.

„Als Domina habe ich die Erfahrung gemacht, dass die meisten Kerle von Analspielen fasziniert sind. Aber viele erstarren zur Salzsäule, wenn man sie in diesem Bereich anfasst.”

„Ich würde ihnen einen Vibrator empfehlen, mit dem sie zuerst mit einer Frau einen Testlauf machen könnten. Heteromänner müssen erst mal lernen, mit ihrem eigenen Körper vertraut zu werden und sich zu entspannen. Dafür sind Sex Toys ideal.“

Michael Carbonaro in dem Film "Another Gay Movie", mit einem Sexspielzeug, das ihm sein Vater geschenkt hat. (Screenshot)

Michael Carbonaro in dem Film „Another Gay Movie”, mit einem Sexspielzeug, das ihm sein Vater geschenkt hat. (Screenshot)

Damit es jedoch zu langfristigen und dauerhaften Veränderungen kommt, muss das Thema „Sexspielzeug & Männer“ in einer breiteren Öffentlichkeit ankommen und diskutiert werden. Besonders der Mangel einer entsprechenden Sichtbarkeit in der Popkultur ist ein Grund, warum viele Männer sich schämen, ihre Sexspielzeugvorlieben zu thematisieren. Fernsehserien wie „Sex and the City“ haben vor Jahren geholfen, das Tabu für Frauen zu durchbrechen – man denke nur an die plötzliche Popularität des sogenannten Hasen-Vibrators. Einen vergleichbaren Wendepunkt hat es für Männer bislang nicht gegeben.

Die Sextherapeutin Ammanda Major meint, es sei in Hollywoodfilmen viel wahrscheinlicher, dass Frauen sich über den Gebrauch von Sex Toys austauschen. „Ich kann mich nicht an einen einzigen Mainstream-Film erinnern, wo Männer beglückt darüber reden, wie sie Sexspielzeug ausprobieren.“ Laut Major ist das auch ein Genderproblem. „Anders als Frauen haben Heteromänner solche Gespräche nicht mit ihren Freunden. Erst wenn sie anfangen das zu tun, wird das Thema für sie wirklich normal und akzeptiert.“

Bei Dildoking gibt’s immerhin schon 36 Objekte „für ihn“, bei Beate Uhse („trau dich was“) sind es 14 Seiten mit jeweils 40 Produkten, inklusive vibrierenden Butt Plugs und Tenga-Masturbator „Flip Hole“.

(Was immer das genau sein soll.) Prostata-Stimulatoren mit Namen wie „P-Rock“ gibt’s auch. Da kann man den Heteromännern nur den Spaß wünschen, den Homos mit solchem Gerät schon lange haben. Allerdings: Eine ausführliche publikumswirksame Szene wie die in „Sex and the City“ gab’s auch in einer LGBTI-Fernsehserie bislang kaum, und bei aller Betonung von Sexualität in schwulen Medien sind Sex Toys dort auch keine echte Selbstverständlichkeit in den Lifestyle-Beiträgen. Vielleicht könnten also Homo- und Heteromänner 2016 beide etwas von Frauen lernen?

Titelbild: Imago/IPON

 


19 Kommentare

  1. Oliver Nicklas

    Warum nicht? Weil immer mehr lernen ihre Lust zu leben und sich dies auch trauen? Oder ist eine Hete nur dann Hete, wenn sie ausschließlich vaginalen Sex hat? Am besten ganz bibelisch!?


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