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„Ich wollte den Job unbedingt haben“

Todd Haynes ist schwul. Seines Meisterwerk "Carol" ist lesbisch. Ein Gespräch über die Liebe.

Mit dem mit Barbie-Puppen gedrehten Kurzfilm „Superstar – The Karen Carpenter Story“ und seiner Jean Genet-Adaption „Poison“ begann Todd Haynes in den Neunzigern seine Karriere und wurde schnell zu einer Speerspitze des New Queer Cinemas. Spätestens mit dem bisexuellen Glamrock-Drama „Velvet Goldmine“ gelang ihm dann der Sprung in den Mainstream. Seither widmet sich der Amerikaner immer wieder tragischen Frauen wie im Oscar-nominierten „Dem Himmel so fern“ oder der Miniserie „Mildred Pierce“; selbst im von Bob Dylan inspirierten Episodenfilm „I’m Not There“ fand er – Gender-Swapping sei Dank – Platz für Cate Blanchett. Mit „Carol“ kombiniert Haynes nun seinen Sinn fürs Queere mit seiner Vorliebe für tolle Damen und knüpft sich Patricia Highsmiths Lesbenklassiker vor. Die Liebe zwischen einer wohlhabenden Hausfrau und einer jungen Verkäuferin inszeniert er in einer Schönheit um, die sich kaum in Worte fassen lässt, von den Kamerafahrten über die Kostüme und Frisuren bis hin zu kleinsten Details in der Ausstattung. Dass dabei anfangs eine gewisse Distanz spürbar ist, ist durchaus beabsichtigt. „Carol“ nimmt seine Titelfigur durch die Augen der jüngeren Protagonistin wahr, die nicht nur das Objekt ihrer Begierde erst einmal zu fassen kriegen, sondern auch die eigene Homosexualität, für die es damals noch weder Akzeptanz noch Worte gab, zulassen muss. Ein Meisterwerk, visuell und inszenatorisch genauso wie schauspielerisch! Am Donnerstag wurde der Film für sechs Oscars nominiert. Wir haben Haynes getroffen.

Mr. Haynes, „Carol“ basiert auf Patricia Highsmiths Roman „Salz und sein Preis“. Die Geschichte basierte auf einer privaten Erfahrung der Autorin, nicht wahr?
Das stimmt, und ich liebe die Hintergründe dazu. Highsmith war damals Anfang 20 und hatte einen Aushilfsjob im Kaufhaus Bloomingdale’s, wo sie in der Puppenabteilung arbeitete. Ihren ersten Roman „Stranges on a Train“ hatte sie zwar schon an Alfred Hitchcock verkauft, aber für die Miete brauchte sie trotzdem noch etwas extra. Eines Tages kam diese unglaublich elegante Frau in den Landen, und es traf Highsmith wie der Schlag. Das muss wie ein Fiebertraum gewesen sein, und tatsächlich bekam sie prompt die Windpocken. Sie war dann so besessen von dieser Frau, dass sie sich sogar bei ihr vor dem Haus in den Büschen versteckte um sie zu beobachten. Und zwar als der Hitchcock-Film längst erfolgreich im Kino lief! Genau diese Macht von Liebe auf den ersten Blick wollte ich mit meinem Film vermitteln.

Was hat Sie persönlich jenseits dieser Geschichte und Highsmiths Buches inspiriert?
Ich ziehe immer andere Filme heran, um mich vorzubereiten und inspirieren zu lassen. Aber in diesem Fall gab es nicht eine konkrete Sache so wie damals bei „Dem Himmel so fern“, wo ich ganz konkret eine Hommage an das Melodram und die Werke von Douglas Sirk im Sinn hatte. Für „Carol“ waren es eher ganz allgemein klassische Liebesgeschichten, die ich mir angesehen habe. Der Film „Begegnung“ von David Lean zum Beispiel war einer der ersten, die ich mir angesehen habe. Oder „Ein Platz an der Sonne“ mit Montgomery Clift und Liz Taylor. Wie diese Geschichte aus Clifts Sicht erzählt wurde war als Anregung hilfreich für „Carol“, der aus der Sicht von Rooney Maras Therese erzählt wird. Auch visuell fand ich natürlich einige Filme inspirierend. Aber da waren zahlreiche Bildbände und Fotografien aus den Fünfziger Jahren letztlich noch wichtiger.

Todd Haynes

Todd Haynes

Wie Sie diese Epoche wieder auferstehen lassen, ist beeindruckend, bis ins kleinste Detail der Ausstattung und Kostüme stimmt alles. Nicht jeder Regisseur steckt so viel Aufmerksamkeit in vermeintliche Nebensächlichkeiten…
Das hängt natürlich auch sehr vom jeweiligen Film ab. Aber ich habe einfach immer wieder die Erfahrung gemacht, dass es oft Kleinigkeiten sind, die für die Geschichte von großer Bedeutung sein können, sei das nun ein Gegenstand oder eine Frisur. Schon Highsmiths Roman war in dieser Hinsicht sehr spezifisch. Carols Handschuhe und Tasche zum Beispiel wurden detailreich beschrieben, einfach weil beide in der Welt der jungen Arbeiterin Therese völlige Fremdkörper waren. Außerdem waren solche Details einfach wichtig, um ein Gespür für die Zeit zu vermitteln. Denn „Carol“ spielt in diesen paar Jahren, in denen New York City die grauen Vierziger Jahre hinter sich ließ und allmählich in den etwas glamouröseren Fünfzigern ankam.

Was gab den Ausschlag für Cate Blanchett in der Titelrolle?
Da dürfen Sie mich nicht fragen, denn ehrlich gesagt war Cate schon mit an Bord, als dieses Projekt in meinen Schoß fiel. Das erste Mal von „Carol“ hörte ich, als die wunderbare Kostümdesignerin Sandy Powell mit von einem Film erzählte, den sie mit Cate machen würde: eine lesbische Liebesgeschichte in den Fünfzigern, produziert von meiner alten Freundin Elizabeth Karlsen. Ich war fassungslos! Warum wusste ich davon nichts?! Ich wollte diesen Job unbedingt haben. Und zum Glück klopften sie dann einige Zeit später tatsächlich damit bei mir an.

Und gegen Blanchett hatten Sie keine Einwände?
Um Gottes Willen, natürlich nicht. Wir kannten uns ja, von der gemeinsamen Arbeit bei „I’m Not There“. Und sehen Sie sich nur „Blue Jasmine“ an. Man hätte es ja kaum für möglich gehalten, aber irgendwie wird Cate sogar immer noch schöner je älter sie wird. Und Schönheit und Eleganz waren bei „Carol“ ja von größter Bedeutung. Doch selbst wenn man die hat, ist es verdammt schwer, das Objekt der Begierde zu spielen. Zumal wenn man die Ältere der beiden ist. Wir brauchten also jemanden von Cates Kaliber.

Behind the Scenes 02

Haynes und Cate Blanchett während der Dreharbeiten

Wir würden uns ja freuen, Sie würden auch mal wieder mit Ihrer Muse Julianne Moore zusammenarbeiten…
Ich mich auch! Und ich bin sicher, dass das auch wieder passieren wird. Ich kenne Juli schon so lange, aber sie auf der Leinwand zu sehen, haut mich immer wieder um. „Still Alice“ war vor einem Jahr doch wieder das beste Beispiel dafür. Dass der auch noch von meinen engen Freunden Wash Westmoreland und Richard Glatzer inszeniert wurde, machte die Sache für mich noch emotionaler. Und dann starb Richard auch noch, wenige Tage nachdem Julianne den Oscar gewann. Oh Mann…

Lassen Sie uns noch einmal kurz auf „Carol“ zurückkommen. Wie gingen Sie bei den Sexszenen vor? „Blau ist eine warme Farbe“ wurde ja zum Beispiel vor einiger Zeit vorgeworfen, lesbische Liebe ausschließlich durch die heterosexuell-männliche Brille zu sehen…
Zumindest eine dieser Kategorien fällt bei mir ja von vornherein weg. Aber ich muss ganz allgemein sagen, dass ich mir immer sehr bewusst gemacht habe, wer hier wen anschaut und wessen Blick die Kamera repräsentiert. Wenn man das im Blick hat, ist der Rest eigentlich reine Technik: die besten Winkel finden, die ideale Beleuchtung wählen und dafür sorgen, dass die Schauspieler sich so wohl wie möglich fühlen. Alles sollte wunderschön aussehen, das war in diesem Fall meine oberste Maxime.

Glauben Sie, dass Sie als Schwuler einen engeren Bezug zu dieser Geschichte hatten als es vielleicht ein Hetero gehabt hätte?
Ich bin mir nicht sicher, dass es an meiner Homosexualität liegt, dass mich „Carol“ so sehr angesprochen hat. Letztlich war es vor allem die ganz allgemeine Erinnerung an dieses Gefühl, Hals über Kopf verliebt zu sein, die mich so berührt hat. Es wird nicht oft so gut beschrieben wie es sich anfühlt, wenn man wirklich aus der Bahn geworfen wird und man seine gesamte Existenz an der Frage festmacht, ob das Gegenüber diese Liebe erwidert. Das ist eine Hilflosigkeit und Ausgeliefertheit, die nur mit der Liebe allgemein, nicht mit der sexuellen Identität hinzukommt. Was die Geschichte von „Carol“ darüber hinaus spezifisch macht, ist die Zeit, in der sie spielt. Denn anders als im Falle einer heterosexuellen Liebe gab es für die Liebe von Carol und Therese damals noch keine Sprache, keine Worte. Das hat mich fasziniert.

Haben Sie eigentlich mal in Erwägung gezogen, auch einen Film über die Liebe zweier Männer zu drehen?
Sicher. Im Grunde genommen habe ich damit meine Karriere begonnen. Aber es stimmt, seither habe ich mich anderen Geschichten gewidmet. Gar nicht bewusst. Doch ich erzähle nun einmal sehr gerne von Frauen. Deswegen hat mich zum Beispiel auch das Western-Genre nie interessiert. Denn dort ist Frauen selten Platz.

Interview: Patrick Heidmann

Kinostart: 17. Dezember

Bild: Imago/Independnt Photo Agency


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