Jan 15 2016 Taipei Taiwan Democratic Progressive Party DPP Presidential Candidate TSAI ING

Öffnet diese Frau die Ehe in Taiwan?

Wenn Tsai Ing-wen die erste Präsidentin ihres Landes wird, könnte es schnell gehen.

Taiwan könnte nach der Wahl am 16. Januar zum LGBTI-freundlichsten Land Asiens werden. Eigentlich ist es das jetzt schon, was aber nicht soviel heißt, wie uns ein Aktivist vor wenigen Tagen erklärte. Aber: Tsai Ing-Wen, die 59-Jährige Präsidentschaftskandidatin der Fortschritts-Partei Taiwans (DDP), hat sich im Wahlkampf für die Rechte von Lesben und Schwulen stark gemacht und hat gute Chancen, die Wahl zu gewinnen. Wenn die DDP es zusätzlich schafft, eine parlamentarische Mehrheit zu bekommen, könnte es schnell Verbesserungen für LGBTI geben. Darüber wollten wir reden. Alfonso Pantisano von ENOUGH IS ENOUGH traf Dr. Ching-yi Lin, die Chefin der Abteilung für Frauenförderung der DPP. Sie ist dafür verantwortlich, dass die Partei 2015 am Pride in Taipeh, der Hauptstadt Taiwans, teilgenommen hat, als erste politische Partei Taiwans überhaupt. Mit am Tisch: Dr. Ketty W. Chen, die stellvertretende Chefin für Internationale Beziehungen in der DPP. Das Gespräch fand im in Regenbogenfarben geschmückten Hauptquartier der DPP statt.

Alfonso Pantisano (dritter von Rechts) mit Dr. Chin-yi Lin (links neben ihm) und Dr. Ketty W. Chen (recht neben ihm) und weiteren Mitarbeiter der DDP

Alfonso Pantisano (dritter von rechts) mit Dr. Chin-yi Lin (dritte von links) und Dr. Ketty W. Chen (vierte von links), sowie weiteren Mitarbeiter der DDP

Ich habe zur Vorbereitung dieses Interviews mit LGBTI-Aktivisten in Taiwan gesprochen. Die baten mich auf gar keinen Fall zu schreiben, dass Taiwan ein fortschrittliches Land für LGBTI sei. Stimmt das aus Ihrer Sicht?
Dr. Ching-yi Lin: Wir sind nicht zufrieden mit der Lebenssituation von Lesben und Schwulen hier in Taiwan. Und wir wissen auch, dass die Community noch viel Arbeit vor sich hat, um in der heteronormativen Gesellschaft akzeptiert zu werden. Ich glaube aber auch, dass wir hier in Taiwan aktuell tatsächlich die besten Lebensbedingungen für Homosexuelle in Asien haben.

Viele Schwule in Taiwan misstrauen der Regierung und glauben, die würde gern den CSD in Taipeh verbieten, an dem ja auch Sie teilgenommen haben. Glauben Sie, dass sich dieses Misstrauen geben wird, wenn Ihre Partei an die Macht kommen sollte?
Dr. Lin: Ich will Ihnen mal ein Beispiel dafür geben, wie es letztes Jahr in einer unserer Großstädte gelaufen ist: Unsere Partei stellt dort seit kurzem den Bürgermeister und zum letztjährigen CSD hat sich die Stadtverwaltung mit den lokalen Aktivisten getroffen, um eine größere Unterstützung und Sichtbarkeit anzubieten. Wir arbeiten dran!

Tsai Ing-wen, die Präsidentschaftskandidatin der DPP, hat im Wahlkampf ein Video veröffentlicht, in dem sie verspricht, die Öffnung der Ehe zu unterstützen. Die Aktivisten in Taiwan sagen, dass es einen großen Unterschied zwischen „unterstützen“ und „umsetzen“ gibt. Was meinen Sie, kommt die Eheöffnung in Taiwan, oder nicht?
Dr. Ketty W. Chen
: Noch bevor ich der DPP beigetreten bin, habe ich während der letzten zwei Jahre die öffentliche Meinung und die demokratische Entwicklung hier in Taiwan sehr genau beobachtet. Dabei ist mir klar geworden, dass die Rolle der Aktivisten eine ganz entscheidende ist: Sie müssen Druck ausüben und hohe Erwartungen haben. Das schmeckt den Politikern nicht immer, aber unser System braucht genau deswegen Aktivisten. Die DPP ist im Moment noch die größte Oppositionsfraktion in unserem Land. Politiker, auch die der Opposition, haben nicht alle Mittel, die Aktivisten zur Verfügung stehen. Dass unsere Präsidentschaftskandidatin sich für ein solches Video-Statement entschieden hat, ist für unser Land und für unser politisches System, bereits ein sehr großer und wichtiger Schritt gewesen. Ob sie die Ehe für Schwule und Lesben öffnen wird, kann ich zu diesem Zeitpunkt nicht sagen, denn sie ist noch nicht zur Präsidentin gewählt worden ist. Und selbst wenn sie die nächste Präsidentin wird, bräuchte sie dafür auch noch die Mehrheit in unserem Parlament. Wir sind noch mitten im Wahlkampf. Dafür hat sie sich schon mächtig aus dem Fenster gelehnt.

Im Hauptquartier der DPP konnten Anhänger ihre Wünsche auf Zettel schreiben. darunter findet sich auch der Wunsch nach gleichen Rechten für LGBTI

Im Hauptquartier der DPP konnten Anhänger ihre Wünsche auf Zettel schreiben. darunter findet sich auch der Wunsch nach gleichen Rechten für LGBTI

Was passiert, wenn nach dem 16. Januar die DPP sowohl die Präsidentin stellt, wie auch die Mehrheit im Parlament hat?
Dr. Lin: Ich glaube dann trotzdem nicht, dass wir 2017, also ein Jahr nach der kommenden Wahl, hier in Taiwan die Ehe für gleichgeschlechtliche Partner haben. Ich kann mich auch täuschen, aber so schnell sehe ich das nicht. Aber, wir machen einen Schritt nach dem anderen auf dem Weg dorthin. Erstmal brauchen wir den für uns und unser Land perfekten Wahlausgang.

Wie viele Schritte werden Sie und die Lesben und Schwulen in Taiwan gehen müssen, bis es soweit ist?
Dr. Lin: Es hängt von der Öffentlichkeit ab. Die Junge Generation ist ja dafür aber …

Ich habe hier die aktuellsten Umfrageergebnisse: Über 70% der 20- bis 28-jährigen unterstützen die Öffnung der Ehe und über 56% der Gesamtbevölkerung Taiwans sind ebenfalls für die angestrebte Gleichberechtigung.
Dr. Lin: Homosexuelle werden hier eines Tages vor dem Standesbeamten stehen. Wann das soweit sein wird, kann ich Ihnen und unserer LGBTI-Community noch nicht sagen. Ich sage immer zu unseren LGBTI-Freunden, dass sie weiterhin Druck ausüben müssen, denn die Gesamtgesellschaft ist noch nicht soweit.

56% der Bevölkerung sind soweit.
Dr. Lin: Aber die 44%, die noch nicht soweit sind, werden den bereits bestehenden Gegendruck weiter aufrechterhalten. Sie haben eine klare Strategie: Sie rufen die Büros der Parlamentarier an und beschweren sich massiv. Sie werden ihrem Unmut fortgesetzt Luft machen. Die LGBTI-Community ist im Vergleich dazu eher zurückhaltend. Selbst, wenn die Wahl positiv für uns verläuft, müssen die Schwulen und Lesben und all ihre Unterstützer in unserem Land dafür sorgen, dass die Kommunikation mit den Politikern aufrechterhalten wird. Sie müssen erinnert werden, dass die Zeit für die Gleichberechtigung gekommen ist.

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Dr. Chen: Wenn wir die Interessen der LGBTI-Community gegen die anderen Themen abwägen, die in unserem Land wichtig sind, dann fallen sie noch weiter nach hinten. So war das bisher immer. Wir haben hier viele Themen, die als wichtiger angesehen werden, denken Sie allein an unsere politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu China. Was Dr. Lin sagen will ist: Mit der gewonnen Wahl beginnt für die Aktivisten die zweite Phase der harten Arbeit. Sich zurücklehnen und feiern wäre hier das falsche Signal. Wir werden es ohne die weitere Unterstützung der Aktivisten nicht schaffen. Das muss uns allen klar sein. Die Menschen auf dem Land, vor allem die älteren Generationen, können oft überhaupt nicht mit der Abkürzung LGBTI anfangen. Sie haben keine Vorstellung, was denn Homosexualität überhaupt sein soll und wie es funktionieren soll. Wir müssen ihnen erklären, warum es so wichtig ist, dass Schwule und Lesben gleiche Rechte verdienen.

Aber ist diese Aufklärungsarbeit nicht der Auftrag der Regierung?
Dr. Lin: Ja, es ist der Job der Regierung.
Dr. Chen: Das erste Mal, dass ich von Dr. Lin gehört habe, war in den Nachrichten. Dr. Lin war gerade vom Gleichstellungskomitee zurückgetreten, weil im Komitee plötzlich Menschen mit Aufgaben betraut wurden, die eigentlich komplett gegen die Gleichstellung waren. Das hat die jetzige Regierung zu verantworten. Meiner Meinung nach will unsere Präsidentschaftskandidatin die Demokratie Taiwans auf eine viel stabilere Grundlage stellen und das geht nur mit der Gleichstellung aller Menschen. Daher habe ich keinen Zweifel daran, dass die Probleme von LGBTI nicht ignoriert werden, sollte sie die Wahl gewinnen und unsere Partei auch noch die Mehrheit im Parlament haben.

„Nicht ignoriert werden“ klingt anders als „mit einer hohen Priorität behandelt werden“.
Dr. Chen:
(lacht)
Dr. Lin: Priorität. (lange Pause) Ich denke (lacht wieder)
Dr. Chen: Viele DPP-Kandidaten, die sich für die Parlamentswahl haben aufstellen lassen, sind von Hause aus Aktivisten. Ich kann Ihnen garantieren, wenn sie es ins Parlament schaffen und dort tatsächlich mitarbeiten können, dann werden die LGBTI-Themen plötzlich ganz oben auf der Tagesordnung stehen.

Bilder: Alfonso Pantisano/Imago ZUMA Press


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