Stonewall liebt Riot

Das Schwule Museum* eröffnet die Comic-Ausstellung "SuperQueeroes"

Es ist eine illustre Kuratorentruppe, die da im nüchternen Neonlicht eines Arbeitsraums an der Berliner Lützowstraße zusammenkommt, um das unterrepräsentierte Kapitel queerer Comicgrößen für die Öffentlichkeit aufzubereiten. Mit Mario Russo ist der Besitzer der größten Ralf-König-Sammlung dabei (sein Archiv umfasst über 7.000 Stücke), mit Kevin Clarke ein Vorstandsmitglied des Schwulen Museums, das sich schon als Jugendlicher in Superman (genauer in dessen Verkörperung durch Christopher Reeve) verknallte, mit Michael Bregel ein weiterer Comic-Sammler, der zudem Donald Duck, Hägar und andere Erfolgsformate ins Deutsche übersetzt. Der 34-jährige Hannes Hacke spricht für eine jüngere Generation, die mit Ralf König und Underground-Ikonen wie Alison Bechdels „Dykes to watch out for“ aufwuchs. Nicht anwesend sind Markus Pfalzgraf (Autor der schwulen Comic-Anthologie „Stripped“), die New Yorker Queer-Identity-Expertin Natasha Gross sowie US-Zeichner Justin Hall, der mit „No Straight Lines“ ein weiteres Standardwerk zum Thema verfasste. Diese drei arbeiten der Berliner Gruppe aus der Ferne zu. Leibhaftig zusammenkommen wird das vollzählige Team erst zur Ausstellungseröffnung am 21. Januar. Bis dahin wird rangeklotzt. Deshalb sind Mario, Kevin, Michael und Hannes hier – auch wenn das Arbeitsmaterial eher nach Spielwiese als nach Ackern aussieht. Auf dem Tisch stapeln sich Comic-Hefte und Action-Figuren (darunter die von Homo-Superheld Northstar), in der Mitte thront als Inspirations-Gral ein Exemplar von „No Straight Lines“. So siegt das Kunterbunt der Comicwelt über die Nüchternheit des Neonlichts. Der Arbeitsraum wird zur Heldenarena.

 Die Theorie lautete: das zärtliche Verhältnis von Batman und Robin macht junge Männer schwul.

Die Geschichte des queeren Comics beginnt mit seiner Unterdrückung. 1954 veröffentlichte der deutsch-amerikanische Psychiater Fredric Wertham mit „Seduction of the Innocent“ („Verführung des Unschuldigen“) eine 400-seitige Anklageschrift, die Comics für den Verfall der bürgerlichen Moral verantwortlich machte. In den USA wurde das Buch zum Bestseller, seine Inhalte avancierten zu Stammtischthemen. Neben der Grundthese, dass Gangstergeschichten die Kriminalisierung der Jugend befördern würden, behauptete Wertham auch, dass das zärtliche Verhältnis von Batman und Robin die Homosexualisierung junger Männer zur Folge hätte. Das reichte, um die biedere 50er-Jahre-Gesellschaft in Alarmbereitschaft zu versetzen, was wiederum bei Comic-Verlagen Angst vor Umsatzeinbußen auslöste. Die „Comics Code Authority“ wurde gegründet – ein Gremium, durch das sich Verlage, Zeichner und Autoren selbst zu einer neuen Zugeknöpftheit verdonnerten. Fortan war Nacktheit in Comics tabu, Sex und Vulgärsprache ebenfalls, Homoerotik sowieso. Sprich: Es war vorbei mit den wilden Jahren – und mit den Zärtlichkeiten zwischen Batman und Robin. Im Mainstream brach die politisch korrekte Saure-Gurken-Zeit der „Comics Code“-Ära an. Aber wie das so ist mit repressiven Systemen: Sie fördern meist Gegenbewegungen zutage. So entstand im Fahrwasser der Emanzipationsbewegungen von Frauen und Homosexuellen ab den 60ern eine eigene Comic-Kultur. „1968 war der große Knall“, erklärt Mario Russo. „Noch hatte die Frauenbewegung keine Massenmedien zur Verfügung; dafür entstanden Underground-Publikationen, darunter Comics, in denen Frauen sich so darstellten, wie sie gesehen werden wollten – unabhängig, frei und kämpferisch. In der Schwulenbewegung setzte sich dieses Prinzip fort. Es entstand ein neues Bedürfnis der Selbstdarstellung, der Drang, eigene Geschichten zu erzählen.“

Wäre das Label ‚Graphic Novel‘ früher so hip gewesen wie heute, wären queere Comics schneller in den Fokus gerückt.

In der „SuperQueeroes“-Ausstellung wird die schwule Seite dieser frühen Phase unter anderem durch eine Originalausgabe jenes „Physique Pictorial“-Heftes repräsentiert, in dem Tom of Finland 1957 seine erste Zeichnung veröffentlichte. Außerdem bekommt das Werk von „Gay Comics“-Veteran Howard Cruse einen Sonderplatz. Lässt sich doch am Beispiel Cruse der Einfluss queerer Comics auf den heutigen Mainstream sehr gut verdeutlichen.
„Wäre das Label ‚Graphic Novel‘ früher so hip gewesen wie heute, wären queere Comics schneller in den Fokus gerückt“, meint Michael Bregel. „Die Attribute heutiger Graphic Novels sind quasi deckungsgleich mit den Attributen früher Queer-Comics wie ‚Stuck Rubber Baby‘ von Howard Cruse. Das sind Romane in gezeichneter Form. Inzwischen denken ja viele, schwule Comics wären meist Pornos – ein Missverständnis. Gerade bei frühen Sachen ging es eher um persönliche Entwicklungen und um Coming-out-Geschichten als um sexuelle Selbstverwirklichung.“
Tatsächlich kam der hedonistisch-pornografische Stil erst mit Zeichnern wie Joe Phillips und Patrick Fillion am Anfang der 2000er – zu einem Zeitpunkt, also, an dem sich queere Figuren wieder im Mainstream etablierten. 1989 fiel das Homo-Tabu des Comics-Code, 1992 bewies der rasende Absatz der „Alphaflight“-Ausgabe mit  Northstars Coming-out, dass schwule Plots alles andere als Kassengift sind. Bis zur Homo-Hochzeit in „Astonishing X-Men“ dauerte es trotzdem noch 20 Jahre. Da waren schwule Superhelden fast Normalität. Batwoman bekam sogar erst infolge ihrer Lesbischsprechung 2006 ihre eigene  Serie. Nur transsexuelle Mainstream-Helden sucht man bisher vergeblich – die toben noch durch den Untergrund. Wie Justin Halls „Glamazonia“ – die ein guter Indikator für die Korrektheitsstandards von heute ist. Wegen des flapsigen Titels „Super-Tranny“ wurde das Heft aus Rücksicht vor transidenten Menschen zurückgezogen. Der Beginn einer Comics-Code-Ära der umgekehrten Vorzeichen? Die Ausstellung wird es verraten. Text: Christian Lütjens

22. Januar bis 26. Juni
www.schwulesmuseum.de


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