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„Taiwan wartet auf Fortschritt”

Ein Treffen mit Chiwei Cheng, dem vielleicht wichtigsten LGBTI-Aktivisten Taiwans

Am 16. Januar wird in Taiwan gewählt. Der Inselstaat soll nach dem Willen der Demokratischen Fortschrittspartei zum schwulenfreundlichsten Land Asiens werden. Noch sieht die Realität allerdings bei vielen Themen die schwule Männer beschäftigen, völlig anders aus. Ein Gespräch mit Chiwei Cheng, dem vielleicht wichtigsten LGBTI-Aktivisten seines Heimatlandes, in einer schwulen Sauna, in Anwesenheit einer weiblichen Übersetzerin.

Wie leben die schwulen Taiwaner heute in Taipei?
Chiwei Cheng: Es gibt kein einheitliches Bild für alle, da wir ein Klassensystem haben, das sich sehr von eurem unterscheidet. Anhängig von deinem sozialen Hintergrund, ist dein Leben besser oder schlechter. Generell kann man schon sagen, im Vergleich zu anderen asiatischen Ländern oder andere Städten in Taiwan, hat man als schwuler in Taipei viel mehr Möglichkeiten und viel mehr Zugang zu den verschiedensten schwulen Kulturen.

Wo liegen denn die sozialen Unterschiede aus Sicht eines schwulen Mannes?
Die Klassenunterschiede machen sich auch am Alter fest. Die Sauna, in der wir uns jetzt zufällig befinden, zeigt uns sehr schön die Altersunterschiede: Hier gibt es hauptsächlich ältere schwule Männer. Der älteste Kunde dieser Sauna ist 80 Jahre alt. Auf der anderen Seite ist diese Location aber sehr nah am jungen und modischen Schwulenviertel. Da kommen schon mal auch einige junge Leute hierher. Und unter den älteren Gästen hier, gibt es auch viele, die sozial benachteiligt sind. Die können oft wahrscheinlich gar nicht für ihren Lebensunterhalt aufkommen. Und dennoch haben diese schwulen Männer Glück, denn sie haben immerhin in ihrer Stadt eine solche Sauna, die sie besuchen können. Die Provinzen in Zentrum Taiwans haben es sehr viel schwerer.

Als Aktivist begleitest Du viele LGBTI-Menschen durch ihre verschiedensten Lebensphasen. Wie hat denn Dein soziales Umfeld und vor allem Deine Familie auf Dein Coming-out reagiert?
Ich bin heute 40 Jahre alt, ich bin hier geboren und ich habe schon immer in Taipei gelebt. Ich habe einen guten Abschluss gemacht. Meine Eltern sind die klassische Mainstream-Familie Taiwans, sie haben einen kleinen Betrieb, wir sind vier Kinder Zuhause und ich bin der Älteste. In der chinesischen Gesellschaft legen die jeweiligen Familien viel Verantwortung in die Hände der Erstgeborenen. Ich bin aber nicht nur der erste Sohn, sondern auch der erste Enkelsohn. Ich bin meiner Großmutter sehr verbunden. Als ich sieben Jahre alt war, wusste ich schon, dass mir Jungs besser gefallen als Mädchen. Glücklicherweise habe ich in der Familie sehr viel Liebe erfahren. Aber diese Liebe wurde mit dem Erwachsenwerden auch immer mehr zur Last für mich. Diese Liebe und die Verantwortung ihr gerecht zu werden, haben mich regelrecht erdrückt. Am Ende hatte ich mit 19 mein Coming Out und der erste, der er es erfahren hat, war mein Vater. Unsere Dolmetscherin Betty reagiert darauf verwundert: „Wow, das ist ja völlig untypisch!“ Ja, das war eine echte Schock-Therapie für meinen Vater.

Die Sauna in der wir Chiwei Cheng treffen

Ein Sexshop im schwulen Vergnügungsviertel

Du hast Deinem Vater als erstem von Deiner Homosexualität erzählt. Wie hat er reagiert?
Ich hatte nicht geplant, dass ich meinem Vater an dem Tag von meiner Homosexualität erzähle. Ich hatte mit meinem Vater einen Streit über Schulangelegenheiten. Wir waren beide sehr sauer aufeinander und mein Papa meinte irgendwann wütend: „Du bist mein Sohn, ich kenne Dich sehr gut.“ Und da habe ich ihm geantwortet: „Das stimmt nicht. Eine Sache weißt Du eben nicht von mir!“ Nach solch einer Vorlage hat mein Vater begonnen, alles Mögliche zu raten… „Hast Du eine Frau geschwängert? Bist Du ein Krimineller geworden? Nimmst Du Drogen? Hast Du Dich mit Leuten geprügelt? Hast Du Krebs?“ Und ich schrie ihn an: „Die Tatsache, dass ich Männer liebe, kannst Du Dir wohl nicht vorstellen, was?“ Ich konnte meinem Vater die Trauer ansehen. Er schwieg und dann sagte er nur: „Erzähle es nicht Deiner Oma!“ Bei meinem Coming-out war es für meinen Vater die größte Angst, wie wohl seine eigene Mutter, also meine Großmutter darauf reagieren könnte. Ich wohnte damals nicht bei meinen Eltern sondern eben mit seiner Großmutter zusammen.

Und hast Du es Deiner Großmutter je erzählt?
Nein!

Aber Du bist seit Jahren in Taipei mit Deinem Aktivismus für Homosexuelle solch eine öffentliche Person – weiß sie es nicht mittlerweile?
Meine Oma ist leider vor zwei Jahren verstorben. Ich bin mit meinem Freund seit über 15 Jahren zusammen, doch jedes Mal, wenn meine Großmutter uns zusammen gesehen hat, dann haben wir uns nie wie Verliebte verhalten. Wir haben uns immer nur wie gute Freunde gezeigt. Irgendwie habe ich aber das Gefühl, dass sie es wusste, dass sie ahnte, dass dieser Mann jemand ganz besonderes für mich ist. Es gab da mal so eine Situation, als mich mein Freund besuchte, da kam meine Oma in mein Zimmer und brachte uns einen Teller mit Früchten und sagte zu uns „Ihr zwei seid ja wie zwei echte Brüder! Euer gemeinsamer Weg wird eine lange Reise sein. Ihr müsst gut aufeinander aufpassen!“ Sie war damals 90 Jahre alt. Ich denke, dass eine alte Frau wie meine Oma, kein Vorstellung davon hatte, was Homosexualität wirklich ist aber sie konnte fühlen, dass mein Freund und ich ein sehr enges Verhältnis hatten. Ich habe zum Beispiel nie eine Freundin nach Hause gebracht.

Angenommen, Du hättest Recht mit der Behauptung, dass ältere Frauen Homosexualität nicht verstehen würden – glaubst Du dann aber nicht, dass sie das Konzept der Liebe verstehen?
Klar, das Konzept der Liebe verstehen sie.

Bereust Du, dass Du es deiner Oma nie erzählst hast?
Nicht wirklich.

Und wie hat der Rest Deiner Familie reagiert?
Ich habe es meiner Mutter nie selber gesagt, da mein Vater mir zuvorgekommen ist und es ihr erzählt hat. Daraufhin ist meine Mutter zu meinem kleinen Bruder gegangen und hat ihm einfach gesagt, dass er wohl jetzt bald heiraten müsste. (Er und die Übersetzerin Betty lachen). Als ich 25 Jahre alt war, trennte ich mich von meinem damaligen Freund und ich bin mit all meiner Trauer zu meiner Schwester gegangen und habe ihr erzählt, dass ich Liebeskummer hätte – wegen eines Mannes. Und sie hat ganz cool darauf reagiert.

Wusste Deine Schwester sechs Jahre nach Deinem Coming-out noch nicht, dass Du schwul bist?
Nein. Und mein anderer Bruder wusste es auch nicht, bis er dann mal ohne Vorwarnung in mein Zimmer kam und mich beim Sex mit einem Mann erwischt hat. Er starrte uns an und ging wieder sprachlos aus dem Zimmer. (lacht) Schade, wir musste dann mittendrin aufhören – doof, nicht?

Bist Du der einzige schwule Mann in der Familie?
Anscheinend ist es so.

Ein schwules Cafe in Tapei

Ein schwules Cafe in Tapei

Du arbeitest seit vielen Jahren für die Tongzhi LGBTI-Hotline und ihr bietet telefonische Beratung rund um Homo-, Bi- und Transsexualität an. Wann habt Ihr Eure Beratungsstelle gegründet und worum kümmert Ihr Euch genau?
Wir haben unsere Hotline 1998 gegründet. Die Schwulenbewegung in Taiwan begann in den Achtziger Jahren. Bevor es unsere Hotline gab, gab es natürlich noch andere Organisationen, die sich für Schwule und Lesben einsetzen. Einige Vereine hatten das Ziel, dass man als Schwuler noch mehr Schwule kennenlernt und andere Gruppen gab es nur für die Durchführung einmaliger Events, wie z.B. eine Demonstration. Unsere Organisation entstand 1998 aus der Not heraus. Es ging nicht mehr. Zu viele LGBTI-Jugendliche nahmen sich das Leben, andere wurden aus den Schulen rausgeworfen, die Lehrer haben die Eltern dieser Kids über deren Homosexualität informiert und daraufhin wurden sie Zuhause misshandelt. Wir mussten etwas tun. Es gab bereits einige andere Telefonberatungen, aber diese sprachen nicht über Sex, einige andere dachten, dass Homosexualität geheilt werden kann. Es war schrecklich. Daher habe ich gemeinsam mit Freuden eine neue Hotline gegründet, die von Schwulen für Schwule angeboten wurde. Damals haben wir nur an zwei Abenden pro Woche unsere Telefonleitungen geöffnet. Heute sind es fünf Abende die Woche.

Sind die Bedürfnisse der LGBTI-Community in den letzten Jahren eher gewachsen?
Wir dachten, dass die heutige moderne Gesellschaft Taiwans viel weiter sei. Aber ob das so ist, werden wir bei der nächsten Wahl sehen. Vor knapp 20 Jahren wollten unsere Anrufer eher wissen, wo sie die nächste Schwulenbar oder Sauna finden können. Einige waren sich über ihre Sexualität unsicher und wollten für sich eher die Frage klären, ob sie denn nun schwul seien. Oder natürlich AIDS – alle wollten etwas über AIDS erfahren. Die Fragen waren oft irgendwie trocken und langweilig. Damals waren wir schon sehr glücklich, wenn wir im Monat einen oder zwei Anrufe von Eltern empfangen haben. Doch heute ist es anders. Die meisten Anrufer haben entweder Beziehungsprobleme oder sie suchen nach juristischem Rat. Natürlich sind die Fragen zum Coming-out immer noch aktuell und HIV und AIDS sind auch noch ein Thema. Aber die Anrufe der Eltern haben um ein Vielfaches zugenommen. Die Themen sind irgendwie gleich. Die Schwerpunkte werden heute anders gesetzt. Die meisten Homosexuellen in Taiwan können heute in der eigenen Familie oder am Arbeitsplatz immer noch kein Coming-Out haben. Viele Schwule haben heute auf Facebook zwei Profile. Eins, um mit Familie und Bekannten zu kommunizieren und ein anderes, um mit der schwulen Szene in Kontakt zu treten.

Welche sind denn die juristischen Fragen, die Eure Anrufer beschäftigen?
Ich will Dir von einer Sache erzählen, die uns sehr beunruhigt: Die taiwanische Polizei versucht oft, Schwule in eine Falle zu locken. Zivilfahnder nehmen mit Schwulen online Kontakt auf, verabreden sich zum Sex und tun so, als hätten sie Interesse, beim Ficken auch Drogen zu nehmen. Sobald der nichts ahnende Schwule mit ja antwortet und es tatsächlich zum Treffen kommt, werden die Schwulen verhaftet. Noch bevor die Drogen überhaupt zum Einsatz kamen. In Taiwan kannst Du nicht einfach offen über Drogen sprechen. Das ist jedenfalls ein Grund für die Polizei, Dich im Kommissariat zu verhören. Was wir auch oft haben, sind Anrufe von Männern, die erst nach dem Ficken von ihren Sexualpartnern erfahren, dass sie HIV-positiv sind und es jetzt zur Strafanzeige bringen wollen. In Taiwan werden solche Fälle sehr streng strafrechtlich verfolgt. Was an dieser Entwicklung spannend ist, ist die Tatsache, dass sich bei uns mittlerweile sehr viele HIV-Positive melden, die jetzt eine berechtigte Angst haben, von jedem Sexualpartner, mit dem sie je geschlafen haben, angezeigt zu werden.

Wie geht ihr mit diesen Fragen um?
Wir versuchen die positiven Männer zu beruhigen und das gelingt uns ganz gut. Viel interessanter sind für uns aber die Männer, die einen Positiven anzeigen wollen. Wir fragen sie, ob sie beim Analverkehr ein Kondom benutzt haben. Wenn sie es bejahen, dann bestätigen wir ihnen, dass sie sich nicht weiter Gedanken über eine mögliche Ansteckung machen sollten. Wenn sie es aber verneinen, sprechen wir sie auf ihre Eigenverantwortung an und versuchen herauszufinden, warum sie nicht selbst auf den Gedanken gekommen sind, sich mit einem Kondom zu schützen. Und dieser Prozess ist für unsere Arbeit und für den Anrufer sehr wichtig. Wir vertreten die Ansicht, dass in Sachen HIV beide Sexualpartner die gleiche Verantwortung haben. Unser Gesetzgeber sieht das leider anders. Und das ist ein großes Problem für unsere Präventionsarbeit. Bis vor Kurzem konnte unsere Regierung HIV-positive Ausländer des Landes verweisen. Daher hatten wir auch eine geheime Gruppe gegründet, in der sowohl homo- als auch heterosexuelle HIV-positive Ausländer ihre Sorgen und Ängste mit uns besprechen konnten. Man muss sich das so vorstellen: Ein Arztbesuch war für diese Menschen hier in unserem Land gar nicht möglich. Daher waren wir sehr froh, als wir einige befreundete schwule Ärzte gefunden haben, die diese Menschen dann auch anonym und oft kostenlos behandelt haben. Das Gesetz wurde jetzt endlich geändert. Wir sind alle sehr froh darüber.

Wie geht die Gesellschaft hier in Taiwan mit HIV-positiven Menschen um?
Extrem unfreundlich. Positiv zu sein wird als gesetzeswidrig, unmoralisch, dreckig, erniedrigend für die Familie und vor allem als ansteckend gesehen. Viele Taiwaner glauben tatsächlich immer noch, dass man sich am Speichel des Anderen anstecken kann.

Sind die Menschen hier nicht aufgeklärt? Oder wie erklärst Du Dir das?

Der Grund ist ganz einfach und sehr traurig: Weil sich unsere bisherigen Regierungen bis heute weigern über Safer Sex zu sprechen. Selbst unsere jetzige Regierung ist extrem konservativ. Weißt Du, alle möglichen internationalen Journalisten erzählen den Leuten da draußen, dass Taiwan den größten CSD Asiens auf die Beine stellt und dass wir hier eine sehr aktive LGBTI-Community haben. Das mag sein, aber all diese Errungenschaften wurden von Aktivisten auf die Beine gestellt und nicht von unserer Regierung. Taiwan ist auf verschiedenen Ebenen sehr zerrüttet. Gleichzeitig haben wir zum Teil sehr progressive Gesetze bei uns. Seit 2004 haben wir in Taiwan eine sogenannte Gender Equity Education Policy, also einen Bildungsplan für Vielfalt an den Schulen, wie ihr es heute, 12 Jahre nach uns, bei Euch in Deutschland immer noch diskutiert. Und doch ist es so, wenn wir in Schulen gehen, dann wird uns von den Rektoren der Schulen verboten, Worte wie homosexuell, Geschlechtsverkehr oder Penis zu verwenden.

Aber worüber dürft Ihr dann reden?
Über echte Liebe! (lacht sehr) Scherz beiseite, ja, wir dürfen nur über Liebe und Respekt sprechen.

Dolmetscherin Betty: „Das stimmt, leider. Den jungen Mädchen bringt man eben bei, dass man nur Sex mit einem Mann haben sollte, wenn er Dich wirklich liebt.”

Wie ist die medizinische Versorgung von HIV-Positiven hier in Taiwan?
Grundsätzlich ist die öffentliche Meinung gegenüber Positiven wirklich schrecklich. In den Schwerpunkt-Abteilungen der großen Krankenhäuser sind sie freundlich zu Dir und Du wirst gut behandelt. Wenn aber ein HIV-Positiver zu einem anderen Arzt gehst, sagen wir zum Zahnarzt, dann sind die Chancen sehr hoch, dass er Dich schlecht behandelt oder die Behandlung verweigert. Ich bin Vorstandsmitglied einer großen HIV-Organisation in Taiwan. Einer meiner Vorstandskollegen hat mal Krebs bekommen. Die Ärzte waren sich einig, dass er operiert werden müsse. Mein Kollege hat dann lange überlegt, ob er den Ärzten sagen solle, dass er HIV-positiv sei. Letztendlich tat er es auch und zwei Tage später kamen die gleichen Ärzte zu ihm und sagten ihm, dass man für seinen Krebs keine Operation durchführen müsse. Eine Chemotherapie würde reichen. Das ist doch schrecklich! Und wenn Du einem Zahnarzt von Deiner Infektion erzählst, dann lehnen sie Dich als Patient oft einfach ab. Und daher bitte ich Dich: Erzähle den Menschen in Deinem Land nicht, dass Taiwan ein fortschrittliches Land ist.

Taiwan hatte die letzten zwei Jahre den größten CSD Asiens. Wir glauben Taiwan ist das liberalste LGBTI-Land Asiens.
Nun ja, unsere aktuelle Regierung handelt völlig paradox: Auf der einen Seite wollen sie der Welt glaubhaft machen, dass wir angeblich das demokratischste Land der Welt sind und auf der anderen Seite will unsere Regierung die Gedanken ihrer Bürger kontrollieren. Wir haben zwar den größten CSD Asiens, aber wer redet denn darüber? Die Menschen auf der Straße, die Aktivisten und die Journalisten in aller Welt. Aber unsere Außenpolitiker haben sich noch nie zu unserer Homobewegung geäußert. Oder schau Dir unser Fremdenverkehrsamt in Taipei an: Du hast unser Szeneviertel gesehen. Es ist bunt und laut, dort ist immer was los. Aber weder auf der Webseite noch in irgendeiner Broschüre, die hier an Touristen verteilt wird, wird über die LGBTI-Szene gesprochen. In der Realität unserer Regierung kommen wir einfach nicht vor.

In China gibt es Therapiezentren, wo Schwule und Lesben von ihrer Homosexualität geheilt werden sollen. Hast Du davon gehört und gibt es auch hier solche Kliniken?
Ja, ich habe davon gehört aber es gibt hier solche Kliniken nicht. Unsere Psychotherapeuten und Psychologen sind hier sehr fortschrittlich.

Evangelikale Gruppen haben hier einen großen Einfluß. Woher kommen diese Evangelikalen und was ist ihre Agenda?
Sie kommen aus den USA und ihre Mission ist ganz klar: „Vater. Mutter. Kind.“ bzw „Ein Mann. Eine Frau. Ein Leben.“ Sie glauben, dass Enthaltsamkeit sehr wichtig ist und vor allem sind sie davon überzeugt, dass der Mensch in seinem Leben nur einen Partner haben darf. Scheidung kommt da gar nicht infrage. Homosexualität passt da nicht in ihr Weltbild rein.

Jetzt kommen ja bald die Wahlen. Glaubst Du, dass sich etwas ändern wird?
Wir schauen gerade auf zwei Parteien. Die KMT, also „Nationale Volkspartei Chinas“, die die aktuelle Regierung stellt. Wenn Du auf Google schaust (holt sein Handy raus), dann erfährst Du, dass diese Partei 1912 die erste chinesische Republik stellte und 1927 über das chinesische Festland herrschte. Nach dem verlorenen Bürgerkrieg 1949 gegen die Kommunistische Partei zogen sich die Partei KMT nach Taiwan zurück, wo sie die Republik China formell fortführte und bis 1990 weitgehend diktatorisch regierte. Du kannst Dir sicherlich vorstellen, welch politischer Wind hier weht. Und dann haben wir die DPP, die Demokratische Fortschrittspartei, die gerade alle Umfragen anführt. Das Problem mit der DPP ist, dass die uns gerade sehr verwirren: Sie erzählen uns, dass sie sich für die Rechte der LGBTI-Menschen einsetzen werden, sagen uns aber nicht, was sie konkret tun werden, wenn sie an die Macht kommen. Die Präsidentschaftskandidatin Tsai Ing-wen, die die nächsten Wahlen für die DPP laut Umfragen gewinnen soll, hat sich kürzlich ein einem Video gezeigt und gesagt, dass sie die Gleichstellung der Ehe unterstützt. Aber der Unterschied zwischen „unterstützen“ und „umsetzen“ ist sehr groß. Wir freuen uns über die vielen Versprechen der Kandidatin, wir werden sie dennoch in ihrem Amt kritisch beobachten, denn die noch aktuelle Regierung hat uns Schwulen und Lesben sehr viel versprochen, was sie aber überhaupt nicht eingehalten haben. Wir wählen jetzt nicht nur den neuen Präsidenten, sondern auch das Parlament. Damit sich etwas ändert, muss DPP nicht nur den Staatsoberhaupt stellen, sondern auch die Mehrheit im Parlament erlangen. Es bleibt sehr spannend.

Interview und Fotos: Alfonso Pantisano

Mehr zur Situation in Taiwan in der aktuellen Ausgabe der Männer.


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