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Zwei Mann in einem Boot

"Lichtes Meer" ist schönstes Seemansgarn. Ab heute im Kino.

Der Boden schwankt, die Gefühle auch und am Ende steht die Erkenntnis, dass irgendwie jeder Schwule ein Matrose ist. Stefan Butzmühlens Film „Lichtes Meer“ verbindet traditionelle schwule Seefahrerklischees mit der Realität der Gegenwart – ein hoffnungslos romantisches Unterfangen. Anker lichten!

Wie bescheuert ist das denn bitte? Da heuert dieser Marek auf einem Containerschiff an, findet in dem ungefähr gleichaltrigen Schiffsingenieur Jean den hinreißendsten Fickpartner, den man sich vorstellen kann, aber dann hat er in der Mitte des Films auf einmal keine Lust mehr auf Vögeln und sagt Sätze wie: „Ja, man muss eben auch mal reden.“ Geht’s noch? Die ganze Stimmung wird einem verhagelt. Und dieses komische Gefühl kommt wieder hoch. Dieses Gefühl aus Zeiten, in denen man noch nicht darauf trainiert war, von Sexdates um Gottes Willen keine Verbindlichkeiten zu erwarten. In denen man schon nach zweimal Ficken meinte, bis über beide Ohren verknallt sein zu müssen. Oder … in denen man schon nach zweimal Ficken bis über beide Ohren verknallt war?

Dieses Gefühl aus Zeiten, in denen man noch nicht darauf trainiert war, von Sexdates um Gottes Willen keine Verbindlichkeiten zu erwarten.

Ja, man kann die Seefahrergeschichte in „Lichtes Meer“ durchaus als Allegorie auf die Lehr- und Wanderjahre in der schwulen Szene verstehen. Wie Mareks Unschuld auf die erotische Abgeklärtheit von Jean trifft, wie seine Eifersucht an Jeans Erfahrung abprallt, wie Jeans Unverbindlichkeit sich letzlich auch nur als Selbstschutz herausstellt – das sind Dinge, die in den Homoszenen der Großstädte täglich durchexerziert werden. Aber das Containerschiff „St. George“ ist eben keine Großstadt. Es ist ein einsamer Dampfer, der hoch beladen ist mit Träumen – denen von Marek, denen von Jean und vor allem denen von Regisseur und Drehbuchautor Stefan Butzmühlen und seines Co-Autors Jan Künemund. Es ist unverkennbar, dass hier sehr persönlichen Sehnsüchten nachgegeben wurde. Eine Distanz zu Figuren, Setting und Geschichte scheint kaum zu existieren. Vielmehr wird in Bildern von schäumenden Wellen und schmachtenden Blicken geschwelgt und zwischendurch ertönt dazu Puccini oder der eine oder andere Sehnsuchtsschlager. Das klingt schwülstig, ist aber in Wahrheit auf ganz unkitschige Weise wundervoll.

 

Marek entspannt

Zugegeben: Actionhungrige Zuschauer könnten sich langweilen. „Lichtes Meer“ gleicht in seiner elegischen Ruhe mehr einem visuellen Gedicht oder einem bewegten Gemälde als einem herkömmlichen Spielfilm. Hinzu kommt ein quasi dokumentarischer Stil. Wirkliche Dialoge sind rar und meist sehr spröde, dafür gibt Mareks Voice-Over nautische Lehrbuchauszüge zum Besten oder verliest Tagebucheinträge, die Einblicke in seine Gefühlswelt liefern. Letztere entstammen teilweise einem echten Reiseprotokoll, das Darsteller Martin Sznur bei den Dreharbeiten führte. Nachdem Marek aus der Schiffsbibliothek den Pierre-Loti-Roman „Islandfischer“ (1886) ausgeliehen hat, den er beim Warten auf Jean in der Kabine liest, wird auch daraus rezitiert. So kommt die literarische Vorlage zu Gehör, die Butzmühlen und Künemund beim Skript als Gerüst diente. Immer wieder kontrastieren klassische Motive mit gegenwärtigen Entsprechungen, Klischees werden gleichermaßen bedient und gebrochen. Nur verrraten werden sie nie. Dazu hat der Regisseur sein Sujet und seine Figuren zu lieb.
Wenn das Schiff im letzten Drittel des Films in Martinique anlegt und die Jungs zwei Tage an Land verbringen, zeichnet sich endgültig ihre Unterschiedlichkeit ab. Die Stunden, in denen sie miteinander die Insel erkunden, sind Zweisamkeit auf Zeit. Während Marek nach seiner ersten Überfahrt erkannt hat, dass ihm die Seefahrt zu heftig ist und er nicht auf die „St. George“ zurückkehren wird, muss Jean wieder an Deck. Nach einer letzten gemeinsamen Nacht bricht er in einen neuen Hafen auf. Und vielleicht zu einem neuen Lover. Ihm folgen sehnsüchtige Blicke aus Mareks Hotelzimmer. Junge, komm bald wieder!

Wie befreit man „Querelle”-Romantik von ihrer schwülstigen Nostalgie? Dieser Film ist die Antwort.

Fazit: Wer sich je gefragt hat, wie man „Querelle“-Romantik von ihrer schwülstig nostalgischen Aura befreien und in eine heutige Welt übertragen kann, bekommt hier Antwort. Und wer davon träumt, auf einem Schiff anzuheuern und sich in einen Seemann zu verlieben, findet in Marek einen würdigen Stellvertreter. Der Rest marschiert mit der allegorischen Erkenntnis aus dem Kino, dass irgendwie jeder schwule Mann ein Matrose ist. Dass wir alle mit Jean und Marek in einem Boot sitzen – inklusive der Erinnerung, dass das nicht immer so war. Aus Rührung über so viel Gefühl also ausnahmsweise ganz verbindlich: Toller Film.

Text: Christian Lütjens


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