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Homosexualität im Oman

Es fehlen die schwulen Vorbilder

 

Clark Aziz ist als LGBT-Menschenrechtsaktivist im Oman tätig. Als schwuler Mann könne man in dem arabischen Land prima leben, sagt er. Solange man es für sich behält.

 

Von Florian Sawatzki

 

Wenn Clark Aziz über sein Leben als schwuler Mann und LGBT-Aktivist im Oman erzählt, tut er das immer unter Pseudonym. Über eine Stunde schildert er auf Einladung des Lesben- und Schwulenverband (LSVD), der Hirschfeld-Eddy-Stiftung und des Anyways eindrucksvoll seinen Alltag in einem Land, das viele erstmal auf der Landkarte suchen müssen.

Fotos dürfen von ihm dabei nicht gemacht werden. Clark ist vorsichtig geworden, aus gutem Grund. Im Oktober vergangenen Jahres besucht er mit einem Freund Paris. Dort wird er zufällig von einem französischen Radiosender interviewt, der auch im Oman zu empfangen ist. Offen spricht er darüber, wie es ist, in seinem Heimatland schwul zu sein. „Doch anders als vereinbart wurde meine Stimme hinterher nicht verfremdet. Außerdem haben sie ein Bild von mir auf ihrer Facebook-Seite veröffentlicht.“ Im Oman wisse seither jeder, dass er schwul ist. „Meine Familie hat sich sofort von mir distanziert und mir gedroht.“

Ich weiß nicht, ob und wann ich in den Oman zurückkehre

Seit November ist Clark in Deutschland, um ein Praktikum beim Lesben- und Schwulenverband (LSVD) zu machen. Durch die vom LSVD 2007 gegründete Hirschfeld-Eddy-Stiftung, die sich für Menschenrechte und gegen Homophobie auf internationaler Ebene einsetzt, kam der Kontakt zustande. „Ich weiß nicht, ob und wann ich in den Oman zurückkehre. Aber ich hoffe, dass sich die Wogen dann geglättet haben.“

Dass es in dem Staat, der im Osten der Arabischen Halbinsel liegt, schon in den 1970er-Jahren Homosexualität gab, überrascht viele der Zuhörer. „Männer lebten zusammen, auch als Paar, und das wurde von der Bevölkerung toleriert“, erzählt Clark, der in den 1980er-Jahren geboren wurde. „Die Menschen haben das ignoriert und nicht ernst genommen.“ Noch heute spiele vielen schwulen Männern die strikte Trennung zwischen Mann und Frau in die Karten. „Wenn sie nicht verheiratet sind, dürfen sie nicht miteinander leben oder in den Urlaub fahren. Tun das zwei Männer, sagt niemand was.“

Clark selbst habe fünf Jahre mit seinem Partner zusammengelebt. „Meiner Familie habe ich erzählt, dass er mir sehr nah steht. Aber dass wir ein Paar sind, habe ich immer verheimlicht.“ In der Öffentlichkeit Händchen halten oder sich küssen – das sei undenkbar gewesen für die beiden.

2013 macht die große omanische Zeitung „The Week“ eine Titelstory über Homosexualität. „Darin wurden seelische Probleme geschildert, unter denen Schwule zu leiden haben“, erinnert sich Clark. Als der Artikel erscheint, werden die Macher der Zeitung in den Sozialen Netzwerken heftig attackiert. „Der Verfasser des Artikels hielt sich damals in Dubai auf. Ihm wurde eindrücklich geraten, nie mehr in den Oman zurückzukehren.“ Die Zeitung darf eine Woche nicht erscheinen. Danach wird das Thema wieder unter den Tisch gekehrt – als sei nichts gewesen.

Vor dem Gesetz gilt der sexuelle Akt zwischen Männern als strafbar. Bis zu drei Jahre Gefängnis drohen

Nach dem verhängnisvollen Radio-Interview im vergangenen Jahr habe es ähnliche Reaktionen gegeben. „Die Station durfte eine Woche nicht senden und es gab viele Proteste. Auch das zeigt: Man kann als schwuler Mann im Oman prima leben – solang man es für sich behält.“ Vor dem Gesetz gilt der sexuelle Akt zwischen Männern als strafbar. Bis zu drei Jahre Gefängnis drohen, wenn man erwischt wird – und eine saftige Geldstrafe. Auf den Straßen der Hauptstadt Maskat, in der Clark bis zuletzt gelebt hat, habe es bisher jedoch keine Attacken auf Schwule gegeben. „Wenn ein Mann dort mit Federboa und als Frau geschminkt langgeht, wird er stur ignoriert.“

 

Die Community im Oman wächst langsam

 

Seit 2008 ist Clark als LGBT-Menschenrechtsaktivist tätig. „Es fing damit an, dass ich mit drei anderen Männern Partys organisiert habe. Außerhalb der Stadt, auf einer Farm.“ Dreimal im Jahr fanden die Feiern statt. „Wenn ich die Einladungen verschickt habe, kam von vielen Männern die Frage zurück, ob wir denn eine Sex-Orgie veranstalten würden. Ich habe das immer verneint. Daraufhin haben viele abgesagt.“ Um die 60 Gäste seien zu den Partys gekommen. „Viele haben sich nicht getraut zu kommen. Aus Angst, erwischt zu werden.“

Die LGBT-Community in seiner Heimat wachse langsam. „Ich habe über Twitter, Facebook und Instagram versucht, ein Netzwerk aufzubauen. Aber das war schwierig.“ Viele hätten seine Anfragen ignoriert, weil sie unter ihrem richtigen Namen dort angemeldet sind. Mehr Erfolg hat Clark auf schwulen Datingseiten und Apps wie Grindr, Scruff oder Planetromeo. „In meinem Handy sind 300 Nummern gespeichert. Es geht mir darum, mich mit anderen schwulen Männern auszutauschen und ihnen zu helfen.“

Oft arbeitet der LGBT-Aktivist dabei mit prominenten Rollenvorbildern. „Ich will den Menschen zeigen, dass sie so leben können, wie sie möchten. Und zu sich stehen können.“ Im Oman gebe es solche schwulen Rollenvorbilder überhaupt nicht. „Das ist das vielleicht größte Problem.“

 

Titelfoto: LSVD

 


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