Berlinale, Tag 3: Das große Kuscheln

Peaches, Alexander Skarsgard und fünf Filme in zwölf Stunden

Man könnte ja meinen, die Berlinale sei ein bierernstes, hoch politisches Fesival. Stimmt auch. Aber, wie es so schön heißt: „It’s not a revolution, if you can’t dance to it“. Im Fall der MÄNNER-Jury kommt noch dazu: Es ist auch keine Revolution, wenn man nicht damit kuscheln kann. Diese erkenntnis war gestern nicht zu ignorieren und zog sich durch den Tag: Noch bevor wir es uns versahen, war Ledwina nach der Vorstellung des herrlichen Mãe só há uma/Don’t Call Me Son  losgerannt und drückte den Hauptdarsteller, der fabelhafte, sehr anrührende Arbeit geleistet hatte. Sie bekam ein „Wow, you’re my first fan.“ zum Dank. Wir garantieren: Da kommen noch ein paar dazu. Etwas ähnliches hatte Ledwina am  Morgen während der Pressekonferenz zu War on everyone schon mit Alexander Skarsgard (Vampir Bill aus „True Blood“) versucht, fand ihn aber, als wir Abends aus dem Zoopalast kamen, schon ein zweites Mal an diesem Tag direkt vor ihrer Nase wieder, Galapremiere sei Dank. Und hatte einen kleinen „Ich bin zwar eine Schweizer Akademikerin, aber ich kreisch jetzt einfach mal mit“-Anfall, was die Fotos, die sie eigentlich von ihm am roten Teppich machen wollte, arg verwackelte. Ihre Reaktion auf Elektrogöttin Peaches, die uns vor „KIKI“ über den Weg lief, war ähnlich, allerdings war Martin da schneller mit dem Kuscheln.

Dafür wollten wir nach der fantastischen, herzergreifenden, lustigen, spannenden, glamourösen und mit perfekter Musik angefüllten Doku alle alle Protagonisten des Films im Arm haben, was uns auch gelang. Paul ist von sich aus kein schmales Menschenkind, sah aber neben der Hauptprotagonistin, einer großartigen, zwei Meter großen trans* POC, aus, als hätte er seinen neuen Lieblingsteddy gefunden.Oder sie ihren. „Angefühlt hat sich das auch so“, findet er. Wir haben uns länger mit dem Team des Films unterhalten und sind heute Abend im Berliner Schwuz mit ihnen verabredet, wenn wir die Augen noch weit genug aufkriegen um hinzufinden, denn der erste der fünf (!) Filme, die wir heute sehen, startete um 10.30 Uhr und der letzte ist um kurz vor ein Uhr nachts zu Ende. Es sind, in der Abfolge:

Männer Jury Tag Drei: Die Filme

1. Antes O Tempo Nao Acaba

In einen indigenen Stamm im Amazonasgebiet hineingeboren, hat Anderson schmerzhafte Initiationsriten kennengelernt. Nun wohnt er mit seiner Schwester und deren kranker Tochter in der Großstadt Manaus, hat ein Handy, arbeitet in verschiedenen Jobs und muss sich den Herausforderungen zwischen modernem Leben und dem Glauben der Schamanen stellen. Für ihn stoßen die beiden Welten täglich zusammen: Wenn seine Nichte geopfert werden soll, ihm ein mythisches Monster in Menschengestalt erscheint oder er in einem Nachtclub bei Doom Metal einen One-Night-Stand kennenlernt. Der Schamane plant die Vollziehung eines weiteren alten Rituals an Anderson, ohne dass der nach Meinung des Heilers für immer verloren wäre. Ein stilles, feines Filmchen mit tollen Bildern, die man so ganzt bestimmt noch nicht gesehen hat.

2. United States of Love

vom polnischen Regie-Wunderkind Tomasz Wasilewski, der mit „Tiefe Wasser“ vor zwei Jahren viele schwule Jungs begeistert hat und dafür mit seinem neuen Film dieses Jahr in den Wettbewerb durfte. Wasilewski porträtiert vier Frauen in einer Kleinstadt in der polnischen Provinz. Agata, die sich zu einem Priester hingezogen fühlt und ihn heimlich beobachtet. Die Schuldirektorin Iza, die seit Jahren ein Verhältnis mit einem verheirateten Arzt hat. Die Russischlehrerin Renata, die die Nähe zu ihrer jungen Nachbarin, der Sport- und Tanzpädagogin Marzena sucht. Und Marzena, die von einer internationalen Karriere als Model träumt. Nach Ansicht, halten wir fest: Nicht am morgigen Valentinstag reingehen, es sei denn, man möchte sich dringend trennen. Wenn die Welt einen Anti-Date-Movie brauchte, jetzt hat sie einen.

3. Who’s gonna love me know?

Saar hat den Erwartungen seiner Eltern nie entsprochen. Seit er sich vor 17 Jahren den Regeln seines Kibbuz widersetzte und von der Siedlungsgemeinschaft ausgeschlossen wurde, war er für seine Familie nicht mehr existent. Er verließ Israel, um in London ein freies schwules Leben zu beginnen. Nach dem Ende einer dreijährigen Partnerschaft suchte er exzessive Sex- und Drogenabenteuer, bis er HIV-positiv getestet wurde und gezwungen war, sein Dasein zu überdenken. Im London Gay Men’s Chorus hat er schließlich ein Zuhause gefunden und schöpft dort aus der Musik den Mut für eine Wiederbegegnung mit seiner Familie. Einfühlsam, mit Humor und Charme dokumentiert der Film, wie sich der inzwischen Vierzigjährige und seine ihm entfremdeten Eltern und Geschwister auf den Weg machen, sich gemeinsam ihren Zerwürfnissen und Ängsten zu stellen.

4. Sun Fu Tian/Dog Days

Unser erster Bi-Film, wir sind sehr gespannt, auch und besonders, weil er aus der Volksrepublik China kommt. Nicht enden wollende Hundstage lasten bleiern auf dem ärmlichen Außenbezirk von Changsha, wo die junge Mutter Lulu als Tänzerin in einem billigen Nachtklub arbeitet. Als sie spät nachts nach Hause kommt, ist ihr Freund Bai Long mit dem gemeinsamen Säugling verschwunden. Ihre verzweifelte Suche führt sie in ein Travestielokal, wo der schwule Sunny auftritt, der weiß, wo sich der Kindsvater aufhält. Es kommt zu einem Deal zwischen dem ungleichen, von nun an schicksalhaft miteinander verstrickten Paar: Lulu will ihr Kind zurück und im Gegenzug der homosexuellen Beziehung zwischen Bai Long und Sunny nicht im Wege stehen. In einem Hotel in Schanghai überschlagen sich die Ereignisse.

Und als letztes für heute:

5. Nunca Vas A Estar Solo/You’ll never be alone

aus Chile. Hochpolitisch und mit allergrößter Wahrscheinlichkeit ein guter filmischer Abschluß für einen Tag voller großer Momente: Im März 2012 schockierte die Ermordung des offen schwul lebenden Chilenen Daniel Zamudio durch Neo-Nazis ganz Lateinamerika. Der Fall inspirierte Alex Anwandter zu seinem beeindruckend vielschichtigen Debüt: Mit großem Feingefühl spürt er in der Zurückgezogenheit des Vaters dem gewaltsamen Druck eingeschworener Männlichkeitsnormen nach – und löst sie im bunten queeren Lebenstraum Pablos auf.

Bild des Tages: Herr Balster hat zwischen zwei Filmen noch fix sein TEDDY-Verleihungs-Outfit gekauft. Der Rest der Jury überlegt noch, ob er sich anschließt. Süß, oder?

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Wie immer ein kurzer Hinweis in eigener Sache: Anlässlich der bevorstehenden 30. Teddy Awards bieten wir außerdem ein besonderes MÄNNER-Abo an: Alle, die bis einschließlich 21. Februar 2016, dem Ende der Berlinale, ein Print-Abo für unser Heft abschließen (egal ob für 3 oder für 12 Monate), erhalten das PocketMag (die digitale Version von MÄNNER) gratis dazu – das digitale Jahresabo kostet sonst 44,99 EUR im Jahr. Unser Teddy-Angebot gilt für alle, die in den letzten drei Monaten kein MÄNNER-Abonnent waren.


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