201609683_1

Berlinale Tag 6: Bergfest mit Madonna

Die Jury ist eine Familie, Ledwina mag 15-minütige Sexszenen und wir gucken Icons

Es gibt einen Moment in der Mitte eines Filmfestivals, auch auf der Berlinale, an dem es schlagartig das Leben aller wird, die intensiv daran teilnehmen. Dann ist Bergfest. Das Von-Kino-zu-Kino-Gerenne, von einer Geschichte direkt in die nächste zu steigen, sich dabei, Winterschlafgleich, im Dunkeln von Nüssen, Wasser und Früchten zu ernähren, es ist plötzlich der Normalzustand. Die permanente emotionale Überforderung, weil man in acht Stunden vier sehr verschiedenen Paaren dabei zuguckt, wie sie sich verlieben, das schlechte Wetter, das dir jemand aus Versehen seine Cola in die Kapuze kippt, es ist einfach so. Daran, dass sie diesen emotionalen Moment zwischen Euphorie und Hysterie komplett genießen, erkennt man echte Film-Junkies. Jedes unserer Jury-Mitglieder ist einer. Wir wissen inzwischen alle voneinander, wie wir aussehen, wenn wir gerade vor Rührung geweint haben, erkennen mit geschlossenen Augen, wer von uns gerade lacht, haben geklärt, dass Helga Madonna nicht mag, und warum Ledwina die fünfzehn Minuten lange, schwule Hardcore-Orgienszene am Anfang von „Théo et Hugo …“ gestern „das Highlight des Films“ fand, haben uns beim Shoppen gegenseitig Komplimente für unsere Ärsche gemacht und Ledwina, bei der Suche nach einem Outfit für die TEDDY-Verleihung, in nichts als reißverschlossener transparenter Plastik und schwarzer Unterwäsche gesehen und allgemein betörend gefunden. Sowas nennt man eine Familie. Wie jede Extremerfahrung, macht auch die Berlinale Menschen zu Brüdern (und Schwestern), die das vorher nicht waren. Dass das toll ist, muss man uns jetzt einfach mal glauben.Unsere kleine Familie sieht heute:

Männer Jury Tag 6: Die Filme

1. Strike A Pose

1990 suchte Superstar Madonna für ihre „Blond Ambition“-Tour Performer, die sich mit Vogueing auskannten. Aus zahllosen Bewerbern wurden die schwulen Tänzer Salim, Kevin, Carlton, José, Luis und Gabriel ausgewählt, und als einziger Hetero der Hiphopper Oliver. Die Tour wurde von einem Filmteam begleitet, und die Musikerin inszenierte sich als Mutterfigur der Bühnenfamilie. Die Jungs fanden schnell Fans unter homosexuellen Jugendlichen, die sie als Vorbilder ansahen, während die Tour zu Madonnas Bekenntnis für die schwule Befreiung und die Akzeptanz von Aids wurde. Doch nach der Tour zerbrach die heile Welt. Obwohl die Tänzer entscheidend zu Madonnas Glaubwürdigkeit beitrugen, lebten sie dieses Leben nicht. Nachdem Madonna sich weigerte, wenigstens eine Kussszene zu schneiden, führte er einen Prozess gegen Madonna. Gabriel starb 1995 an Aids, die anderen verfolgten weiter ihre Karrieren. 25 Jahre nach der gemeinsamen Zeit treffen sich die sechs Männer, und es werden Geheimnisse gelüftet, die lange zurückgehalten wurden. Den Filmemachern gelingt es, die Geschichten der sehr unterschiedlichen Tänzer zu erzählen, um sich zum Kern der Wahrheit vorzuarbeiten.

2. Mapplethorpe: Look at the Pictures

Er war ein Katalysator und Erheller, aber auch ein Skandalmagnet. Sehr früh schon hatte Robert Mapplethorpe ein Ziel, das er bedingungslos verfolgte: „to make it“ und nicht nur Künstler, sondern auch Kunststar zu sein. Der Zeitpunkt ist günstig, es ist das Manhattan von Warhols Factory, des Studio 54 und einer nach den Stonewall-Unruhen hedonistisch ausgelebten Sexualität. Bereits seine erste Einzelausstellung (1976) breitet seine Themen aus: erotische Darstellungen, Blumen und Porträts. Berühmt-berüchtigt wird er durch eine Serie von Sex-Fotos aus dem schwulen SM-Milieu und Nacktaufnahmen von Schwarzen.
In der Dokumentation Mapplethorpe: Look at the Pictures von Fenton Bailey und Randy Barbato, die bereits 2003 und 2005 Panorama-Auftritte hatten, und für ihren neuen Film unbeschränkten Zugang zu Mapplethorpes Archiven bekamen, spricht der Ausnahmekünstler in neu entdeckten Interviews offen über sich selbst. Zugleich zeichnen die Aussagen von Freunden, Lovern, Familienmitgliedern, Berühmtheiten und Modellen ein durchaus kritisches Bild dieser komplexen Schlüsselfigur der Fotografie des 20. Jahrhunderts.

3. Inside the Chinese Closet

Andys Vater weiß zwar, dass sein Sohn homosexuell ist, aber er will unbedingt den gesellschaftlichen Konventionen genügen und drängt ihn, eine heiratswillige Lesbe zu finden. Cherry ist bereits eine Scheinehe eingegangen, aber nun verlangen die Eltern von ihrer einzigen Tochter endlich einen Enkel, damit die Nachbarn aufhören zu tratschen. Der Druck auf Schwule und Lesben in China ist groß, den Eltern die gefühlte Schande eines unverheirateten Kindes ohne Nachkommen zu ersparen. Zwar ist Homosexualität nicht mehr illegal, aber Verständnis für ein Leben außerhalb der traditionellen Heterosexualität ist rar.
Einfühlsam begleitet Regisseurin Sophia Luvarà Andy und Cherry auf ihrer Suche nach dem richtigen Weg, die manchmal absurde Züge annimmt: schwul-lesbische Scheinehe-Märkte, Agenturen für Surrogatmütter, Preislisten für die Adoption Neugeborener und die ständig nörgelnden Eltern, die nicht locker lassen. Beide, Cherry und Andy, schaffen es, sich ein Stückchen Freiheit zu erobern. Aber sie wissen auch, dass ihr eigenes Coming-out wiederum ihre Eltern zum Versteckspiel zwingt, weil die sich nicht öffentlich zur Homosexualität ihrer Kinder bekennen wollen.

4. Brüder der Nacht

Wien durchgängig als Nacht-Land und Nachtasyl, als die Kehrseite des Tag-Bewusstseins, ganz ohne Walzerseligkeit und Mozartkugeln. Die Protagonisten dieser Dokumentation sind junge bulgarische Roma, die Armut und die Notwendigkeit, für ihre Familien Geld zu verdienen, nach Wien verschlagen haben, wo sie in der Stricherbar „Rüdiger“ im Arbeiterbezirk Margareten ihre Dienste anbieten. Sie warten, rauchen, trinken, spielen Billard, tanzen, prahlen, albern herum wie junge Kälber, reden über ihre kärglichen Ausschweifungen, über ihre Familien und über Prostituierte, tauschen Erfahrungen und Informationen über das „bizness“ aus. Im Clash der Kulturen und Traditionen führen sie ein Leben zwischen den Welten, zwischen Realität und Illusion, transitorisch, trügerisch und flüchtig. Gus Van Sant trifft James Bidgood trifft Pasolini: Brüder der Nacht ist ein in satt-barockes Halbdunkel getränkter Hybrid, der gezielt verstörend zwischen Dokumentar- und Spielszenen oszilliert. Es ist keine moralisierende, besserwisserische Stricherballade, sondern eine zärtliche, empathische Hymne an die furchtbare Poesie des (Über-)Lebens und an die Solidarität unter Geächteten und Außenseitern.

Bilder: Martin Balster/Marlies Faulend


0 Kommentare



Likes & Shares

Durch die fortgesetzte Nutzung der Website erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. mehr Info

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close