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Berlinale Tag Fünf: Emma und die Orgie

Ai WeiWei ist toll, Martin vergrippt und Oliver Ducastel inszeniert eine romantische Orgie

Es war nur eine Frage der Zeit: Das Festival fordert erste Opfer. Nach vier Tagen in dunklen Räumen mit unterschiedlich temperierten Klimaanlagen in denen viele Menschen husten und im Schnitt fünf Stunden Schlaf die Nacht im Berliner Februarwetter, hat es einen von uns zerlegt. Da Helga und Paul erfahren genug waren, ihre jährlichen Grippen vor der Berlinale zu bearbeiten, Ledwina sich von nichts umhauen lässt und Klaus es sogar noch schafft, neben unserem umfangreichen Programm andere Filme zu sehen, hat sich irgendeine Filmgöttin wohl gedacht, Martin sei fällig. Weswegen er gestern Nachmittag anfing, quasi im Dunkeln zu glühen. Unschön. Aber, so schnell geben wir nicht auf: Helga schleppte um 22.00 Uhr eine ganze Reiseapotheke zu den queeren Kurzfilmen und bewarf unser jüngstes Jurymitglied mit allem was helfen könnte. Ob es geholfen hat, sehen wir heute am frühen Nachmittag. Wer Licht und positive Gedanken senden möchte, tut das bitte, wir sind dankbar.

Ai Wei Weis Instalation am Gendarmermarkt

 

Opfer anderer Art prägen seit heute eine der Touristenattraktionen in Berlin. Der Küstler Ai WeiWei hat das Konzerthaus am Berliner Gendarmenmarkt für die „Cinema for Peace”-Gala mit Hilfe von tausenden in Lampedusa von Menschen zurück gelassenen Schwimmwesten in ein zutiefst bewegendes Mahnmal für die Toten der Flüchtlingskrise verwandelt. Wir sehen im Moment nicht viel außer Filmen, aber das gucken auch wir uns an. Schon, weil auch die Berlinale tief unter dem Eindruck der Flüchtlingskrise steht. Wir haben seit Beginn des Festivals viele Filme gesehen, in denen queere Flüchtlinge oder Heimatvertriebene vorkommen und es ist schön, wenn das aktuell Politische zu treffend künstlerisch umgesetzt wird. Heute ist allerdings, nachdem Helga und Paul in der Pressekonferenz zu Alone in Berlin Emma Thompson angebetet haben, mehr oder weniger unser französischer Tag. Wir schauen Folgendes:

Männer Jury Tag Fünf: Die Filme

1. Théo et Hugo dans le meme bateau/Paris 05:59

In einem Sex-Club treffen die Körper von Théo und Hugo aufeinander. Sie tauschen sich aus, verschwimmen in der Unschärfe eines hemmungslosen Verlangens, nehmen im Wechsel ihrer Blicke Gestalt an, um sich erneut zu erkunden und zu verlieren. Wenige Momente später zieht es die beiden jungen Männer nach draußen. Gemeinsam lassen sie sich durch die leergefegten Straßen im nächtlichen Paris treiben. Unvermittelt werden sie hier mit einer Realität konfrontiert, die ihre Freiheit und Ziellosigkeit aushebelt und jedem weiteren Schritt eine Ratlosigkeit von existenziellem Ausmaß verleiht: Möchten sie mehr voneinander erfahren? Wird Vertrauen belohnt werden? Was erwartet sie? Mit meisterhaftem Feingefühl lassen Olivier Ducastel und Jacques Martineau uns daran teilhaben, wie zwei Männer in einer tiefen gegenseitigen Verunsicherung stranden und dennoch nach Nähe suchen. Ihre beiden Hauptdarsteller verzaubern mit großem Einfühlungsvermögen und umwerfendem Charme.

2. Quand on a 17 ans/Being 17

Damien und Thomas gehen in dieselbe Gymnasialklasse – und mögen sich ganz und gar nicht. Sobald Worte nicht mehr genügen, um sich gegenseitig zu verletzen, prügeln sie aufeinander ein. Dabei könnten sie Freunde sein: Damien, der Sohn der Landärztin Marianne und eines Militärfliegers, der gerade im Auslandseinsatz ist, und Thomas, Adoptivsohn mit maghrebinischen Wurzeln, der in einer Bauernfamilie auf einem abgelegenen Berghof lebt. Als die Bäuerin nach mehreren Fehlgeburten wieder ein Kind erwartet und einer komplizierten Schwangerschaft entgegensieht, nimmt Marianne den verschlossenen Jungen für eine Weile bei sich auf. Damien und Thomas müssen nun unter einem Dach leben …
In seinem neuen Film behandelt André Téchiné, der mit Filmen wie Les temps qui changent (2005) und Les témoins (Die Zeugen, 2007) schon mehrfach im Wettbewerb der Berlinale vertreten war, das Aufwachsen in verschiedenen sozialen Milieus, die Verwirrungen der Jugend und die Erziehung der Gefühle. Ein raues südwestfranzösisches Bergdorf im Wechsel der Jahreszeiten wird zur Seelenlandschaft für die zwischen Ablehnung und Anziehung changierende Beziehung zweier junger Männer.

3. Jonathan

Der 23-jährige Jonathan bewirtschaftet mit seiner Tante Martha einen Bauernhof und kümmert sich aufopferungsvoll um seinen krebskranken Vater Burghardt, der die Bemühungen des Sohnes allerdings immer wieder störrisch sabotiert, mit seiner Hinfälligkeit hadert und sich einen Tod in Würde wünscht. Jonathan ist zunehmend überfordert, bis die junge Pflegekraft Anka als Unterstützung engagiert wird. Jonathan und Anka verlieben sich ineinander und Jonathan gewinnt durch Ankas Hospiz-Erfahrung einen neuen Zugang zur Situation seines Vaters. Als Burghardts verschollen geglaubter Jugendfreund Ron auftaucht, verbessert sich sein gesundheitlicher Zustand sichtlich. Gegen den Widerstand der Familie, die Ron als Eindringling empfindet, bleibt der an Burghardts Seite. Jonathan erfährt, dass sein Vater und Ron vor vielen Jahren ineinander die große Liebe fanden. Damit bricht für ihn die Fassade sorgsam gehüteter familiärer Vorstellungen zusammen und lange unterdrückte Geheimnisse werden enthüllt – aber Jonathan lernt auch, sich von seinem Vater zu lösen und dessen Tod als etwas zu akzeptieren, das ihm den Weg zu einem selbstbestimmten Leben eröffnet.

"Jonathan", Foto: Jeremy Rousse

„Jonathan”, Foto: Jeremy Rousse

Ledwina ist, als unsere Expertin für Post-Porn-Cinema, auf die ersten fünfzehn Minuten von „Théo et Hugo …” schon sehr gespannt, die Paul, der den Film schon gesehen hat, als „wie die erste halbe Stunde von ‘Saving Private Ryan’, nur mit Ficken statt Krieg”, beschreibt.

Wie immer ein kurzer Hinweis in eigener Sache: Anlässlich der bevorstehenden 30. Teddy Awards bieten wir außerdem ein besonderes MÄNNER-Abo an: Alle, die bis einschließlich 21. Februar 2016, dem Ende der Berlinale, ein Print-Abo für unser Heft abschließen (egal ob für 3 oder für 12 Monate), erhalten das PocketMag (die digitale Version von MÄNNER) gratis dazu – das digitale Jahresabo kostet sonst 44,99 EUR im Jahr. Unser Teddy-Angebot gilt für alle, die in den letzten drei Monaten kein MÄNNER-Abonnent waren.

Bilder: Imago, Future Image, Maxence Germain © Ecce Films

 


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