Addicted TV Serie

China setzt schwule Fernsehserie ab

Die High-School-Serie "Süchtig" ist in nur zwei Monaten zum Massenphänomen geworden. Jetzt haben die Behörden eingegriffen gegen die Darstellung "abnormaler Sexualität"

In Chinas streng kontrollierter Medienlandschaft tauchte Anfang des Jahres die erste schwule Fernsehserie des Landes auf. Titel: „Addicted“ oder „Süchtig“. Das beschreibt recht gut die unmittelbare Wirkung, die die 15 Teile von Staffel 1 auf junge Zuschauer hatte. Es handelt sich um eine im modernen China spielende High-School-Geschichte, die von vier schwulen Schülern erzählt. Diese Woche verschwand die Serie nun ohne Vorwarnung von den Streaming-Diensten und aus dem Internet, nach nur zwölf Folgen. Der vorzeitige Abbruch brachte eingeschworene Fans in Rage. Sie fragen sich: Warum? Laut chinesischen Medienberichten ging der Zensur die Darstellung von „abnormalem sexuellem Verhalten“ zu weit, und die „romantischen Beziehungen zwischen Minderjährigen“ wurden als unakzeptabel empfunden. Ob die fehlenden drei Folgen jemals ausgestrahlt werden?

Chinesische Schüler entdecken die Liebe zueinander: Szene aus "Süchtig"/"Addicted". (Screenshot)

Chinesische Schüler entdecken die Liebe zueinander: Szene aus „Süchtig”/”Addicted”. (Screenshot)

Die Serie basiert auf einem Drehbuch der bekannten Autorin Chai Ji Dan. Eine Verfilmung ihres Buchs „Ni Xi“ wurde letztes Jahr in China zum Blockbuster. Dass „Süchtig“ jetzt so spurlos verschwand, hat vor allem im Internet heftige Diskussionen ausgelöst. Ein Kommentator auf dem Mikroblogging-Dienst Weibo.com schrieb: „Klar, es gibt Millionen von Gründen, mit denen man diese Aktion verschleiern könnte; aber die Wahrheit ist, dass die Regierung Angst vor schwulen Themen hat.“ Ein anderer Kommentator meinte: „Ich hatte befürchtet, dass die Serie vorzeitig entfernt werden könnte, aber trotzdem macht es mich traurig, dass es jetzt tatsächlich passiert ist. Wann wird unsere Gesellschaft endlich multikulturell und tolerant?“

China schwul TV

Klassenzimmerszene aus „Süchtig”/”Addicted”. (Screenshot)

Die englischsprachige Online-Zeitung „South China Morning Post“ aus Hongkong zitiert die Autorin Cindy Li, die für eine unabhängige Medienwebsite arbeitet. Für sie war „Süchtig“ das jüngste Beispiel eines LGBTI-Programms, das in China ein Massenpublikum fasziniert: „Speziell junge Frauen, die nach 1995 geboren wurden, interessieren sich für diese Art von Serien und Romanen, sie sind neugierig und wollen mehr über schwule Liebe wissen“, meint Li. Man kann das vergleichen mit dem Massenphänomen Yaoi, den japanischen Boy-Love-Mangas, die von heterosexuellen Frauen für heterosexuelle Leserinnen geschrieben werden, die von den tragischen schwulen Liebesgeschichten nicht genug bekommen können, auch in Deutschland. Das Phänomen kennt man hierzulande außerdem von den „Porno Muttis“, die sich zu Fanclubs zusammenschließen, um schwule Stars von Studios wie Cocky Boys oder Icon Male anzuhimmeln. Sehr zum Ärger ihrer Ehemänner.

Die jugendlichen Hauptdarsteller von „Süchtig“ sind in nur zwei Monaten zu Berühmtheiten geworden, für die eigene Fan-Sites eingerichtet wurden und die man auf den Covern von Modemagazinen wiederfinden konnte.

Erst letzte Woche wurden zwei der Schauspieler auf Sina.com interviewt – und zogen zwei Millionen Zuschauer(innen) an. Laut Li sind einige der Schauspieler mit diesen schwulen High-School-Rollen so populär geworden, dass Fans bis zu 10.000 Yuan (zirka 1.350 Euro) für Tickets ausgaben, um sie bei einem Event leibhaftig zu treffen. „Verrückte Fans baten die Schauspieler sich zu küssen, was diese taten. Das löste Hysterie bei den Zuschauerinnen aus.“

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Leidenschaftlicher Kuss wie in einem Yaoi-Manga: Szene aus „Süchtig”/”Addicted”. (Screenshot)

China ist grundsätzlich tolerant in Bezug auf Homosexualität, meint die „South China Morning Post“. Sie erinnert aber daran, dass Homosexualität bis 2001 in China als „geistige Störung“ eingestuft wurde. Auch wenn Homosexualität in der Volksrepublik nicht kriminalisiert ist, sind LGBTI-Menschen enormem sozialen Druck von ihren Familien ausgesetzt. Viele outen sich nicht, aus Angst um ihre Karrieren. Ein Kommentator auf der „South China Morning Post“-Website meint:

„Es gibt so viele großartige Dinge, die China vom Westen lernen könnte. Stattdessen hat sich das Land entschlossen, sich ausgerechnet an westlicher Homophobie zu orientieren.“

Im gleichen Monat, wo „Süchtig“ startete, reichte in Changsha – der Hauptstadt der chinesischen Provinz Hunan – ein 26-jähriger schwuler Mann eine Klage gegen das Standesamt ein, weil es ihm das Recht absprach zu heiraten. Man darf gespannt sein, wie sich die Situation weiterentwickeln wird. Einen Eindruck von der Serie und den sehr charismatischen Darstellern bekommt man in diesem YouTube-Clip.


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