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„Der Freier ist König“

Die geplante Kondompflicht läuft ins Leere

Vergangene Woche haben sich Familienpolitiker von Union und SPD auf einen Gesetzesentwurf zum Schutz von Prostituierten geeinigt. Künftig soll sich strafbar machen, wer beim Besuch von Prostituierten Sex ohne Kondom hat. Die Strafen gehen bis 50.000 Euro.

von Gottfried Lorenz

Lorenz studierte Geschichte, Germanistik, Soziologie und Skandinavistik und promovierte in neuerer Geschichte. Als Autor veröffentlichte er mehrere Bücher, u.a. zur Geschichte der Homosexuellen in Hamburg von 1919 bis in die Gegenwart

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Dr. Gottfried Lorenz (Foto: privat)

 

Die Erforschung der schwulen Internet-Prostitution steckt in den Anfängen. Dies liegt an der Schwierigkeit, mit Internet-Escorts in Kontakt zu kommen. Enthalten ihre Escort-Profile auch Fotos der Geschlechtsorgane Penis und Po sowie detaillierte Angaben zu den sexuellen Angeboten, so ist der Mensch hinter dem Profil nicht greifbar.

Meine Versuche, mit Hilfe einer neutralen Anzeige auf einschlägigen Internetseiten in Kontakt mit Escorts zu kommen, waren erfolglos. Deshalb entschloss ich mich im Jahre 2006, bei GayRomeo-Escorts ein eigenes Profil zu schalten, um mit den Internet-Escorts auf Augenhöhe kommunizieren und aus eigener Anschauung Aussagen über die mann-männliche Internet-Prostitution machen zu können. Dabei interessierten mich beide Seiten prostitutiver Tätigkeit: die des Anbieters und die des Nutzers. Mein Alter spielt in der Szene keine negative Rolle, erweckt eher Neugier. Auf Grund des Escort-Profils war und ist es mir möglich, Kontakte zu Escorts zu knüpfen. Mit fünf von ihnen bin ich seit Jahren gut bekannt, mit einem befreundet. Ihre Aussagen sind vertrauenswürdig; sie decken sich, obwohl sich die Männer nicht kennen. Und ihre Berichte sind identisch mit dem, was mir rund hundert weitere Dienstleister mitgeteilt haben.

Der Anteil der konsequent safer Sex verlangenden Dienstleister beträgt etwa ein Drittel.

Was meine Kontakte anbelangt, gibt es einige, die strikt auf Kondomen bestehen und diese auch dann benutzen, wenn die Gäste es lieber ohen Kondome machten. Der Anteil dieser konsequent safer Sex verlangenden Dienstleister beträgt etwa ein Drittel. Ein weiteres Drittel bietet als Dienstleister Barebacksex an. Das restliche Drittel macht, was gewünscht wird – und wenn die Bezahlung stimmt.

Der Anteil der HIV-positiven Dienstleister und die Ansteckung durch sie ist nicht allzu hoch. Wer positiv ist, wird dies bei Kontaktverhandlungen sagen, um nicht haftbar gemacht werden zu können. Ein bewusstes Pozzen durch männliche Dienstleister ist sicherlich möglich, aber gezielte Anfragen werden nur selten zustimmend beschieden.

Die Dunkelziffer bei der gesamten Thematik ist hoch.

Prostitution ist ein Geschäft; der Dienstleister will verdienen – und dafür geht er (je nach wirtschaftlicher Situation) auch Risiken ein, vor allem dann, wenn „die Kasse stimmt”. Da die Internet- Dienstleister aber wirtschaftlich oft unabhängig und als Prostituierte nur im Nebenjob tätig sind, ist für sie Bareback-Verkehr nicht existenznotwendig.

Das vorgeschlagene Kondomverbot der Regierung ist ein Gesetz, das die Realitäten nicht kennt und nicht wahrnimmt.

Was die Freierseite anbelangt, so wird sehr oft Verkehr ohne Kondome gewünscht. Und selbst wenn man als Dienstleister auf die Risiken hinweist und wenn die Freier verheiratet sind oder in Partnerschafte leben, glauben sie unbesehen den Versicherungen der Dienstleister, HIV-negativ zu sein.

Das vorgeschlagene Kondomverbot der Regierung ist wieder ein Gesetz, das die Realitäten nicht kennt und nicht wahrnimmt. Man kann in Bordellen Kondompflicht verordnen – aber wie will man sie kontrollieren? Will man Überwachungskameras über den Liegen installieren? Und da es im mann-männlichen Bereich kaum noch Bordelle gibt, läuft ein solches Gesetz ohnehin ins Leere. Der größte Teil der mann-männlichen Internetprostitution läuft über private Einzelkontakte. Und da kann man viel verordnen. Oder wie es einer der Dienstleister zum geplanten Kondomverbot ausdrückte: „Ich mache weiter wie bisher, der Freier ist König, mit oder ohne – wenn er entsprechend bezahlt!”

Titelbild: Imago/Imagebroker (Unser Bild zeigt den Straßenstrich in San Francisco)


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