05_Orientalisme #3 by Eric Lanuit

Moderner Orientalismus: Darf man das?

Fotograf Eric Lanuit stellt in Paris seine neuesten Arbeiten vor: politische Provokation, erotischer Edelkitsch, post-kolonialer Sexismus oder alles gleichzeitig?

Der französische Fotograf Eric Lanuit wurde 1965 in Paris geboren und bringt seit vielen Jahren schwule Zeitschriften heraus, die evokative Titel haben wie Men Addicted oder AYOR Magazine. Im März wird er in einer Pariser Galerie erstmals seine neueste Fotoserie vorstellen. Sie heißt die „Orientalisme“ und tut all das, was man als politisch korrekter Schwuler heutzutage eigentlich nicht tun sollte.

Der Künstler und Magazinmacher Eric Lanuit. (Foto: Christophe Lecromps)

Der Künstler und Magazinmacher Eric Lanuit. (Foto: Christophe Lecromps)

Du zeigst in deiner neue Serie Männer, deren Kostüme und Posen inspiriert sind von der kunstgeschichtlichen Orientalismus-Mode des 19. Jahrhunderts. Warum wolltest du solche Neo-Orientalismus-Bilder machen, wo es doch so viel Kritik gibt am „post-kolonialen“ Blick, über den momentan heftig debattiert wird, auch in der LGBTI-Community?
Seit ich als Kind erstmals im Louvre war, bin ich verliebt in diese orientalischen Historienbilder. Sie sind umweht von einer Aura des Exotischen, Mysteriösen, Sinnlichen und Erotischen. Das hat mich schon immer angezogen. Es gibt in diesen Bildern aber auch die Ebene des Vulgären und Kitschigen, die ebenfalls fester Bestandteil der Orientalismus-Bewegung ist. Die Ebene finde ich genauso ansprechend. (lacht) Deshalb wollte ich als schwuler Künstler meine eigene homoerotische Interpretation dieser Kunstströmung des 19. Jahrhunderts präsentieren, im Jahr 2016. Mein Wissen über Geschichte und Politik ist nicht umfassend genug, um eine echte Meinung zu den erwähnten post-kolonialen Kontroversen zu haben. Wir sprechen hier von Kunst, und man kann diese ästhetisch, künstlerisch und kulturell interessanten Orientalismus-Gemälde nicht aus Museen oder der allgemeinen Erinnerung entfernen, nur wegen der Kolonialismusdebatte. Und man kann auch niemandem verbieten, die entsprechenden Fantasien nach wie vor aufregend zu finden, bloß weil es manchen Leuten politisch nicht genehm scheint. So funktioniert Sexualität nicht.

Bild aus der Serie "Orientalisme" von Eric Lanuit.

Bild aus der Serie „Orientalisme” von Eric Lanuit.

Im 19. Jahrhundert und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde der Orient als erotisch aufgeladener Fantasieort betrachtet. Nachdem der „War On Terror“ begann, hat sich diese Traumwelt mehr oder weniger in Luft aufgelöst, oder?
Wenn wir vom Orient in Nordafrika und im Mittleren Osten sprechen, so ist es meine tiefe Überzeugung, dass dessen Magie und Erotik bei vielen Menschen als Assoziationsebene immer noch funktioniert, besonders in touristischen Hot Spots wie Marokko, Tunesien, Ägypten und der Türkei. Die Farben des Lichts, die Gastronomie, Musik, Kultur, Architektur, Landschaft, Düfte und Menschen evozieren nach wie vor jene magische Welt, die die Maler des 19. Jahrhunderts angezogen hat.

Daran kann die aktuelle politische Situation und daran können die homophoben Gesetze in vielen dieser Länder nichts ändern. Sie können auch nicht das homoerotische Erbe ausradieren.

Es gab zuletzt viele Diskussion, wer wen wie darstellen darf: Ein weißer russischer Sänger durfte sein Gesicht nicht Schwarz anmalen, um an der Metropolitan Opera in New York den Otello zu singen, weil das angeblich despektierlich gegenüber „People of Color“ sei. Die anglo-amerikanische Gilbert & Sullivan Society hat aus dem gleichen Grund eine Produktion von „Der Mikado“ abgesagt, weil man den Darstellern vorwarf, rassistisches „Yellow Face“ zu zeigen, wenn sie sich als Asiaten verkleiden. Du verkleidest deine Modelle als aufreizende Orientalen.
Ich sehe nicht, was daran despektierlich sein könnte, einen Mann in arabischer Kleidung in einem orientalischen Setting zu fotografieren. Ich will in meiner Serie keine „echten“ arabischen Männer zeigen, alle Fotos sind inspiriert von historischen Vorbildern. Wir sprechen von Kunst und Schönheitsidealen. Wenn jemand meine Arbeiten als „despektierlich“ einordnen möchte, kann ich das nicht ändern. Aber es ist für mich eine überflüssige Diskussion. Beleidigt eine Drag Queen das Ansehen von Frauen? Ich glaube nicht.

Homoerotischer Fantasie-Orient: Bild aus "Orientalisme" von Eric Lanuit.

Homoerotischer Fantasie-Orient: Bild aus „Orientalisme” von Eric Lanuit.

Als unlängst ein Blog deine Bilderserie vorstellte, schrieb ein Kommentator, deine Fotos sähen aus wie eine „orientalische Drag Show“. Siehst du Drag als etwas Positives?
(lacht) Ich bin sicher, dass der Kommentator das nicht positiv gemeint hat. Ein anderer Kommentator meinte, dass er sich als arabischer Mann in meinen Bildern nicht wiedererkennen könne. Natürlich nicht. Es wäre ja furchtbar, wenn er das könnte! Die Bilder zeigen eine Traumwelt: sie sind ein homoerotisches Märchen. Ob das damit gleich orientalischer Drag ist? Auch das ist eine sehr persönliche Frage. Für mich ist es keine Drag Show. Allerdings liebe ich Drag Queens: ihre Kreativität, ihren Humor, ihr Talent und die Art und Weise, wie sie für LGBTI-Rechte kämpfen. Insofern würde ich den Drag-Vergleich im Zweifelsfall als Kompliment nehmen.

Du wirst deine Bilder in Paris zeigen. Gab es schon Reaktionen von der arabisch-stämmigen Community in Frankreich?
Bis jetzt kaum. (lacht) Die wenigen Reaktionen von schwulen arabischen Männern in Frankreich waren aber positiv.

Mir ist jedoch klar, dass ein streng religiöser Hetero-Muslim die Fotoserie nicht gutheißen wird. Aber er wird sowieso jegliche homoerotische Kunst ablehnen.

Da sind sich doch schlussendlich alle religiösen Extremisten einig, egal zu welcher Glaubensgemeinschaft sie gehören. Religion ist eine der Geißeln der Menschheit, sie tötet das menschliche Gehirn ab.

Stillleben mit nacktem Mann aus der Serie "Orientalisme" von Eric Lanuit.

Stillleben mit nacktem Mann aus der Serie „Orientalisme” von Eric Lanuit.

Die Serie wird im Buchladen/Galerie Les Mots à la Bouche zu sehen sein. Glaubst du, man könnte sie auch bei einer Kunstmesse in Dubai oder Doha zeigen?
Nein, auf keinen Fall. Das verhindern schon die Gesetze in diesen Ländern. Als schwuler Mann boykottiere ich grundsätzlich alle Staaten, die Homosexualität kriminalisieren. Damit beraube ich mich zwar der Möglichkeit, viele dieser wunderschönen Länder und Kulturen zu besuchen. Aber ich würde auf keinen Fall irgendwo hinreisen, wo ich wegen meiner sexuellen Orientierung im Gefängnis landen könnte. Vielleicht sind meine Bilder eine Art Ersatz, um mit meinen Sehnsüchten und Fantasien umzugehen.

Gibt’s einen Soundtrack, der zu deinen Bildern passt?
Absolut: „Mozart l’Egyptien“ von Milen Natchev.


11 Kommentare

  1. Bernd Hoffmann

    Orientalische Männer finde ich sehr Erotisch,und es solte keine rolle spielen ob es politisch korekt ist oder nicht.Der Sexuellen Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.Ich finde die Bilder sehr anregent,würde sehr gerne mehr von den Bildern sehen!

  2. Paul Riedel

    Männer sind Männer. Ich denke, Homosexuell zu sein, bietet uns andere Grenzen, die weit über die politische Grenzen liegen. Wir sollten die Einheit der Männer propagieren und nicht der Krieg.
    Darum finde ich diese Bildern einfach toll und hoffentlich finden einige darin eine neue Inspiration

  3. Rene Fricke

    Männer sind Männer ich frage mich immer wieso man den Penis nich sehen kann bei diesen Bilder da ist immer was drauf so wie Tücher oder das Bild ist dunkel bei Frauen kann man auch immer alles sehen wieso nicht bei Männer der Penis ist nun mal da und gehört zum Mann dazu

  4. Rene Fricke

    Michael Felix Leopold ich denke das man denn penis sehen kann das macht den Mann doch erst aus ob klein oder groß geil sind sie alle für mich ist es geil wenn man ihn sehen kann

  5. Rene Fricke

    Ja das ist richtig aber das ist immer so das man beim Mann nicht alles sehen kann ob Film oder Bild ist nicht böse gemeint 80 Prozent ist er immer nicht zu sehen ??


Schreibe einen neuen Kommentar



Likes & Shares

Durch die fortgesetzte Nutzung der Website erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. mehr Info

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close