Freier Fall

Freier Fall: So war die Premiere

Intensive Momente auf intimer Bühne

Erstmal ist man ganz weit weg vom Film – inhaltlich und stilistisch. Marc und Bettina ziehen in ihr neues Heim. Einen Tisch und zwei Stühle ziehen sie auf einem großen Teppich hinter sich her, richten sich in der Mitte der kleinen Theaterbühne ein. Vorn und hinten sitzen die Zuschauer; sie werden kurzerhand zu Nachbarn erklärt, die mit „Kartoffelsalat für alle“ versorgt werden. Dass dann eine Tüte Haribo durch die Reihen wandert, spielt keine Rolle. Die Zuschauer hat das junge Paar auf seiner Seite, das sich frisch verliebt und etwas überdreht den Nachbarn vorstellt. Und sie erwarten ein Kind. Das ist der Grund, warum sie in das Haus von Marcs Eltern ziehen. Die hier nur erzählt werden. Das Liebesdrama „Freier Fall“ ist reduziert auf drei Personen. Das ist bei einer  Dreiecksgeschichte konsequent. Fehlt also nur noch der Dritte – Kay -, der die Idylle stört.

Freier Fall Theater

Staatstheater Nürnberg (von links im Bild:
Stefan Willi Wang, Julian Keck, Karen Dahmen)

Kay und Marc, die beiden Polizisten (im Film gespielt von Max Riemelt und Hanno Koffler – hier geht’s zum MÄNNER-Interview), lernen sich bei einer Fortbildung kennen. Erst geht der forsche Kay dem sanften Marc ziemlich auf die Nerven, er ist sehr direkt und körperlich. Es kommt bald zu Annäherungen, zum ersten Überrumpelungskuss, den Marc noch erschrocken ablehnt. Doch beim gemeinsamen Joggen im Wald passiert es dann. Sie fallen übereinander her, leidenschaftlich, hungrig. Es bleibt nicht beim einen Mal.

Marc will glauben, dass sich nichts verändert hat

Je näher sich die beiden kommen, umso mehr leidet die Beziehung zur mittlerweile kugelrunden Bettina. Sie will eine Aussprache erzwingen, weil sich Marc immer mehr zurückzieht. Mit Sex versucht er sie – und vor allem sich selbst – zu überzeugen, dass sich nichts verändert hat. Schwul? Er doch nicht! Es kommt zum Eklat, und in diesem Moment setzen die Wehen ein. Das ist der Wendepunkt.

So einfach lässt sich Kay nicht abservieren

Als Vater, der Marc nun ist, will er seine Familie retten. Was mit Kay passiert ist, will er als Ausrutscher abtun. Doch Kay ist verliebt. So einfach lässt er sich nicht abservieren. Es ist kein Zufall, dass er anfangs bei einer Polizei-Übung den Störenfried spielt, der versucht eine Menschenkette – deren Teil auch Marc ist – zu durchbrechen.

Marc verliert buchstäblich den Boden unter den Füßen

Mit den wenigen Mitteln, mit reduzierten Requisiten erreicht Regisseur Karsten Dahlem maximale Wirkung. Mit der Geburt von Bettinas und Marcs Kind werden Tisch und Stühle zur Kinderkrippe umfunktioniert. Eine im Dunkeln angestrahlte Wasserflasche suggeriert das Schwimmbecken im Hallenbad, wo sich Marc und Kay eines Nachts treffen. Und als Bettina von der Beziehung zwischen den Männern erfährt und vorübergehend zu einer Freundin zieht, wird der Teppich, der von Beginn das Heim der jungen Familie andeutete, weggezogen – Marc verliert buchstäblich den Boden unter den Füßen.

Immer wieder Verweise auf den Film 

Während Regisseur Dahlem, der schon am Drehbuch mitwirkte, hier bewusst auf Theatermittel setzt, verweist seine Nürnberger Inszenierung immer auch wieder auf den Film. Um Settings zu etablieren, werden sie stichwortartig von den Darstellern eingeführt – „Außen – Wald – Abend“ – das ist Drehbuchsprache. Es gelingt Dahlem offenbar nicht, sich von der Filmvorlage zu trennen. Aber vielleicht wollte er das auch nicht. 

Freier Fall Theater

Staatstheater Nürnberg (von links im Bild:
Stefan Willi Wang, Julian Keck)

Ein Schwachpunkt der Inszenierung ist leider die Rolle der Bettina. Wie schon im Film gelingt es nicht, die Beziehung mit Marc so überzeugend darzustellen, als dass man Kay als Eindringling begreifen würde – das ist das Prinzip von Dreiecksgeschichten. Vielmehr wünscht man sich von Beginn an, dass Marc seine Freundin für ihn verlässt. Aber vielleicht nehmen das heterosexuelle Zuschauer anders wahr. 

Intensive Begegnungen zum Greifen nahe

Ganz stark an diesem Abend, den MÄNNER als Medienpartner begleitet hat, sind die beiden männlichen Hauptdarsteller, Julian Keck als Marc und Stefan Willi Wang als Kay. Die Intensität ihrer Begegnungen – vom Kennenlernen über ihre heimlichen Treffen bis hin zum schmerzlichen Abschied – werden durch die unmittelbare Nähe zum Publikum ganz anders erlebbar und geradezu greifbar. Besonders im dritten entscheidenden Akt wird der Abend kraftvoll und stark. Das Premierenpublikum belohnt die Darsteller und ihren Regisseur mit lang anhaltendem Applaus.

 

Weitere Termine unter:

www.staatstheater.nuernberg.de

Fotos: Staatstheater Nürnberg


30 Kommentare

  1. gaycon.de

    Nach der erfolgreichen Uraufführung des Theaterstücks „Freier Fall“ in der BlackBox-Bühne des Nürnberger Schauspielhauses: Die Schauspieler Stefan Willi Wang (Kay), Julian Keck (Marc), Karen Dahmen (Bettina) und Regisseur Karsten Dahlem. Infos, Termine und Interview mit dem Regisseur sind auf http://www.gaycon.de online!


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