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Imam traut schwule Paare

Daayiee Abdullah praktiziert fortschrittlichen Islam, der sich gegen Geschlechtertrennung in Moscheen stellt

Der Islam und Homosexualität passen wunderbar zusammen, findet Daayiee Abdullah. Der schwule Imam aus Washington traut Männerpaare und feiert Totenrituale für Muslime, die an AIDS gestorben sind – zum Ärger vieler Glaubensbrüder. Mit seiner LGBTI-freundlichen Online-Schule will er zeigen: Der Koran lässt sich großzügig interpretieren

Interview: Dorsy Baumgartner

Daayiee Abdullah, was bedeutet Ihnen der Koran?

Ich werde oft gefrag, ob ich an Allah und an das Wunder des Korans glaube. Ich antworte mit Ja, was gleich die nächste Frage auslöst, warum ich dann nicht genau so wie alle anderen handle. Meine Gegenfrage lautet: Wo hast Du Dein Kamel geparkt? Die Strategie, beim Bewährten zu bleiben, ist tief in uns verwurzelt. Es ist Zeit für Veränderungen. Ich möchte nicht, dass der Koran allein als theoretisches Regelwerk angesehen wird. Aufgabe des Instituts ist es, das ganze Bild zu zeigen und ein breites Spektrum an Traditionen und Denkweisen zu vertreten. Der Islam bietet Raum für Interpretation. Außerdem möchte ich meinen Allah nicht in eine kleine Box packen. Ich möchte den Koran nicht verändern, doch ich fasse seine Wahrheit in einem größeren Rahmen auf. Es ist wie das Minarett einer Moschee. Wenn man an der untersten Stufe steht, lernt man die Basis. Hat man diese verstanden, arbeitet man sich Stufe für Stufe nach oben. Je höher man geht, desto weiter ist die Sicht.

Sie haben vor zwei Jahren angefangen und können erste Erfolge verbuchen.

Im Januar 2014 hatte ich die Vision, ein Zentrum zu schaffen, wo Menschen, egal ob Muslim oder Nicht-Muslim, Frauen, Männer oder sexuelle Minderheiten, ohne Hindernisse Islamwissenschaften studieren können. Das virtuelle Klassenzimmer bot sich an, weil es die günstigste Lösung war. Hinzu kommt, dass ich Vielfalt als Vorteil nutzen wollte. Teilnehmer aus aller Welt entscheiden, was sich auf der Plattform abspielt. Die Dozenten sind Imame aus China, Südamerika oder Australien. Anfangs arbeiteten sie hauptsächlich auf freiwilliger Basis. Jetzt bekommt jeder ein Gehalt, und im Herbst starten wir ein Zweijahresprogramm, das einen Masters Abschluss ermöglicht.

Imam schwul

Daayiee Abdullah traut Männerpaare und feiert Totenrituale für Muslime, die an AIDS gestorben sind (Foto: privat)

Was ist mittelfristig Ihr Ziel?

Wir wollen 100 Imame bis 2022 zertifizieren. Parallel arbeiten wir an neuen Programmen, die außer der Lehre und Philosophie des Islams weitere akademische Schwerpunkte anbieten. Dabei ist es wichtig, dass wir den Dialog zwischen den Menschen fördern. Kommunikation ist ein kreativer Prozess und die Chef-Taste liegt nicht nur auf einer Seite des Internets.

Sie sind in einer christlichen Baptistenfamilie aufgewachsen. Was brachte Sie zum Islam?

Meine Eltern legten großen Wert auf Bildung und haben mich nicht gezwungen, eine bestimmte Religion zu leben, sondern nur Wert darauf gelegt, dass ich verstehe, dass es etwas Mächtigeres als den Menschen gibt. Ich wollte schon als kleiner Junge Klarheit finden, aber die baptistische Sonntagsschule konnte meine Neugier nicht befriedigen. Ich bin in Detroit aufgewachsen, und die Stadt war bereits damals multikulti. Ich kam mit vielen Glaubensrichtungen in Berührung, besuchte Synagogen, katholische Kirchen oder Hindu-Tempel. Als junger Mann reiste ich nach Kalifornien. Dort habe ich den Buddhismus und den Zusammenhang zwischen Körper, Geist und Seele durch Chanting erfahren.

Sie waren auch länger in China.

Anfang der 80er Jahre hatte ich einen wiederkehrenden Traum, dass ich nach China muss. 1983 machte ich mich auf den Weg und studierte die chinesische Sprache und Literatur. Einer meiner Studienkollegen führte mich in die Rituale des Islam ein. Nachdem er versicherte, dass Schwulsein kein Problem war, setzte ich mich näher mit dem Koran auseinander. Ich habe inneren Frieden gefunden und gelernt besser zuzuhören. Ich wurde geduldiger. In anderen Religionen habe ich immer gebetet, um etwas zu bekommen, aber es ist nie erhört worden. Anders im Islam. Beim Pflichtgebet sind Zeiten, Ablauf und Inhalt genau vorgegeben. Beim rituellen Akt der Hingabe, als der sich Unterwerfende, beuge ich meinen Kopf auf und ab. Ein Gefühl, als würde ich meine Sorgen abgeben. Der Kopf wird geleert, danach kann ich Neues aufnehmen und bin offen für Inspiration.

Ich praktiziere einen fortschrittlichen Islam, der sich gegen die Geschlechtertrennung in der Moschee stellt

Das Thema Islam und Homosexualität ist kontrovers. Wie stellen Sie sich Ihrer Aufgabe als schwuler Imam?

Dass ich schwul bin, ist nebensächlich. Die Menschen, die mit mir beten, sehen mich als Führer ihrer Gemeinschaft und nicht als Homosexuellen. Ich praktiziere einen fortschrittlichen Islam, der sich gegen die Geschlechtertrennung in der Moschee stellt. Ich traue Schwule und Lesben und bin trotzdem ein gläubiger Muslim. Nicht Homosexualität sondern Vergewaltigung wird im Koran verfemt. Deshalb werde ich den Stellenwert von Sexualität im Koran im Gespräch mit Studenten weiter untersuchen. Das hilft hoffentlich, dass LGBTI-Muslime besser verstehen, dass alle Menschen von Natur aus so sind, wie sie sind – egal welche Hautfarbe sie haben, welches Geschlecht oder welche Orientierung.

Wie hat sich Ihr Glaube auf Ihre Beziehungen ausgewirkt?

Er war nie ein Thema, es handelte sich vielmehr um die typischen Partnerschaftsprobleme. Ich war zwei Jahre mit einem Mann zusammen, den ich sehr liebte, der sich aber öffentlich nicht bekennen wollte. Hinter verschlossenen Türen konnte ich nicht leben und wir haben uns getrennt. Es war hoffnungslos. Abschottung ist kein Weg für eine gute Partnerschaft, auch nicht für den Islam.

Das vollständige Interview steht in MÄNNER 2.2016.

Titelbild: privat


13 Kommentare

  1. Mario Irmscher

    Schock! Es gibt einen schwulen Imam? Es gibt schwule Prister und Pfarrer, Bischöfe und Päpste? Na das ist ja nun mal gar nicht am Leben vorbei…aber am mittelalterlichen Leben von Gläubigen schon. Relegionen haben schon immer Menschen verachtet, drum ist das mal ein positives Zeichen.


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