Klein

Der Märchenkönig und das Mannweib

Angela Steideles fantastischer Roman "Rosenstengel"

Kein Winter ohne Schal, Handschuhe und ein todsicheres Grippemittel, das dann doch wieder nicht hilft. Aber man benötigt noch ein weiteres Accessoire, um durch die rauen Monate zu kommen: den großen historischen Schmöker. Was gibt es Schöneres, als sich an einem rutschigen Winterabend ein paar hundert Seiten lang aus dieser Welt zu stehlen, um Matsch und Minusgrade zu vergessen? Angela Steidele geht in „Rosenstengel“ in die Vollen. Furios erzählt sie zwei kunstvoll ineinander verwobene Geschichten, die unterschiedlicher nicht sein könnten, und zwischen denen gut 150 Jahre liegen. Der eine Erzählstrang führt ins späte 19. Jahrhundert an den Hof von Ludwig II., dem schmucken Bayernkönig, der unübersehbar den Männern zugetan ist – Glööckler in Groß. Der andere Strang spielt im frühen 18.Jahrhundert und erzählt von einem gewissen Anastasius Rosenstengel, der zwar Frauen liebt – nur dass sich hinter der Fassade des attraktiven jungen Mannes ebenfalls eine Frau verbirgt. Heute würde man sagen: Eine queer positionierte Figur aus dem Jahr 1711.

 Ein schwuler Aristokrat im Hermelin, eine lesbische Frau in Männerkleidung

Ein schwuler Aristokrat im Hermelin, eine lesbische Frau in Männerkleidung, die der „Sodomiterey“ frönt, die heiratet und sich sogar als Soldat verdingt – und beide fest entschlossen, sich mit so etwas Albernem wie Realität nicht abzufinden. Der „Apoll auf dem Throne“ lebt nur für seine Märchenwelt aus Kunst, Musik und Pomp und die „gewitzte und verständige“ junge Frau sucht nach einer Freiheit, die in ihrer Zeit nur Männern zugestanden wird. Beide Stränge werden durch den historisch verbürgten jungen Psychiater Franz Carl Müller verbunden. Der vom König angehimmelte Arzt – „Er ist schön, der Knabe. Er ist göttlich, göttlich!“ – interessiert sich beruflich insbesondere für die Erforschung und Behandlung der Homosexualität. Bei seinen Studien stößt er auf die unglaubliche Lebensgeschichte der Catharina Linck, einem sogenannten Mannweib. Die Linck lässt sich nicht nur von den Musketieren anheuern, sondern heiratet sogar eine Frau – eine frühe Butch des 18. Jahrhunderts. Was der hübsche Arzt nicht weiß: Der Hof benutzt ihn als Spion, um den König auszuspionieren und als „Irrenarzt“ dessen geistige Unzurechnungsfähigkeit zu attestieren.

 Kaum zu glauben: Viele der Briefe und Dokumente sind echt

Angela Steidele fügt dieser ohnehin komplexen Komposition noch eine weitere Besonderheit hinzu: Der Roman besteht komplett aus Briefen in der Sprache der jeweiligen Zeit. Ludwig und Bismarck, Kaiserin Sisi, führende Psychiater der Zeit, berühmte Aufklärer, Pfarrer und Generäle kommen zu Wort. So weitet sich die große Erzählung zu einem atemberaubenden Panorama der (Irr-)Wege früher Sexualforschung und der Frauenemanzipation. Wir lesen Haarsträubendes über „homosexuale“ Gelüste und das Leben der „Conträrsexuellen“. Nicht zuletzt erhalten wir Einblicke in „Irrenanstalten“ und deren brutale Behandlungsmethoden, gegen die jedes Splattermovie wie eine Kinderparty wirkt.
Kaum zu glauben: Viele der Briefe und Dokumente sind echt und es macht großen Spaß, Vermutungen darüber anzustellen, was die Autorin erfunden oder ein wenig manipuliert hat. „Rosenstengel“ ist eine literarische Kostbarkeit: klug, faszinierend gebaut, anspruchsvoll, aber mit herrlich beiläufigem Witz. Das ist sicher kein Roman, den man nebenher wegschmökert. Man muss sich an die jeweiligen Sprachebenenen gewöhnen, aber dann üben sie einen Sog aus, dem man sich schwer entziehen kann. Wir empfehlen dazu ein gutes Sofa, Rotwein und Teegebäck.

Text: Matthias Frings

Angela Steidele: Rosenstengel, Verlag Matthes & Seitz, 383 Seiten, 28 Euro


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