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Die Schule von Sodom und Gomorrha

Ein Besuch im Open House for Pride and Tolerance in Jerusalem

Die Jerusalemer Einrichtung für Schwule, Lesben, Bisexuelle, Trans* und Inter* befindet sich am Rande einer Art Fußgängerzone, im 2. Stock. Schon von weitem sieht man vorm Fenster die Regenbogenflagge im Wind flattern. Es gab Zeiten, da verging kein Tag, ohne dass sie von Gegnern des Open House heruntergerissen oder angezündet wurde. Das ist in den vergangenen vier Jahren nicht mehr passiert. Was leider nicht bedeutet, dass das LGBTI-Community Center im Zentrum dreier Weltreligionen unumstritten wäre. Den ultraorthodoxen Politikern der Stadt ist die LGBTI-Einrichtung ein gewaltiger Dorn im Auge. „Die Schule von Sodom und Gomorrha“ gehört zu den milderen Beschimpfungen, die man für die Mitarbeiter auf Lager hat. Einmal im Jahr trifft sich der Rat der Stadt und stimmt unter anderem über die Verteilung von Fördergeldern an verschiedene Einrichtungen ab. Doch da die der weltlich eingestellte Bürgermeister Nir Barkat mit den Ultraorthodoxen regiert, gibt es einen eigenen Abstimmungsteil nur für das Open House.

Wenn abgestimmt werden soll, müssen die Religiösen plötzlich aufs Klo oder dringend telefonieren

„Die Vertreter der Religiösen sagen dort die schlimmsten homophoben Dinge, die man sich nur vorstellen kann“, erzählt Tom Canning mit einem Grinsen, das auf einen Sinn für Sarkasmus schließen lässt. Er ist als Director of Development zuständig für Auslandskontakte und die Akquise von Fördergeldern. „Wenn abgestimmt werden soll, müssen die Religiösen plötzlich aufs Klo oder dringend telefonieren. Sie gehen vor die Tür, und die Abstimmung erfolgt ohne sie.“

Jerusalem schwul

Tom Canning (Foto: privat)

Bis vor ein paar Jahren gab es überhaupt keine Fördergelder. Wenn die jüdische Gemeinde Nordamerikas nicht so spendierfreudig wäre, hätten die Aktivisten vom Open House nur einen Bruchteil ihrer wichtigen Arbeit machen können. Die Förderung mussten sich Toms Vorgänger in einem zehn Jahre dauernden Rechtsstreit hart erstreiten. Kurz nach Beginn des neuen Jahrtausends beantragte man Geld bei der Stadt. Andere Community Center bekamen etwas, das Open House nicht. Also erkundigte man sich nach dem Grund. Die Antwort lautet: Ihr erfüllt nicht die Bedingungen. Nachfrage: Was sind die Bedingungen? Antwort: Das müssen wir Euch nicht sagen.

Streng genommen mussten die Gemeindevertreter das tatsächlich nicht: Es war nicht gesetzlich geregelt, dass man seine Anforderungen für Förderungen offenlegt. Das Open House legte Rechtsmittel ein – und setzte eine nationale Reform in Kraft. Jetzt lagen die Förderkriterien zwar offen, aber Geld gab es von der Stadt immer noch nicht. Dafür ließ sich nun beweisen, dass ein Fall von Diskriminierung vorlag. Geld gab es trotzdem nicht. Die Stadt musste Strafe um Strafe zahlen, weil sie die Fördergelder verweigerte. Immer wieder. Vom früheren ultraorthodoxen Bürgermeister ist der Satz überliefert: Geld für die Homos gibt es nur über meine Leiche. Der neue Bürgermeister, weltlich eingestellt, will keinen Ärger. Nun fließen die Gelder, aber ihren Affentanz bei der Vergabe lassen sich die Orthodoxen nicht nehmen.

Jerusalem schwul

JOH: Gerahmtes Poster der israelischen ESC-Gewinnerin Dana International. „Gay rights are human rights“ – Schwulenrechte sind Menschenrechte.

 

Wut und Angst nach dem Attentat beim Pride 2015

Klar, dass der Pride hier eine besondere Bedeutung hat. Seit 2002 findet er in Jerusalem statt, und trotz des Messerattentats durch einen ultraorthodoxen Juden im vergangenen Sommer wird es auch 2016 wieder einen geben. Schon um den „Semi-Faschisten“, wie Tom sie nennt, keine Genugtuung zu verschaffen, die nach dem Attentat vor der einzigen Homo-Bar der Stadt protestierten. Sie priesen den Täter, um die traumatisierte Community noch weiter zu demütigen. Nach dem Pride herrschte viel Wut und Angst, und es ist auch den Mitarbeitern des Open House zu verdanken, dass sich alle besonnen verhielten. „Es war wichtig, die Wut auszudrücken, aber ohne mit dem Finger auf jemanden zu zeigen oder ganze Gruppen zu beschuldigen wegen der Tat eines einzelnen.“ Tom deutet auf eine Pinnwand, an der ein Zeitungsausschnitt hängt mit dem Foto der 16-jährigen Shira, die an den Folgen des Attentats starb. Daneben befinden sich Briefe und selbstgemalte Bilder, mit denen die Jerusalemer LGBTI-Gemeinde der Schülerin gedenkt. Die Polizisten nennt Tom Idioten. „Bei ihnen liegt die Schuld.“

Sogar Vertreter religiöser Schulen kamen zu uns und sagten: Bitte redet mit unseren Schülern

Kurz nach dem Attentat haben Tom und seine Kollegen ein Bildungsprogramm aus dem Boden gestampft. Sie gehen in Schulen, sprechen mit allen, die zuhören wollen. Oft wird ihnen der Kontakt mit Schülern verboten. Aber die Rückmeldungen seien positiv, sagt Tom. „Wenn wir erstmal die Gelegenheit haben, mit Lehrern zu sprechen, dann dauert es vielleicht noch ein Jahr oder zwei, und wir können mit Schülern sprechen. Es geht darum, einen Fuß in die Tür zu kriegen.“
Wenn Shira nicht umsonst gestorben ist, dann aus diesem Grund: In den Schulen gibt es ein neues Bewusstsein, dass man sich um das Thema Homophobie kümmern muss. „Sogar Vertreter religiöser Schulen kamen zu uns und sagten: Bitte redet mit unseren Schülern.“

Auch 2016 wird es wieder einen Pride geben

Darum ist es gar keine Frage: Auch 2016 findet ein Pride statt. Etwa 5000 Leute gehen hier für ihre Rechte auf die Straße. Tom ärgert es, dass nicht mehr kommen, wo doch im liberalen Tel Aviv jährlich 200.000 Besucher feiern. Und dort leben nur halb so viele Menschen wie hier. Selbst die Politiker, die sich gerne schwulenfreundlich geben, fahren nur nach Tel Aviv. Nicht mal Nir Barkat, Jerusalems neuer Bürgermeister, zeigt sich.

Auch wenn das Leben für Homo- und Transsexuelle in Jerusalem schwer ist: Tom wohnt gern hier. „Wir haben eine sehr starke Community, einen großen Zusammenhalt. Alle kennen sich.“ Von der Kommunalregierung erwartet er, dass sie dafür sorgt, dass Schwule und Lesben hier in Sicherheit leben können. „Denn wenn die Stadt gut ist für LGBTI, dann ist sie gut für alle. LGBTI ist wie ein Barometer.“

Der vollständige Beitrag ist in MÄNNER 3.2016 erschienen.

Fotos: Kriss Rudolph


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