Selb 30 April 2015 Der Schmuggel mit der Teufelsdroge Crystal Meth steuert auf neue Dimensionen zu

Crystal Meth: Verteufeln hilft nicht

Gundula Barsch forscht seit den 80er Jahren über Drogenkonsum

Gundula Barsch ist seit 1998 Professorin im Lehrgebiet Drogen und soziale Arbeit an der Hochschule Merseburg. Barsch tritt für eine „Drogenmündigkeit“ ein und lehnt Verbote ab. In einer Studie hat sie erstmals empirisch untersucht, wie Konsumenten ihren Alltag mit Crystal Meth gestalten und plädiert für Aufklärung statt Verteufelung. Weil das umstritten ist, lief gegen die Drogenforscherin schon eine Dienstaufsichtsbeschwerde

 

Was reizt die Leute an Crystal Meth?

Es gibt da diesen Hype: Keine Substanz wird derzeit negativ so beworben wie Crystal. Und es ist an jeder Ecke erhältlich. Dazu kommt der sehr geringe Preis: drei bis fünf Euro. Das ist ein Taschengeld – und es wirkt mindestens 48 Stunden. Außerdem passt es für bestimmte Aktivitäten sehr gut. Es kurbelt das Leistungsvermögen an. Viele ehemalige Medizinstudenten, die heute als Arzt praktizieren, kennen es aus dem Studium. Die haben das vor 30, 40 Jahren genommen, um besser lernen zu können. Damals hieß es nur noch nicht Crystal.

Und es wirkt stimmungsaufhellend.

Ja, wenn man einen Durchhänger hat, psychisch oder physisch. Es hat aber nur diese Effekte, wenn man kein regelmäßiger User ist. Und man bezahlt es immer. Es ist nur Glück auf Zeit. Wenn die Substanz aus dem Körper raus ist, hat man genau die Umkehrung der Effekte, so genannte Spiegel-effekte: Man wird erst euphorisch, danach depressiv. Man ist dynamisch, dann lethargisch.

Crystal-Konsumenten haben eine leichte Aggressivität oder Gereiztheit unter der Oberfläche

Da ist es natürlich verlockend, direkt nachzuwerfen, um zum Anfangseffekt zurückzukommen. Macht Crystal Meth schnell süchtig?

Nicht im Sinne von Entzugserscheinungen, aber es treten eben diese Spiegeleffekte auf. Und es hat Auswirkungen auf die Psyche. Die Leute verlieren die Kontrolle. Aber das darf man nicht pauschalisieren. Wir hatten Leute in der Studie, die nehmen es seit 15 Jahren. Das hieß früher „Pico“, ist aber genau dasselbe. Die Menschen haben ihre Muster gefunden, wie sie damit umgehen. Aber je potenter eine Substanz ist, umso größer die Herausforderung, damit umzugehen – und daran scheitern eben viele. Dazu kommt: Crystal-Konsumenten haben eine leichte Aggressivität oder Gereiztheit unter der Oberfläche. Sie erinnern sich nicht, dass sie Termine haben. Oder dass sie Strom oder Miete zahlen müssen. Oder eine Verpflichtung im Job haben. Da bekommt man zügig Probleme.

Was macht es mit dem Körper?

Es verhält sich ähnlich wie bei Alkohol, aber anders als bei Heroin: Crystal ist toxisch und macht bestimmte Nervenbezüge kaputt – etwa die, die Dinge im Körper regeln wie Herzschlag. Ärzte finden sehr alte Herzen bei jungen Leuten, die regelmäßig Crystal nehmen. Die fahren über Wochen, Monate oder Jahre auf Höchsttouren. So wie Sportler, kann man sagen. Aber hier kommt das Toxische dazu, das im Körper vieles kaputt macht.

Crystal Meth gefährlich

Prof. Gundula Barsch (Foto: privat)

Wie verbreitet ist Crystal?

Längst keine Einzelfälle mehr. Meine Uni in Merseburg befindet sich im Dreieck Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Da hat das längst epidemologische Ausmaße. Aber wir haben viel zu lange abgewartet. Man dachte zuerst, das legt sich vielleicht wieder. Man muss die Leute viel mehr aufklären: Eine kleine Menge reicht, das greift dann schon stark in den Körper ein, macht sehr schnell krank. Man muss als Konsument aufpassen! Dadurch, dass die Medien immer nur vor der „Monsterdroge“ warnen und Vorher-Nachher-Bilder zeigen, gibt es diese Information im Moment nicht wirklich.

Manche Kollegen sagen: Zu dieser Teufelsdroge gibt es keine Safer-Use-Botschaften. Ich finde das nicht

Welche Informationen brauchen die Leute?

Da gibt es auch unter Experten einen Dissenz. Manche Kollegen sagen: Zu dieser ‘Teufelsdroge’ gibt es keine Safer-Use-Botschaften. Ich finde das nicht. Das ist wie beim Sex: Man kann es den Leuten ja nicht verbieten, also hat man Safer-Sex-Botschaften ausgegeben. Das war sehr erfolgreich, darum übersetze ich das in den Drogenbereich. Wir brauchen dringend Safer-Use-Botschaften, aber die sind gar nicht da. Oder ich werde als Expertin zur Rede gestellt: Ist das nicht unverantwortlich, was du da machst?!

Was sind die gesundheitlichen Risiken?

Wer Crystal nimmt, muss unbedingt für Erholung sorgen und viel schlafen –, viel Vitamine nehmen und Mineralstoffe –, denn Crystal ist ein Mineralstoffräuber. Sonst habt ihr bald spröde Knochen. Und Zähne. Das gilt auch für Haut und Haare.  Aber erstmal müssen wir uns einigen, dass wir diese Aufklärung machen wollen. Ich werde ja auch kritisiert dafür, dass wir mit dieser Crystal-Tüte losgezogen sind.

Crystal Meth

Entwickelt mit Studenten: Die InforMETHion (Foto: G. Barsch)

InforMethion über Crystal

* Sniefer
Den sollte man nicht teilen, falls es zu Nasenbluten kommt

* Maßeinheit
Das ist eine bekömmliche Dosis (Crystal ist eine sehr potente Droge)

* Feuchttuch & Öltuch
Wer Crystal schnupfte, sollte seine
Nase pflegen

* Kondom
Crystal kurbelt die Sexualität und die Libido an. Hemmungen fallen. Da wird an Safer Sex oft nicht mehr gedacht

* Gleitgel
Damit beim Marathonsex die Schleimhäute geschont werden

* Kaugummi
Wer Crystal nimmt, hat oft verspannte Kaumuskeln. Man knirscht dann verstärkt mit den Zähnen. Das macht sie zusätzlich kaputt, von der pharmakologischen Wirkung ganz abgesehen

* Kamillentee & Kapsel
Kristalle schlucken kann Magenschmerzen verursachen

 Wenn ich jungen Menschen sage, sie sollen es lassen – was denken Sie, was die sofort machen?

Aber viele Ihrer Kollegen wollen diese Aufklärung nicht.

Die sprechen zum Teil lieber von der „Mörderdroge“. Aber wenn ich jungen Menschen sage, sie sollen es lassen – was denken Sie, was sie sofort machen? Ich halte es für sinnvoller zu sagen: Es macht die Nasenschleimhaut kaputt, darum musst du das Zeug so kleinhacken wie möglich. Du kannst machen, was du willst – aber achte auf bestimmte Dinge. Ich finde, mit diesem Impetus kommt man weiter.

Wie verbreitet ist Crystal in Deutschland?

Ich war 2014 auf einer Fachtagung in Chemnitz und habe mit Menschen geredet, die in den Hilfesystem arbeiten. Das ist zwar ein sehr kleiner, spezieller Ausschnitt von dem Thema, aber die sagen: Es gibt keinen mehr, der nicht als Haupt- oder zumindest im Nebenkonsum Crystal nimmt. Ich habe das auch von einer Chefärztin aus Thüringen gehört, deren Klinik spezialisiert ist auf illegale Substanzen. Sie sagt: Crystal ist fast immer im Spiel. Wie gesagt, es ist sehr billig.

Muss man sich als Konsument um die Reinheit des Stoffes sorgen?

Das ist das Erstaunliche. Es ist sonst immer ein Nebenrisiko, dass Sie nie wissen, wie die Zusammensetzung ist. Crystal ist aber so billig herzustellen, da wäre die Beimischung teuer. Der Stoff ist meist 95 bis 97 Prozent rein.

Es gab bis vor einiger Zeit beim Konsum von Crystal ein Nord-Süd-Gefälle, was sich durch Nähe zu Tschechien erklärte.

Ich bin da vorsichtig. Wir haben niemanden mehr gefunden in unserer Studie, der es aus Tschechien hatte. Es ist so einfach, es herzustellen. Da reichen mittlere chemische Kenntnisse. Darum haben wir auch eine sehr große Verfügbarkeit dieser Substanz. Das ist billiger als nach Tschechien zu fahren. Zumal die Behörden wachsam sind und die Grenzkontrollen intensiviert wurden.

Crystal Meth

Szene aus der TV-Serie „Breaking Bad“, in der ein Chemielehrer mit einem Schüler in großem Stil Crystal Meth herstellt

Man beobachtet, dass Konsumenten sich Crystal vermehrt spritzen.

Wenn Sie es spritzen, kommt es schneller an. Die Ausbeute ist größer. Wir hatten in der Studie zwei Leute, die es spritzen. Die auch viel Erfahrung hatten mit Spritzen, weil sie früher Heroin konsumiert haben. Allerdings gab es auch Leute mit einer Heroin-Vorgeschichte, die gesagt haben: Mit Crystal mache ich das nicht. Ich bin doch nicht verrückt. Es tut nur weh, wenn man es sich in die Adern jagt, weil es eine Säure ist. Die haben wirklichen Respekt vor der Substanz, weil es schon beim Schnupfen durch die Nase so drastisch wirkt.

Beim Spritzen steigt auch die Gefahr einer Ansteckung mit HIV oder sexuell übertragbaren Infektionen.

Das ist ja das Drama. Wir hatten das im Heroinbereich mit der Substitution gut hingekriegt, was HIV- und Hepatitis-Prävention angeht. Wenn das jetzt wieder losgeht, nur mit einer anderen Klientel, die vielleicht schon keine Lust mehr hat auf Safer Sex, erst recht nicht auf Safer Use … Es wäre viel besser, wenn es auf dem jetzigen Level bliebe.

Wie gut sind die Drogenhilfe-Systeme auf Crystal vorbereitet?

Es sind schwierige Situationen, wenn jemand Crystal genommen hat und in einer Psychose steckt oder eine Paranoia hat. Das ist unglaublich kompliziert. Man ist gereizt und aggressiv. Etwa wenn einem die Paranoia sagt, der andere will mich umbringen. Eine totale Verkennung der Wirklichkeit! Die können nur schwer zurückgebracht werden, das ist für die Kollegen total schwer. Deshalb mache ich mit meinen Studenten ein Deeskalationstraining, damit sie vorbereitet sind.

Drogenpolitik in Deutschland heißt ja oft eher: Verbieten!

Natürlich muss man das immer wieder sagen: Diese Substanz ist toxisch, so wie Alkohol. Aber den trinken wir ja trotzdem. Darum muss man abwägen: Ist es nicht vernünftiger, den Leuten Informationen in die Hand zu geben? Wenn wir uns in Deutschland nur endlich mal darauf geeinigt hätten, das zu tun. Wir haben den § 29 BTmG, Betäubungsmittelgesetz: Wenn ich „drogenverherrlichend“ auftrete, kann ich dafür bestraft werden. Gegen mich läuft im Moment eine Dienstaufsichtsbeschwerde, wegen angeblicher Drogenverherrlichung. So weit geht das. Nicht bloß, dass man sagt, wir haben unterschiedliche Auffassungen. Da läuft so ein Rollback, das sind wiederkehrende Strategien: Das gab es auch schon in den 90ern, als die Heroinsubstitution eingeführt wurde. Die ersten Ärzte, die es gemacht haben, haben ihre Approbation verloren und sind im Knast gelandet. Auch die ersten Kollegen, die Spritzen verteilt haben. Das war laut BTmG das „Verschaffen von Gelegenheit“. Der Paragraph ist so weit ausgelegt!

Welche Strategien verfolgt man auf politischer Ebene?

In Sachsen hat das Innenministerium mit dem Sozial-, Kultus-, Justiz- und Wirtschaftsministerium einen Zehn-Punkte-Plan zur Bekämpfung von Crystal vorgelegt. Ich war dort bei einer Fachtagung und bin ganz verzweifelt nach Hause gegangen, denn ich bin ja für eine akzeptierende Drogenpolitik. Aber da wurde mit Kriegsrhetorik gearbeitet. Ich habe den Kollegen gesagt: Sagt doch nicht „Krieg gegen Crystal”. Der Stoff liegt hier auf dem Tisch, der macht gar nichts. Wenn schon, muss es heißen: Krieg gegen die Konsumenten. Und dann überlegt mal ganz genau, was Ihr alle sagt. Leider orientieren sich jetzt auch die Länder Brandenburg und Niedersachen an dieser Tagung, und alle reden vom Kampf gegen Crystal.

Das vollständige Interview ist in MÄNNER 10.2014 erschienen – hier geht’s zum Abo!

Foto: Imago

 


4 Kommentare

  1. Jan Buder

    Muss man diesen Unsinn tatsächlich nochmal verbreiten, einmal reicht doch nun wirklich. Zu behaupten ein kontrollierter Umgang mit Chrystel währe generell möglich und das Zeug, was in osteuropäischen Hinterhofküchen produziert wird, währe nicht gefährlicher als Alkohol, hat nichts mit seriöser Wissenschaft zu tun, das ist Scharlatanerie.


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