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„Das Leben geht weiter“

Nach "Torsten, The Bareback Saint" ist Erasure-Frontman Andy Bell jetzt "Torsten The Beautiful Libertine"

Es hätte niemand diese Figur besser verkörpern können als Andy Bell. Der 51-Jährige schlüpft für das Poptheater-Projekt „Saint Torsten“ in die Rolle eines semi-unsterblichen Polysexuellen und singt dabei Lieder, die von der Euphorie nach dem Coming-out bis zur Ernüchterung über die Flüchtigkeit hastiger Sexdates kein Gefühl auslassen, das ein schwuler Werdegang mit sich bringt. Bedenkt man, dass Bell seit 1998 HIV hat (seit 2004 spricht er öffentlich über die Infektion) und damit zur ersten Generation von Positiven gehört, die Zugriff auf antiretrovirale HIV-Medikamente  hatten, bekommt das Motiv von Torstens Unsterblichkeit zusätzliche Tiefe. Die Grenzen zwischen Figur und Darsteller verschwimmen. Unweigerlich fragt man sich wie autobiografisch die Lyrics sind. Die Antwort ist ein Zwischending. Zwar entwarf Songtexter Barney Ashton-Smith die Figur des Torsten mit Bell als Vorbild im Hinterkopf, trotzdem basieren die meisten Inhalte nicht originär auf Bells Lebenserfahrungen sondern auf denen des Autors. Über die kontroverse Verquickung der Begriffe „Bareback“ und „Saint“ sagt Ashton-Smith: „Die Doppeldeutigkeit war gewollt. Erstens steckt die Vorstellung des Bareback-Reiters, also des abenteuerlustigen, abgehärteten Cowboys drin, der ohne Sattel durch die Prärie reitet. Denn auch Torsten ist als erfahrener Flaneur ein Abenteurer. Der zweite Aspekt ist Barebacksex. Auch wenn Torsten in seinen Vierzigern zu sein scheint, wurde er bereits im Jahr 1906 geboren und in der Prä-HIV-Ära sozialisiert, wo Barebacksex die Norm war. Es leuchtet ein, dass er als semi-unsterblicher Mann gegen Krankheiten immun ist. So hat er die Möglichkeit persönlich aus beiden Zeiten zu berichten. Das unterscheidet ihn von denen, die ich als schwule ‚Alltags-Heilige’ bezeichne, weil sie uns durch ihren Tod während der AIDS-Krise dazu ermahnen, vorsichtig miteinander umzugehen und aufeinander achtzugeben.“ Beim Fringe Festival Edinburgh, wo „Torsten the Bareback Saint“ 2014 uraufgeführt wurde, gab es großen Applaus für so viel Mut zur emotionalen Entblößung. Auch die CD zum Stück war ein Hit. So gibt es jetzt die Fortsetzung „Torsten the Beautiful Libertine“, die am 3. März im Londoner LGBT-Theater „Above the Stag“ Premiere feiert. Diesmal soll’s noch persönlicher werden. Oder wie Andy Bell es ausdrückt: „Torsten wird diesmal von einer Fantasiegestalt zum echten Menschen“. Darüber wollten wir mehr hören. Herr Bell hat das Wort!

Andy, die Torsten-Figur ist „semi-unsterblich“. Fühlst Du Dich als Angehöriger der ersten Generation von HIV-Positiven, für die die Diagnose kein Todesurteil mehr war, manchmal selbst so?
Es ist in der Tat ein Glück und ein Segen, dass ich mich sozusagen auf dem Scheitelpunkt infiziert habe. Das muss man sich zwischendurch immer mal wieder vergegenwärtigen. Jeder hat seine eigenen Tests und Traumas durchzustehen und der Verlust von Freunde schmerzt immer noch. Aber das Leben geht weiter.

„Torsten“ singt über die verschiedenen Formen von Liebe und Sex und wie sie ihn beeinflusst haben. Kannst Du Faktoren nennen, die Dein eigenes Liebesleben verändert haben?
Ich denke, es ist ein universeller Prozess des Erwachsenwerdens auszuprobieren und zu erkennen, was einen anmacht und was nicht.  Der war bei mir vermutlich ähnlich wie bei Jedem anderen. Aktuell kann ich sagen, dass ich zuletzt eine sehr spirituelle aber platonische Beziehung hatte, in der ich tun und lassen konnte, was ich wollte. Das hat mir viel Ausgeglichenheit gegeben. Ich fühle mich jetzt bereit sesshaft zu werden und mich nur einer Person hinzugeben.

Wie stehst du zu dem Attribut Bareback und seiner durchaus kontroversen Verquickung mit dem Heiligenbegriff „Saint“?
Das ist eine schwierige Frage. Ich bin nicht hier, um über irgendjemanden zu urteilen. Was Menschen in ihren Privatleben tun, ist ihre eigene Sache. Ich bin der Meinung, dass man kaum wirklich erfassen kann, was es bedeutet positiv zu sein, bis man es selber ist.  Aus meiner Perspektive sehe ich das als Anlass, an der behutsamen Überzeugungsarbeit für Safer Sex festhalten. Ich finde, es hat etwas sehr Erotisches, sich die Zeit zu nehmen safe zu bleiben.

Anbdy Bell

Du hast gesagt, dass die „Torsten“-Songs eine „heilende“ Qualitäten haben. Kannst Du das erklären?
Das ist eine sehr persönliche Geschichte. Ich kann mich mit vielen Songs einfach sehr gut identifizieren. In „Torsten the Bareback Saint“ gab es zum Beispiel „The Boy from the Sauna“, ein Lied über die ambivalente Nähe von flüchtigen Saunabekanntschaften. Ich habe das selbst so oft gespürt, dass ich mich ganz im Zentrum des Songs fühle und das Gefühl regelrecht greifbar finde. Oder in „Torsten the Beautiful Libertine“ gibt es „The Slums we Love“, das mich an meine Kindheit erinnert – auch wenn die nicht ganz so krass war wie der Song.

Torstens Polysexualität passt gut zu den queeren Tendenzen in der schwulen Szene. Wie stehst du dazu?
Ich glaube nicht, dass Torsten im eigentlichen Sinne schwul ist. Er kümmert sich generell nicht um Labels. Er ist vielmehr ein Bohemien, der seinen Instinkten folgt. So was schätze ich. Ich mag Leute, die ein bisschen Feuer im Hintern haben und bereit sind für die Außenseiter der Gesellschaft ihre Stimme zu erheben.

Es gibt auch den Song „This Gay Thing isn’t working“ über Torstens Abwendung vom “Schwulending”. Kannst Du auch das nachvollziehen?
Ich denke, jeder erlebt irgendwann Momente, in denen ihn die Szene ihn einsam, vielleicht auch verzweifelt zurücklässt. Bei mir ist das schon eine Weile her. Als Schwuler muss man mehr als alle anderen lernen, dass man sich nicht dauerhaft über Bestätigungen von außen definieren darf. Man bleibt nun mal nicht ewig jung und schön.

Würdest du dich selbst trotzdem noch als schwul bezeichnen?
Nenn mich doch einfach altmodisch.

Und wenn Du Dich zwischen „Bareback Saint“ oder „Beautiful Libertine“ entscheiden müsstest. Was würdest du wählen?
Auf einer rein ästhetischen Ebene birgt der Begriff „Bareback Saint“ eine gewisse Romantik. Ich mag den Gedanken, ihn als Ritter ohne Rüstung zu sehen, als Jemanden der schonungslos offen und ehrlich ist. Der Freigeist ist ein bisschen naiv, aber risikofreudig. Ich liebe beide. Sie sind zwei Seiten ein und derselben Person.

Gab es für Dich Vorbilder für Torsten?
Ich neige dazu, zu Leuten aufzuschauen, aber das wird langsam weniger. Bei Torsten war es auch nicht nötig. Die Figur speist sich sozusagen aus dem Hinabblicken auf meine eigenen verlorenen Liebschaften, Boyfriends und Erfahrungen.

Es ist bereits ein dritter „Torsten“-Abend in Planung. Was erhoffst Du Dir davon – sei es für die Figur oder für dich selbst?
„Just to survive to stay alive“ – ohne dabei zu verbittern sondern in Anmut und Würde.

 

Torsten the Beautiful Libertine
Show: 2. bis 27. März, London, www.abovethestag.com
CD: Cherry Red Records, www.cherryred.co.uk

INTERVIEW aus der Frühjahrausgabe der M+. Mehr zu Torsten und Andy in der aktuellen Ausgabe der MÄNNER.


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