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Musical gegen Homophobie?

Die amerikanische UN-Botschafterin lud 15 Vertreter homohober Regierungen in New York ins schwul-lesbische Musical "Fun Home" ein

Ja, das UN-Hauptquartier befindet sich in New York, genau wie der Broadway. Deshalb denkt man trotzdem nicht unbedingt an Musicals, wenn’s um die Vereinten Nationen geht – oder die Gleichberechtigung von Homosexuellen. Bekanntlich ist die UN in diesem Punkt gespalten. Als ihr Generalsekretär Ban 2014 ankündigte, dass die Vereinten Nationen künftig allen gleichgeschlechtlichen Paaren unter ihren Mitarbeitern die gleichen Rechte wie heterosexuellen Paaren einräumen würde, hatten Russland, Saudi-Arabien, China, Iran, Indien, Ägypten, Pakistan und 35 andere Nationen versucht, das zu verhindern. Und vor einem Monat erst hatten 54 Staaten der afrikanische Gruppe sowie eine von Weißrussland, Ägypten und Katar angeführte Organisation namens „Freunde der Familie“ in einem Brief Ban aufgefordert, sechs Sonderbriefmarken zum Thema Gleichberechtigung von Homosexuellen zu verhindern. Man kann sagen, ein Grundsatzkrieg ist in vollem Gange. Gestern unternahm nun Samantha Power, die US-Botschafterin der UN, einen Versuch, die teils störrischen Vertreter der Homophobie-Fraktion auf ihre Weise fürs Thema zu sensibilisieren und so für mehr Toleranz zu werben. Und zwar mit einem Besuch des schwul-lesbischen Erfolgsmusicals „Fun Home“, zu dem sie 15 UN-Botschafter einlud, viele aus Ländern wie Namibia, Vietnam und Uruguay, in denen Homosexualität unter Strafe steht und verfolgt wird.

Das Poster für die 2015 Produktion von "Fun Home".

Das Poster für die 2015 Produktion von „Fun Home”.

„Fun Home“ basiert auf der Graphic Novel von Alison Bechdel aus dem Jahr 2006. Darin wird die Coming-of-Age-Geschichte der jungen Alison erzählt, die man in dreifacher Form sieht: als kleines Mädchen, als Teenager und als junge Frau. Die drei Zeitebenen überlagern sich ständig, so dass man aus Perspektive der erwachsenen Alison erfährt, wie sie zu der reifen lesbischen Frau wurde, die sie nun ist – und wie schwer das Coming-out im ländlichen Pennsylvania der 1960er Jahre war. Aber auch: wie befreiend und wunderbar. Dazu kommt als Parallelgeschichte die Beziehung zum Vater, schwul und ungeoutet. Er wird vom Coming-out seiner Tochter völlig aus der Bahn geworfen. Weil es für ihn undenkbar war, offen homosexuell zu leben. Jetzt bewundert er seine Tochter für den neuen Weg, den diese einschlägt. Er kann da nicht mithalten und stürzt sich am Ende vor einen Lastwagen. Selbstmord oder Unfall? Das Musical lässt das offen. Und auch die Geschichte der Mutter, die von den homoerotischen Neigungen ihres Mannes weiß und darunter leidet, wird nur am Rande gestreift, in einem bewegenden Monolog.

Wie reagiert man als Botschafter eines homophoben Landes auf die Aufführung im Circle-in-the-Square-Theater neben dem Times Square?

Vermutlich genauso wie der Großteil des US-Publikums, das „Fun Home“ mit fünf Tony Awards auszeichnete, den Broadway-Oscars: tief bewegt. Der Trick des Musicals ist, dass der Zuschauer sich mit dem vorpubertären Kind Alison identifiziert; auch weil die Darstellerin der jungen Alison so grandios spielt. Man sieht also den Kampf eines jungen Mädchens um die Liebe des Vaters und ihre Suche nach einer heilen Familie. Damit kann sich so ziemlich jeder identifizieren. Genauso mit dem ersten schüchternen Liebesrausch der Teenie-Alison, die nicht weiß, wie sie ihren Eltern sagen soll, was sie da mit einer Schulkameradin im Bett erlebt hat. Man wird als Zuschauer sozusagen „hintenrum“ in die LGBTI-Welt hineingezogen. Und man sieht am Beispiel des Vaters, welch tragische Konsequenzen es für alle hat, seine sexuellen Neigungen verleugnen zu müssen – denn daran zerbricht im Stück nicht nur er, sondern die Ehefrau und seine gesamte Familie.

Die Besetzung von "Fun Home" im Circle-in-theSquare-Theater (Foto: Joan Marcus)

Die Besetzung von „Fun Home” im Circle-in-the-Square-Theater (Foto: Joan Marcus)

Dass Samantha Power ausgerechnet dieses Stück ausgewählt hat, um Werbung für LGBTI-Belange zu machen, ist clever. Das Stück geht zu Herzen und kann nicht als „schrill“ oder „abartig“ abgetan werden wie etwa das Transvestiten-Musical „Kinky Boots“, das ebenfalls derzeit am Broadway läuft. Selbst die klassischen großen Broadwaymusicals wie „The King and I“ – momentan als Revival zu erleben, von jüdischen Autoren wie Oscar Hammerstein geschrieben – enthalten bewusste und starke Plädoyers für Toleranz und Akzeptanz von „anderen“. Somit sind Broadwaymusicals, anders als Stage-Entertainment-Musicals in Deutschland, durchaus perfekte Botschafter-der-anderen-Art.

Power bedankte sich nach der Aufführung bei den Darstellern von „Fun Home“. Denn: „Sie erreichen die Herzen auf eine Art, wie wir es mit Resolutionen nie schaffen“, sagte sie zu den Stars. Derweil erklärten einige UN-Botschafter, sie hätten vorher nicht gewusst, worum es in dem Musical geht. Umso größer war die Überraschung. Auch darüber, dass „Fun“ hier eine Abkürzung für „Funeral Home“ ist, also ein Beerdigungsinstitut.

Während die amerikanische UN-Botschafterin Vertreter besonders homophober Regierungen gezielt ins Musical lockte, hatte 2014 der Intendant des Berliner Friedrichstadt-Palast beschlossen, die Botschafter von 83 Staaten mit homophober Gesetzgebung auf eine „Pink Liste“ zu setzen – und nicht mehr zu Premieren und Premierenfeiern einzuladen. Was zuvor für den gesamten diplomatischen Korps Berlins üblich war.

„Wir feiern unsere Premieren nicht mit Vertretern, die Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung unterdrücken, drangsalieren oder kriminalisieren“, sagte damals Intendant Berndt Schmidt.

Vielleicht überdenkt er diese Strategie 2016 noch einmal? Denn manchmal ist es gut, Menschen die Botschaft der Toleranz und Akzeptanz genau dort unterzujubeln, wo sie nicht damit rechnen. Amerikanische TV-Serien schaffen das bekanntlich hervorragend. Amerikanische Musicals wie „Fun Home“ ebenfalls. Und der Friedrichstadt-Palast versucht es zumindest, auf seine Weise, immer wieder. Da wären mehr Einladungen an Vertreter aus Russland, Saudi-Arabien, China, Iran, Indien, Ägypten und Pakistan eher vorteilhaft. Eine Einladung an Angela Merkel wäre da, nebenbei bemerkt, auch nicht schlecht, obwohl sie ja eher auf Wagner und Bayreuth fixiert ist. Die Festspiele will 2017 immerhin Barrie Kosky mit den „Meistersingern” als schwulem Cross-dressing-Spektakel erobern: „Kinky Boots” auf dem Grünen Hügel, wo die UN in New York auf eine „leisere” Strategie der Bekehrung setzte.

Titelbild: Imago/PanoramiC


2 Kommentare

  1. Ian Phillip Rutherford

    Gutes Beispiel, dass subtiles Vorgehen und Diplomatie manchmal besser zum Ziel führt als Getöse.


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