Schwules Musuem* Berlin

Nach den Schüssen

Sechs Kugeln wurden aufs Schwule Museum* abgefeuert. Wie geht es weiter, wie geht es den Mitarbeitern?

Nachdem die Meldung am Montag über den Berliner Polizeitticker gegangen war, explodierte das Internet förmlich mit Berichten über die mysteriösen „Schüsse aufs Schwule Museum“ – worüber sämtliche Hauptstadtmedien, die Springer-Presse und einige queere Nachrichtenportale berichteten. Klären konnte aber niemand, wer da nun aus welchem Grund mit Metallkugeln aufs Museum geschossen hat. Und zwar sechs Mal mit einem Luftdruckgewehr. Und was das jetzt fürs Haus, seine Besucher und vor allem die Mitarbeiter dort bedeutet.

Im Schwulen Museum* arbeiten vor allem Ehrenamtliche. Einer von ihnen, ein pensionierter Förster, kam am Montag zum Dienst, um gegen 14 Uhr das Haus für Besucher zu öffnen. Er entdeckte am Außenfenster neben dem Eingang Einschüsse und kontaktierte die Verwaltung des Museums. Diese rief bei der Polizei an, die umgehend erschien. Nachdem zwei Polizisten den Tatbestand aufgenommen und Fotos gemacht hatten, meldete sich kurz darauf das Landeskriminalamt (LKA) und riegelte die Lützwostraße ab. Mit mehreren Streifenwagen vorm Haus sah das Ganze aus wie eine Szene aus „Tatort“, es fehlten nur Meret Becker und Robert Karow.

Als die Beamten vom LKA die Scheiben untersuchten, stellten sie fest, dass es sich nicht nur um vier Einschüsse im Glas handelt, sondern zwei weitere im Rahmen. Bis 21 Uhr ging die Spurensuche weiter, so dass der Einsatz mit dem abendlichen Ehrenamtlermontagstreffen überlappte. Die verschiedenen Ehrenamtlichen waren anfangs ratlos, wie sie die Geschichte einordnen sollten – schließlich sind homophobe Gewalttaten für viele nichts Neues. Erst vor einem Jahr wurden im Schwulen Museum* in der Ausstellung „Neues in der Sammlung“ Pflastersteine gezeigt, mit denen 2013 beim Magnus-Hirschfeld-Zentrum in Hamburg die Fensterscheiben eingeschlagen worden waren. Haben die sechs Schüsse aufs Museum eine andere – vielleicht neue – Dimension?

Einschüsse im Fenster des Schwulen Museum* Berlin.

Einschüsse im Fenster des Schwulen Museum* Berlin.

Etliche Ehrenamtliche nannten die Vorfälle „beunruhigend“: Denn: Viele arbeiten nicht nur deshalb im Museum, um sich sozial zu engagieren, sondern auch, weil sie die Gemeinschaft dort als einen sicheren Ort empfinden, wo sie akzeptiert werden, wie sie sind, ohne dumme Sprüche und Anpöbelungen. Das gilt besonders (aber nicht nur) für die diversen transsexuellen Mitarbeiter_innen. Für einige ist dieses Sicherheitsgefühl nun erschüttert. Auch weil die Schüsse zusammenfallen mit den vielen weiteren beunruhigenden Nachrichten der letzten Tage: In Bayern legte diese Woche ein schwarzer katholischer Priester sein Amt wegen Morddrohungen nieder, der Leitartikel in der aktuellen Ausgabe von „Die Zeit“ trägt die Überschrift „Die Angst regiert“ („Angst vor zu vielen Flüchtlingen, die ins Land strömen könnten; die Angst vor der AfD; die Angst vor einem Auseinanderbrechen Europas; und, ja, auch die Angst vor einem Terroranschlag im Land“). Und im Stadtmagazin „Siegessäule“ heißen die ersten beiden Großartikel der Märzausgabe „Der alte Affe Angst“ und „No-Go-Area“. Bei letzterer No-Go-Gegend handelt es sich um den Gay-Kiez rund um den Nollendorfplatz, zu dem auch das Schwule Museum* in der benachbarten Lützowstraße 73 gehört.

Dort war es zuletzt zu mehreren kriminellen Vorfällen gekommen und einer heftigen Diskussion von „Multikulti-Realitätsverweigerern“ vs. „Weiße, schwule Islamhasser“.

Wie geht es jetzt weiter mit dem Museum? Die Polizei sagt, es wird schwierig, die Täter zu finden. Trotzdem laufen die Ermittlungen. Und bis diese abgeschlossen sind, wird es keine weiteren Auskünfte vom LKA geben. Die Hausverwaltung und Anwohner in der Lützwostraße 73 sind verständlicherweise besorgt um ihre Immobilie und fürchten Folgeanschläge. Und die Mitarbeiter diskutieren, von wem solche Schüsse ausgegangen sein könnten. Die Antwort: Es kommen viele Möglichkeiten in Frage, von einem Dumme-Jungen-Streich (wie ein Kommentator auf queer.de meint) bis zu aufgebrachten Homosexuellen selbst. Erst am Sonntagabend wurde im Museum im Rahmen der Queer-Kitchen-Reihe über Pädophilie und die Schwulenbewegung der 1970er Jahre diskutiert. Im Laufe der Veranstaltung verließen einige empörte Feministinnen den Raum, als ein Diskutant seine Stimme erhob und davon sprach, dass er in seiner Kindheit „eine positive Beziehung zu einem Pädosexuellen“ gepflegt hatte. Darüber berichtete u. a. das Portal K13 Online. Auch Ausstellungen mit Trans*-Thematik, wie Sara Davidmanns bevorstehende Schau „Ken. To be destroyed“, stoßen wegen des Hinterfragens von klassischen Genderrollen nicht bei allen auf Zustimmung. Das hatte sich schon 2015 im Zusammenhang mit der großen Ausstellung „Homosexualität_en“ gezeigt, über die sich viele schwule Männer erregten, weil der Fokus ihrer Meinung zu sehr auf Lesbengeschichte lag. Wobei sie ein Ignorieren des Lesbenhistorie und ein Konzentrieren auf die Schwulenbewegung interessanterweise kein Problem gefunden hätten. Die Ausstellung wandert gerade weiter nach Münster und wird dort im Mai neu eröffnet.

Sara Davidmann, Side by Side, 2013. (Foto: Schwules Museum*)

Sara Davidmann, Side by Side, 2013. (Foto: Schwules Museum*)

Demnächst werden auf alle Fälle im Museum die Fensterscheiben ausgetauscht. Ein Mitarbeiter des Hauses wies gestern darauf hin, dass die beschädigten Scheiben in die Sammlung des Museums aufgenommen werden sollten. Dort werden ja bereits die Steine aus Hamburg gelagert und auch eine Pappkiste, die mit homophoben Bemerkungen vorgekritzelt ist: Ein Mann hatte beim Bruno’s Shop „The Big Penis Book“ bestellt und war entsetzt, als er merkte, dass das ein Bildband mit Riesenerektionen ist, statt eine Penisvergrößerungspumpe für türkische Männer. Der Gmünder Verlag hatte die Kiste dem SMU* geschenkt, wo sie zusammen mit den Hirschfeld-Steinen in „Neues in der Sammlung“ gezeigt wurde, inklusive das völlig zerrissene „Big Penis“-Buch.

Ein Facebook-Nutzer kommentierte die Schüsse-aufs-Museum-Meldung auf der Seite des SMU* mit „Nehmt es als Kompliment, da haben welche Angst vor euch“.

Ein anderer User meinte: „Lasst die Angst nicht gewinnen!“ Von anderen Museen, wie z. B. dem Museum für Kommunikation, kam der Post: „Wir sind bei Euch, liebe KollegInnen!“

 


1 Kommentar

  1. facebook_user

    Bisher einziger Artikel in der Homo-Presse, worin auch die Pädophilie-Veranstaltung am Vorabend genannt wird. „Zufällige” Schüsse danach? Wohl kaum! Weder die anderen schwulen Medien noch die sog. hetero-Mainstream-Medien sollten diese Realitäten unter den Tisch fallen lassen. Nach meiner Ansicht ging es nicht nur um Homophobie, sondern auch um Pädophobie, die im Ergebnis viel schlimmer ist. Das Schwule Museum hat die komplette Ankündigung dieser Veranstaltung von ihren Webseiten entfernt. Ob das besonders klug? Wohl eher nicht, wenn auch verständlich.


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