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Schwule Opfer waren nicht ehrungswürdig

Albert Knoll hat ein Buch über das Gedenken an die Rosa-Winkel-Häftlinge geschrieben

Diese Woche hat Albert Knoll sein Buch „Der Rosa-Winkel-Gedenkstein. Die Erinnerung an die Homosexuellen im KZ Dachau“ vorgestellt. Mit MÄNNER spricht der Archivar der Gedenkstätte über die Homophobie, welche die schwulen KZ-Überlebenden erleben mussten.

MÄNNER: Vor fast genau 71 Jahren wurde das Konzentrationslager Dachau befreit. Sie haben jetzt das erste Buch über das Gedenken der schwulen Häftlinge geschrieben. Wie hat sich die Erinnerung an die Häftlinge mit dem Rosa Winkel denn im Laufe der Zeit verändert?

Albert Knoll: Zunächst war gar kein Gedenken möglich, weil die schwulen Opfer komplett aus der Verfolgtengruppe ausgeschlossen wurden. Der Paragraph 175 bestand ja weiter. Deshalb wurden sie auch von Entschädigungen ausgeschlossen. Insofern ist bis 1969 überhaupt nichts passiert, denn es war erst nach der Lockerung des Paragraphen möglich, dass sich Schwulenverbände formieren konnten. Erste Proteste gab es beim bundesweiten Schwulengruppentreffen in München, wo die Teilnehmer beim Besuch in Dachau festgestellt haben, dass es in der Gedenkstätte gar kein Andenken an den Rosa Winkel gibt. Von der Presse und der Politik wurde ihre Forderung diffamiert.

Rosa Winkel

Das Buch von Albert Knoll kann über das forum homosexualität münchen bestellt werden.

Im Laufe der 80er Jahre begann die Schwulenbewegung das Gedenken anzustoßen. Ende 1984 fand die erste Ausstellung über Rosa-Winkel-Häftlinge in der evangelischen Versöhnungskirche auf dem Gelände der Gedenkstätte statt. Etwa zur selben Zeit wurde in der Gedenkstätte Mauthausen von den dortigen Schwulengruppen ein Rosa-Winkel-Gedenkstein aufgestellt. Anfang 85 wurde dann ein identischer Stein für Dachau gefordert. „Totgeschlagen – Totgeschwiegen – Den homosexuellen Opfern des Nationalsozialismus“ sollte die Inschrift lauten. Der hätte im April 85, am 40. Jahrestag der Befreiung, aufgestellt werden sollen. Aber der Häftlingsverband hat sich dagegen gewehrt.

Wieso war ausgerechnet der Häftlingsverband dagegen?

Weil er nicht alle ehemaligen Häftlinge vertritt, sondern nur diejenigen, die wegen politischer, rassischer oder religiöser Gründe verfolgt wurden. Die anderen Opfergruppen waren nicht „ehrungswürdig“. 1968 wurde in Dachau ein internationales Mahnmal aufgestellt. Darauf sind die verschiedenen Winkel-Symbole abgebildet, aber das schwarze, grüne und das rosafarbene fehlte. Denn diese Häftlinge wurden nicht aus NS-Gründen verfolgt, hieß es.

Die Argumentation war, dass der Paragraph 175 bereits vor 1933 existierte. Außerdem hieß es in der Begründung des Häftlingsverbands, dass Homosexuelle nach wie vor strafrechtlich verfolgt werden und deshalb nicht würdig wären, auf dem Gedenkstein verewigt zu werden. Da bestanden immer noch alte, gesellschaftliche Vorurteile, sogar bis 1995.

Was ist in diesem Jahr passiert?

Erst 1995 gelangte der Gedenkstein ins Museum der Gedenkstätte und damit war die homosexuelle Verfolgtengruppe auf eine Augenhöhe mit den anderen angekommen. Seit 88 stand er im Vorhof der evangelischen Versöhnungskirche, aber die Schwulengruppen ließen nicht locker, weil sie es als unwürdig empfunden haben, dass der Stein im Freien steht. Das war eine fast zehn Jahre lange Auseinandersetzung, bei denen sich die Aktivisten vehement eingesetzt haben. Deshalb habe ich auch das Buch geschrieben, denn solche Auseinandersetzungen gab es in Dachau nicht oft.

Rosa Winkel

Der Gedenkstein, der erst 1994 seinen Platz im Museum fand. Foto: Albert Knoll

Weshalb sind denn bis heute homosexuelle KZ-Überlebende so unsichtbar?

Die Überlebenden konnten sich bis 1969 nicht erkennen geben, um nicht mit einem Bein im Gefängnis zu stehen und auch nach 69 sind sie nicht an die Öffentlichkeit getreten, da die gesellschaftliche Ausgrenzung weiterging. In den 70ern spielte die Suche nach Zeitzeugen noch keine Rolle in der Schwulenbewegung. Ich denke, die Opfer waren so traumatisiert wegen der Verfolgung, die auch nach dem Krieg anhielt. Sie waren außerdem gegenüber der Bundesrepublik, aber mehr noch gegenüber Häftlingsverbänden skeptisch. Denn die anderen Überlebenden haben ihre Haltung gegenüber den Homosexuellen nie geändert.

Wie erging es den Häftlingen mit Rosa Winkel überhaupt im KZ?

Das hängt davon ab, in welcher Phase man inhaftiert wurde. Aus den Berichten von politischen Häftlingen, die überlebt haben, wissen wir, dass die Vorurteile gegenüber schwulen Gefangenen die ganze Zeit bestanden und auch nach 1945 erhalten blieben. Aus den Anweisungen an die Lagerverwaltung in den 30er Jahren wird deutlich, dass Rosa-Winkel-Häftlinge isoliert wurden und schwerer arbeiten mussten sowie weniger essen durften. So sollten sie zur Heterosexualität umerzogen werden.

Später, etwa zwei Jahre vor der Befreiung, war die Tendenz da, dass deutschsprachige Häftlinge für den Arbeitseinsatz in der Rüstungsindustrie gebraucht wurden. Da konnte es sogar sein, dass ein Schwuler zum Funktionshäftling aufstieg. Im KZ Buchenwald gab es medizinische Experimente an homosexuellen Häftlingen, zum Beispiel mit Operationen und Hormonen. Man wollte messen, ob sich der Körper oder das Sexualverhalten dadurch ändern. Außerdem wurden Häftlinge mit dem Rosa Winkel kastriert. Ihnen wurde versprochen, dass sie danach freikamen, aber mir ist kein Fall bekannt, in dem das tatsächlich eingehalten wurde.

Herr Knoll, besten Dank für das Gespräch.

Das Buch „Der Rosa-Winkel-Gedenkstein. Die Erinnerung an die Homosexuellen im KZ Dachau“ kann per E-Mail an das forum homosexualität münchen erworben werden: info@forummuenchen.org

Mehr zum Thema: „Ich wäre einer von ihnen gewesen“ ist ein persönlicher Erfahrungsbericht über den Besuch der KZ-Gedenkstätte Auschwitz.

Titelfoto: flickr.com/thisisbossi (cc by-sa 2.0)


8 Kommentare

  1. Oliver Nicklas

    Überlebende und die dazugehörigen Opfergruppen sprachen sich nach 45 auch dafür aus, Homosexuelle nicht als Opfergruppe anzuerkennen, da man nicht mit diesen „Perversen“ in einem Atemzug genannt werden wollte.

  2. Julian Sauerwerth

    Ein interessanter, exemplarischer Bericht zum Umgang mit homosexuellen NS-Opfern in der Nachkriegszeit:

    „Bereits während ihrer Tätigkeit beim Berliner Magistrat im „Hauptamt für die Opfer des Faschismus“ (OdF) war Gräfin Yorck an internen Überprüfungen beteiligt, die dazu führten, dass homosexuellen NS-Verfolgten und KZ-Insassen die Anerkennung als NS-Opfer und damit Lebenshilfe verweigert wurde. Noch 1950 war sie für die OdF-Behörde aktiv und vertrat unter anderem eine Betrugsanzeige gegen einen ehemaligen Ingenieur. Dieser war 1944 nur knapp der Todesstrafe entgangen und hatte angesichts der Nachkriegsgesetzgebung seine Verfolgung als Homosexueller verschwiegen. Damit, so die Position von Gräfin Yorck, hatte er die Behörde getäuscht und quasi zu Unrecht Unterstützung erhalten. Er musste schließlich für acht Monate ins Gefängnis. Während der NS-Zeit hatte er übrigens Kontakt zu Eugen Gerstenmaier, einem Mitverschwörer des Kreisauer Kreises, der in der Nachkriegszeit Bundestagsabgeordneter der CDU war und auf dessen Unterstützung er sich auch weiterhin berief, um rehabilitiert zu werden.“

    http://www.taz.de/1/archiv/?dig=2004/07/17/a0289

  3. Dominik Geiwagner

    Einfach nur traurig aber da kann man mal sehen was die Menschen bzw. Politiker von uns halten. Unser Rechte existieren nicht und gäbe es diesen Kampf und die Ehe nicht würden wir für die Gesellschaft nicht existieren. Unsere Würde wird mit Füßen getreten, von unserer Geschichte muss ich erst garnicht anfangen. Da tut man nun so als wäre es Schwulen immer gut gegangen, von Verfolgung nach der NS Zeit und Polizeigewalt reden wir lieber nicht. Wir sollten uns ja nicht so anstellen, es gibt wichtigeres, alle sind genervt wenn sie nur das Wort hören etc. aber an jeder Ecke hört man über die schlimme Christenverfolgung von der angeblich 70% der Christen betroffen sind. Und redet mal jemand über all die Toten und in Angst lebenden LGBTs in Ländern wie Russland etc. oder selbst Ländern wie der USA und bald auch in DE? Und dann unterstützt die CDU auch noch die Demo Für Alle. Ich finde die AfD ja echt schlimm aber die CDU ist für mich 1000-mal schlimmer und unten durch. Und dann erzählt mir mal jemand das nicht alle Christen so sind bzw. Christen gute Menschen sind. Alles klar. Wacht auf.

  4. Julian Sauerwerth

    Du bringst da ein paar Dinge durcheinander. LGBTI werden in den meisten Ländern verfolgt, das ist richtig. Es werden vermutlich in weitaus mehr Regionen der Welt LGBTI verfolgt, als Christen. Die Zahlen zur Christenverfolgung, die Werke wie OpenDoors herausgeben, sind unseriös. OpenDoors wird auch von verschiedenen Kirchen kritisch eingeschätzt. Es gibt natürlich trotzdem Länder, in denen Christen eindeutig verfolgt werden, von Diskriminierung bis hin zu physischer Bedrohung. Aber man sollte die Verfolgung verschiedener Menschengruppen nicht gegeneinander ausspielen.

    Aber warum die AfD jetzt „schlimmer“ sein soll, als die CDU, die zwar ein Sauhaufen ist, aber nicht so offensiv Diskriminierung fordert und fördert wie die AfD, erschließt sich mir nicht.
    Und warum dir deshalb niemand erzählen dürfe „nicht alle Christen seien so“, verstehe ich ebenfalls nicht. Was haben CDU oder AfD mit „allen Christen“ zu tun? Und warum sollten Christen pauschal „gute“ oder „schlechte“ Menschen sein? Was hat das eine mit dem anderen zu tun?

    Da bleiben leider mehr Fragen offen. Vielleicht liegt’s auch an der Uhrzeit. Bevor du anderen ein „aufwachen“ nahelegst, solltest du vielleicht erstmal ausschlafen.


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