Das Böhmermann-Prinzip

Warum das Gedicht genial ist und die Kanzlerin nicht mit einem blauen Auge davonkommt

„Ein Präsident mit kleinem Schwanz” sei Recep Tayyip Erdoğan und dazu noch „schwul, pervers, verlaust und zoophil”. Das sind nur ein paar Beispiele aus Jan Böhmermanns Schmähkritik aus der Sendung Neo Magazin Royale, das den türkischen Präsidenten veranlasste, gegen Böhmermann Strafantrag wegen Beleidigung zu stellen. Das teilte die Staatsanwaltschaft Mainz am Abend mit. Zuvor war wegen eines Videos der Sendung „extra 3” der deutsche Botschafter in der Türkei einbestellt worden. In der Türkei selber wird die Meinungs- und Demonstrationsfreiheit immmer wieder eingeschränkt bzw. behindert: So wurden im Januar laut Amnesty International Wissenschaftler festgenommen, die eine regierungskritische Petition gegen die Militäroperationen im Südosten unterzeichnet hatten. Der Instanbul Pride im Juni 2015 wurde gewaltsam mit Wasserwerfen aufgelöst (MÄNNER-Archiv).

Das ZDF hat Böhmermanns Beitrag aus der Mediathek gelöscht, aber man findet das Video noch in verschiedenen Bearbeitungen auf YouTube. Nur: Dort hat man Rahmen, den Böhmermann seinem – zweifellos geschmacklosen – Gedicht gibt, weggeschnitten. Und eben auf den Rahmen, die Meta-Ebene kommt es an. In dem beanstandeten Beitrag hatte Böhmermann angekündigt, ein Gedicht namens „Schmähkritik” über Erdoğan zu verlesen, weil er dem türkischen Präsidenten den Unterschied zwischen Satire und einer Schmähkritik zeigen wolle, die in Deutschland verboten ist. (Hier die Böhmermann-Sendung im Wortlaut) Dazu eine Einschätzung der Berliner Strafverteidigerin und Rechtsanwältin Sissy Brucker.

 

Kurt Tucholsky schrieb nicht nur messerscharfe Satiren unter Pseudonymen – er sagte auch, dass Satire alles dürfe. Das Gedicht von Jan Böhmermann scheint nun aber eine „Staatskrise“ herbeizurufen. Denn die schwierige Entscheidung für die Kanzlerin wird sein: to be or not to be – genauer gesagt, stimmen wir als Bundesregierung einem Strafverfahren zu oder nicht?

Ich wünsche mir daher förmlich, dass die Kanzlerin ein gerichtliches Verfahren will

Ich glaube, dass dieses einen grundsätzlichen Diskurs unserer wesentlichen Freiheitsrechte ankurbeln würde, wie wir es seit 70 Jahren nicht mehr hatten. Ich wünsche mir daher förmlich, dass die Kanzlerin ein gerichtliches Verfahren will. Und wenn es soweit kommen sollte, dann stellt sich wirklich die Frage: Was durfte Satire hier und was nicht?

Dass der wörtliche Inhalt des Gedichts reine Gossensprache darstellt, ist wohl für jedermann ohne Zweifel offensichtlich. Dass Jan Böhmermann mehrfach sagt, dass dies nicht erlaubt sei und Schmähkritik, kann den Inhalt ja selbst nicht besser machen. Und doch hebt seine Art und Weise, eben die Kunst der Darstellung, alles auf eine Meta-Ebene.

 Auch dumme oder gar rassistische Äußerungen sind durch die Meinungsfreiheit geschützt – es sei denn, es ist eben eine Schmähung

103 StGB ist eine Norm, die äußerst selten zur Anwendung kommt. (Demnach 103 muss die Bundesregierung zustimmen, ob es zu einem Verfahren kommen soll. Diese Zustimmung ist Prozessvoraussetzung, dass es zu einer Anklage kommen kann – nachzulesen in § 104a StGB.) Schützen soll diese Norm die diplomatischen Beziehungen zu anderen Staaten. Allerdings macht sich jemand dann nicht strafbar, wenn seine Meinung von der Verfassung geschützt wird. Äußerst kritische, scharfe und polemische Äußerungen sind nach unserem Bundesverfassungsgericht zulässig (in dubio pro libertate). Auch dumme oder gar rassistische Äußerungen sind durch die Meinungsfreiheit geschützt – es sei denn, es ist eben eine Schmähung.

Was ist eine Schmähung?

Die Schmähung zielt nur auf eine Herabwürdigung der Person. Böhmermann wird sich mit dem Wortlaut des Gedichts wohl kaum auf die Meinungsfreiheit berufen können.  Und jetzt wird es kompliziert – denn Böhmermann nutzt mit der Art seiner Darstellung eben auch die Kunstfreiheit, geregelt in Artikel 5 des Grundgesetzes. Er verpackt die Meinungsäußerung in Kunst – das heißt in Satire.

Satire ist nach der Rechtsprechung scharfe Kritik durch künstlerische Verfremdung und polemische Überspritzung

Sie ist dramatisch, aggressiv, hässlich und sogar obszön – bricht Tabus, ignoriert die Moral und verletzt Grenzen.  Genau das macht Jan Böhmermann – denn er beschimpft Erdogan nicht ernsthaft mit den Gossensprüchen, stattdessen sind die Worte nur ein kleiner Teil seiner Fernsehperformance. Die Performance ist die Meta-Ebene und das ist Böhmermanns Philosophie – kurz das Böhmermannprinzip. Seine satirische Darstellung muss aber auch noch die Hürde des Kunstbegriffs nehmen. Ist das nun Kunst?

Was ist „schlechte Kunst”?

Kunst entspringt aus der freien, schöpferischen Gestaltung. Auch „schlechte Kunst“ kann also Kunst sein. Und mal ehrlich, das Gedicht selbst ist fürchterlich schlecht, aber es reimt sich. Auch hat er es selbst ausgedacht. Böhmermann muss wohl irgendwie schöpferisch tätig gewesen sein.

Böhmermann will, dass wir nachdenken über unsere Werte

Jan Böhmermann hat meiner Meinung nach ein Gesamtwerk schöpferisch komponiert und mit einer philosophischen Ebene versehen, die genau das ausrichtet, was Kunst ausrichten soll: uns zum Nachdenken über unsere Werte anregen!

Was letztendlich bleibt, ist Böhmermanns Verantwortung für die Folgen seiner Kunst. Und die Folge ist die Verletzung der Menschenwürde von einem anderen Menschen. Hier kommt der Wortlaut des Gedichts wieder zum Tragen. Und am Ende bleibt die Frage: Hat Böhmermann die Menschenwürde von Erdogan verletzt?

Kontakt zu Dr. M. Sissy Brucker, die sich seit Jahren im Berliner CSD e.V. engagiert, über www.rechtskanzlei-brucker.de

Diese Online-Petition fordert Meinungsfreiheit und die Straffreiheit für Jan Böhmermann

Titelbild: Neo Magazin Royal/ZDF


7 Kommentare

  1. Michael Krüger

    Sissy Brucker schreibt: „Ich wünsche mir daher förmlich, dass die Kanzlerin ein gerichtliches Verfahren will”
    Das verstehe ich nicht so ganz. Gilt in Deutschland nicht die Gewaltenteilung und entscheidet nicht die Staatsanwaltschaft, ob ein Ermittlungsverfahren eingeleitet wird? Inwiefern hat die Regierung darauf (rein rechtlich) direkten Einfluss?

  2. Sissy Kraus

    Bei § 103 muss die Bundesregierung, nach dem Verlangen der türkischen Regierung zustimmen, ob es hier zu einem Verfahren kommen soll. Diese Zustimmung ist tatsächlich Prozessvoraussetzung, ob es überhaupt zu einer Anklage kommt. Das steht in § 104a StGB.

  3. Kai Ahnung

    Dieser völlig unsinnige Paragraph sollte meiner Meinung nach abgeschafft werden ! Er ermöglicht ausländischen Staatsoberhäuptern Einflussnahme in Deutschland


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