sm IMG_3669

Coming-out – heute und gestern

Diskussionsrunde im Schwulen Museum* über Schubladen, Sexualität und Selbstbestimmung

von Ronny Matthes

„Für mich war das Schlimmste am Schwulsein schon immer, dass man früher oder später gezwungen wird, seine Mitmenschen darüber zu informieren. Genau, dieser schreckliche Moment, in dem man seine Schlafzimmertür aufreißen und die anderen wissen lassen muss, was man da drin am liebsten macht. Nämlich Schwänze lutschen. Zumindest bin ich mir ziemlich sicher, dass jeder normale Heterosexuelle sofort diese Assoziation hat, wenn man ausspricht, dass man schwul ist. Und das nervt. Geht doch keinen was an eigentlich, oder?“

So wie Felix, der Hauptfigur aus Julian Mars’ Romandebüt Jetzt sind wir jung (Albino Verlag), geht es vielen jungen Menschen. Da haben Generationen von Aktivisten für „unsere Rechte“ gekämpft, für mehr Sichtbarkeit Homosexualität und Trans*personen gestritten – und was macht die junge Generation? Sie will sich gar nicht mehr eindeutig festlegen (müssen).

sm IMG_3680

Julian Mars liest (Foto: R. Matthes)

Dieser Tenor herrschte gestern Abend im Schwulen Museum* in Berlin bei der Diskussionsveranstaltung. Die Länge des Titels der Veranstaltung gab die Schwere des Themas vor: „Jetzt sind wir jung: Was bedeutet es heute, LSBTI* zu sein? Eine Diskussion über Schubladen, Sexualität und die neue Selbstbestimmung“. Im bis auf den letzten Platz gefüllten Ausstellungsraum des Museums fand sich eine bunte Mischung von Diskutanten und Autoren ein. Die jüngste Teilnehmerin war 14, die älteste 78. Journalist Tilmann Warnecke vom Tagesspiegel war ebenso vertreten wie Joe, Mitarbeiterin im Schwulen Museum*, die über ihre schwierige Coming-out-Erfahrung im katholischen Münsterland sprach. Den Rahmen bildeten zwei Lesungen, einerseits von Autorin Karen-Susan Fessel, einem – wie sich sich schmunzelnd auf dem Podium bezeichnete – „Urgestein der Lesbenbewegung“. Sie erhielt 2011 den Rosa-Courage-Preis. Andererseits las der eingangs erwähnte Julian Mars.

 

Foto Detlef.

Detlef Mücke (Foto: privat)

Pädagogische Expertise steuert Bundesverdienstkreuzträger Detlef Mücke bei, Gründungsvater der Arbeitsgemeinschaft homosexueller Lehrer und Erzieher in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft und ebenfalls Gründungsmitglied des Schwulen Museums*. Moderator Kevin Clarke (Vorstand des Museums) führte durch den Abend.

Studie: Vieles ist besser, doch längst nicht alles gut

Es ging nicht nur um subjektive Eindrücke und Erfahrungen, wie die beeindruckende Schilderung von Joes erzwungenem Coming-out als Bisexuelle an der Schule, sondern auch um valide Fakten anhand der Studie „Coming-out – und dann…?!“, einem Forschungsprojekt des Deutschen Jugendinstituts zur Lebenssituation von lesbischen, schwulen, bisexuellen und trans* Jugendlichen und jungen Erwachsenen (MÄNNER-Archiv). Die Grundaussage der Studie, dass vieles besser, doch längst nicht alles gut sei, fand sich unter den Diskutierenden auf dem Podium und im Publikum bestätigt. 64% der Jugendlichen berichten, dass ihr Coming-out nicht ernst genommen oder absichtlich ignoriert werde. Wie kann es sein, dass trotz der scheinbar gewachsenen gesellschaftlichen Liberalität LGBTI-Jugendliche überhaupt noch ein Coming-out nötig haben?

Ich toleriere dich heißt: ‘Ich erlaube Dir gnädigst aus meiner Machtposition, das und das zu tun oder zu sein.’

Joe wandte ein, dass diese Liberalität einher geht mit dem zwiespältigen Begriff der Toleranz, der immer auch wertend sei. „Ich toleriere dich heißt ja nicht viel mehr als ‘Ich erlaube dir gnädigst aus meiner Machtposition, das und das zu tun oder zu sein.’“ Auch erinnerten die Diskutierenden daran, dass mit der vermeintlichen gesteigerten Akzeptanz von Vielfalt eine konservative Rolle rückwärts stattfindet, Stichworte Bildungsplan und „Genderwahn”. Dass Coming-outs kein Problem mehr sind, bezeichnete Moderator Kevin Clarke als Illusion. Gleichzeitig sieht er den Prozess des Coming-outs im Umbruch: Viele Jugendliche sähen sich gar nicht mehr in der Schublade „homosexuell“, sondern bestehen darauf, einfach als „Mensch“ anerkannt zu werden, ohne Labels. Die jüngeren Besucher der Veranstaltung bestätigten dieses Bild, mehrere Redebeiträge im offenen Diskussionsteil beschäftigten sich mit dem strategischen „Labeling“ der eigenen Identität – also wann und unter welchen Umständen sich wer als Lesbe, Schwuler, Trans*person, bi- oder intersexuell outet.

Neue Differenziertheit an Begriffen

„Mit der neuen großen Differenziertheit an Begriffen – LGBTI Sternchen Unterstrich und so weiter – hat man heute als junger Mensch natürlich auch ganz andere Wahlmöglichkeiten als früher, da gab’s halt lesbisch und schwul“, gab Detlef Mücke zu bedenken. Jugendliche würden als Menschen wie alle anderen auch wahrgenommen werden wollen, jenseits ihrer geschlechtlichen Identität oder sexuellen Vorliebe. Besucherin Jenny pflichtete dem bei: „Ich denke, dass ist ein Reflex, dass man sofort aufs Geschlechtliche geht. Was vielleicht daran liegt, dass ja schon im Wort ‘homosexuell’ das Wort Sex drin steckt.

Karen-Susan_Fessel

Karen-Susan Fessel (Foto: Querverlag)

Dass man als Person vielschichtiger ist als nur die eigene Sexualität, ist auch in der Pädagogik noch nicht richtig angekommen.“ Jenny studiert soziale Arbeit in Berlin. Besonders der Beitrag von Karen-Susan Fessel gefiel ihr gut. „Sie war ja schon sehr kritisch zu sagen ‘Es ist nicht alles so einfach’. Das fand ich sehr gut, weil das genau mein Eindruck ist.“ Auch die die Beiträge von Tilmann Warnecke, Leiter des Queerspiegels (dem LSBTI*-Blog des Tagesspiegels), fand sie interessant. Warnecke wies darauf hin, dass Medienprojekte wie der Queerspiegel vor einigen Jahren in Deutschland noch undenkbar waren. „Medial haben wir einen großen Fortschritt, aber gesellschaftlich noch nicht.“

Von Berufsschwulen und Kampflesben

Dass gesellschaftlicher Fortschritt hart erkämpft wird, war Konsens an diesem Abend. Wie man mit diesem Kampf – und dem Erbe der älteren Lesben- und Schwulenbewegung – umgeht, jedoch umstritten. Während die älteren Teilnehmer daran erinnerten, dass ohne die Sichtbarmachung von LSBTI*-Lebensweisen und ihren Symbolen viele Fortschritte gar nicht erstritten worden wären, zeigten sich die Jüngeren eher ablehnend, was Regenbogenflagge und „Berufsschwulentum“ anging. Das Vokabular des Abends zeigte auch, wie sehr der akademische Gender-Diskurs im Kulturbetrieb angekommen ist – und dass sich vor allem die jungen Diskutierenden dieser Sprache bedienen. Intersektionalismus, Labeling und Genderqueerness stehen vermeintlich starren Konzepten von Schwul- und Lesbischsein gegenüber.

Jugendliche gehen auf Distanz zu älteren ‘Berufsschwulen’

Kevin Clarke erlebt, dass viele Jugendliche auf Distanz zu älteren „Berufsschwulen und -lesben“ gehen, die für eine Anerkennung ihrer sexuellen Orientierung gekämpft haben und immer noch kämpfen. Diese öffentliche Kampfhaltung sei ihnen jedoch nur solange fremd, bis sie selbst mit Ausgrenzung konfrontiert werden. Beim Blick ins Publikum konnte man jedoch den Eindruck gewinnen, dass LSBTI*-Jugendliche durchaus politisch interessiert sind und das Erbe der älteren Schwulen- und Lesbenbewegung nicht ablehnen, sondern sich neu aneignen und transformieren.

Nach über zwei Stunden Lesung und Diskussion wurde die Veranstaltung beendet – nicht ohne die abschließende Feststellung des Moderators, dass der große Gesprächsbedarf und das rege Interesse eine Fortsetzung des Abends nahelegt. Besonders nur kurz angeschnittene Themenfelder wie Coming-out in verschiedenen kulturellen und religiösen Kontexten und eine kritische, nicht-westliche Perspektive bieten für eine erneute Veranstaltung dieser Art Anknüpfungspunkte. Aktuelle Termine findet man unter www.schwulesmuseum.de.

Titelfoto: R. Matthes


2 Kommentare

  1. Bernhard Kreiner

    schlimm genug das viele denken das homosexuelle alle rechte haben was aber nicht stimmt- man muss sich dann dafür rechtfertigen welche rechte man weniger hat– unsere rasse die homosexuellen—- oder lgbttiqa menschen geraten immer noch unter generallverdacht- wann hört die verfolgung unsere gruppe auf

  2. Rolf Michael Kiesen

    Im 21. Jahrhundert sollte man endlich damit aufhören, ein Drama daraus zu machen, dass jemand schwul ist. „Erlaubt ist, was gefällt”, sagte Goethe. Michael Kiesen, Autor u.a. Krimi „Alibi Paris”


Schreibe einen neuen Kommentar



Likes & Shares

Durch die fortgesetzte Nutzung der Website erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. mehr Info

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close