Hallberg Author Photo_Credit Mark Vessey

Hölle, Homos, High Society

Garth Risk Hallbergs Debüt "City On Fire" ist der aufregendste Roman der Saison

Es gibt Städtenamen, bei deren Erwähnung sich sofort ein literarisches Bild einstellt; eine Empfindung, eine bestimmte Geschwindigkeit, ein Geruch. Paris natürlich und Neapel, Shanghai, Prag, Lissabon, Rio. Auch Berlin. Galt Paris einmal als Stadt der Städte, hat gegen Mitte des letzten Jahrhunderts New York City diese Funktion übernommen. Hier nimmt die westliche Zivilisation an sich selbst Maß. Hier prüft sie nach, wie es um diese Gesellschaft und ihre Individuen steht, ob sie die anspruchsvolle Bezeichnung „Zivilisation“ noch verdient. Zuletzt konstatierte Michael Cunningham in „Die Schneekönigin“ eine Welt, in der alles fließt, wo es kein Halten mehr gibt und wo folgerichtig niemand mehr erwachsen werden will.

 So überwältigend wie die Skyline von Manhattan ist auch der Anblick von „City On Fire“

So überwältigend wie die Skyline von Manhattan ist auch der Anblick von „City On Fire“: Ein Klotz von einem Roman, 1280 Seiten dick, doch, wie bei der Stadt selbst gilt, sich bloß nicht einschüchtern zu lassen. Mehr als 30 Seiten braucht es nicht, um diesem Buch komplett zu verfallen. Das Erstlingswerk (!) spielt 1976, als die New York noch nicht Disney gehörte, sondern dem schmutzigen Krieg, vor Graffitis nur so strotzte. Die Stadt der Raubüberfalle, Punkkonzerte, Sexclubs. Hier begriff man sofort, warum Freiheit immer auch etwas Gefährliches hat. Alles beginnt mit dem schwarzen, armen, antialkoholischen Mercer aus den Südstaaten, der die Beziehung zu seinem weißen, steinreichen, heroinabhängigen Punkmusikerfreund von der Ostküste retten will. Und mit Kontrasten geht es weiter: Wolkenkratzer trifft aus Vorstadtidylle, Hochfinanz auf Niedriglohn, Idealismus auf Kaltschnäuzigkeit. Faszinierend, wie der Autor es versteht, tief in die Psyche und Sprache einer magersüchtigen Societyfrau zu kriechen, in einen hartgesottenen Cop, einen eleganten Banditen der Hochfinanz.

Und am Ende ergibt sich ein atemberaubendes Gesamtbild.

Der Roman ist wie ein impressionistisches Gemälde komponiert, Unterabteilung Pointillismus. Anfangs sieht man nur Punkte, doch bald entdeckt man überall Verbindungen, Strukturen. Und am Ende ergibt sich ein atemberaubendes Gesamtbild. Dieser Schnitt durch Generation, Klasse, Rasse und Sexualität beschreibt eine Zeit, in der Veränderung noch möglich schien, wo Begriffe wie Utopie und Ambition noch nicht herablassend belächelt wurden – und wie sie sich dem Ende zuneigt, bis das gute alte Tandem Geld und Macht wieder das Ruder übernimmt. Hallbergs Sprache ist zugänglich, aber dank seiner kräftigen Bilder und treffenden Vergleiche ebenso intelligent wie raffiniert. Dieser Brocken von einem Buch ist so fesselnd, dass man nicht schnell genug nach Hause kommen kann, um weiter zu lesen. In Interviews gibt Hallberg mit entwaffnender Offenheit zu, sehr genau die aktuellen Fernsehserien studiert zu haben. Die bedienen sich mit ihren großen Handlungsbögen nämlich deutlich beim Roman. Und so erobert Hallberg das Terrain der lange aufrechterhaltenen Spannung für sein Werk zurück. Statt Binge Watching nun also Binge Reading. Als Soundtrack empfehlen wir dazu Patti Smith und Donna Summer. Abwechselnd.

Text: Matthias Frings/Bild: Mark Vessey, Fischer Verlage

City on Fire, Garth Risk Hallberg, Fischer Verlag, 1280 Seiten, 25 Euro

Der Trailer zum Buch:


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